Die erste Konzertlocation von Jan Augsbergs selbst auferlegter Tournee war schon recht ungewöhnlich: Eine 150 Quadratmeter große Fahrradwerkstatt, an den Wänden hingen Werkzeuge, in der Mitte des Raumes stand ein Klavier, an dem der Musiker spielte. 120 Leute kamen – und waren begeistert von dem Mix aus alternativer Pop- und klassischer Musik.  "Es war einfach toll und hat großen Spaß gemacht. Ein schöner Anfang in und gleichzeitiger Abschied von der Stadt Braunschweig", erzählt der 32-Jährige.

In Braunschweig hat Augsberg die vergangenen zehn Jahre gelebt, hier studierte er zunächst Elektrotechnik. Seinen Eltern zuliebe. "Die wollten, dass ich was  Ordentliches lerne", erzählt der Künstler lachend. Doch der Ingenieursstudiengang lag ihm überhaupt nicht. "Mich zog es eher zum Kunsthandwerk. Letztlich habe ich mich für eine gute Mittellösung entschieden und Architektur studiert", sagt er. Mit dem Diplom in der Tasche fand er 2012 auch sofort eine Anstellung in einem Architekturbüro, wo er knappe drei Jahre arbeitete.

Während dieser Zeit reifte ein Plan in ihm, der immer konkreter wurde: Augsberg ist mit ganzem Herzen Musiker, und als solcher wollte er auch leben. Ohnehin widmete er jede freie Minute seinem Hobby, sämtliche Urlaubstage gingen für die Musik und selbst finanzierte Studioaufnahmen drauf. "Aber ich musste mir erst einmal ein Kapital erarbeiten, um meinen Traum verwirklichen zu können." 

Pro Stadt nur ein Auftritt

Auch ein Konzept überlegte Augsberg sich genau: In diesem Jahr will er weltweit 100 Konzerte auf dem Klavier spielen, zu manchen Stücken auch singen.

Ein Konzert kann nach seiner Definition  überall da stattfinden, wo ein Klavier steht: Im Altenheim, in Büchereien, in Stadthallen, in Cafés oder auf öffentlichen Plätzen. Allerdings will der Musiker in jeder Stadt nur ein einziges Mal spielen. Dabei setzt er ganz stark auf die sozialen Medien. Über die will er Konzertorte ausmachen und Gigs vereinbaren. In Asien ist ihm das bereits gelungen: "Ich werde in Shanghai, Tokio und Hongkong spielen. In jeder großen Stadt gibt es Communitys, wo Künstler und Musiker sich online treffen und austauschen. Durch lange und intensive Recherche bin ich in die Foren reingekommen, habe direkt Cafés und Bars angeschrieben – und tatsächlich Antworten bekommen." Zehn Konzerte sind so vereinbart worden.

Unterstützt wird Augsberg bei seinem Vorhaben von dem Verein Spread Music, der ihm bei der Planung seiner Tournee in England und Amerika hilft. Zudem ist der gebürtige Berliner in Kontakt mit Sofarsound – einem Verein, der sich dafür einsetzt, dass es weltweit wieder mehr Konzerte von unbekannteren Künstlern gibt. Sie helfen dabei, kleinere Hauskonzerte zu organisieren. "Zusätzlich setze ich ganz stark auf Musikliebhaber. Jeder kann mich, egal in welchem Land er sich befindet,  anschreiben und mir mitteilen, wo ein Klavier steht, auf dem ich spielen könnte." So machte es auch die Braunschweiger Fahrradwerkstatt, als sie von der Idee des 32-Jährigen erfuhr – nur, dass das Klavier dort noch hingebracht werden musste.

Alle Konzerte von Jan Augsberg sind öffentlich und werden über die sozialen Medien publik gemacht. Eintritt verlangt der Musiker nicht, aber jeder Obulus ist willkommen. Neben seinem eigenen Kapital bemüht Augsberg sich momentan zusätzlich um Fördermittel. Manchmal vermisst er die finanzielle Sicherheit, die der Architektenjob ihm gab. "Aber wenn ich die Architektur weiter fortgeführt hätte, hätte ich keine Chance gesehen, in der Musik etwas zu machen. Ich bin der Meinung, dass man da zu 100 Prozent einsteigen muss – egal, ob man einen Cut macht oder einen Wechsel."

Ein ganzes Jahr will Augsberg nur Musiker sein. Und dann? "Ich habe die Hoffnung, 2017 nicht wieder zur Architektur zurückkehren zu müssen. Wobei das auch okay wäre. Aber vielleicht kann ich Musik für Apps und Filme machen. Denn dass man nur als Musiker, Singer und Songwriter existiert, ist extrem schwierig. Das ist mir bewusst. "