Hätte Yolanthe* damals gewusst, was ihr bevorstehen würde, hätte sie sich anders entschieden. Doch sie ahnte nichts Böses, als sie sich darauf einließ, in einem deutschen Haushalt rund um die Uhr als Pflegekraft zu arbeiten. "Als ich nach zwölf Wochen zurück nach Polen ging, fühlte ich mich wie eine befreite Sklavin. Ich war fertig. Wirklich", sagt sie.

Yolanthe ist eine von derzeit geschätzten 150.000 bis 300.000 Frauen aus Osteuropa, die in Deutschland als Haushalts- oder Pflegekraft tätig sind. Sie füllen die Versorgungslücke aus, auf die Angehörige stoßen, die sich keine offizielle 24-Stunden-Betreuung für ihre Verwandten leisten können und daher auf Pflegeangebote auf dem prekären Arbeitsmarkt zurückgreifen oder Hilfe über Internetagenturen anheuern. Auf diesem Weg begann auch Yolanthes Karriere als schlecht bezahlte Migrantin. Ihr Arbeitsplatz entzieht sich der öffentlichen Kontrolle und Qualitätssicherung. Wenn aus einer einfachen Haushaltskraft eine überforderte Pflegekraft wird, bekommt es niemand mit.  

Yolanthe war 45 Jahre alt und geschieden, als sie sich entschied, in Deutschland zu arbeiten. In ihrer Heimatstadt Bytom, einer 175.000-Einwohnerstadt mit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit, fand sie keine Beschäftigung. "Ich brauchte das Geld. Ich hatte Schulden und viele unbezahlte Rechnungen. Mir war es ganz egal, was ich arbeiten sollte", erzählt die Polin, die ursprünglich Friseurin gelernt hatte. Sie ließ sich von einer polnischen Internetagentur anheuern. Gesucht wurde eine Haushaltshilfe. "Ich wusste nur, dass ich einem alten deutschen Paar im Haushalt helfen und es auch mal zum Arzt begleiten sollte. Ich dachte an einkaufen, putzen und Wäsche machen. Von körperlich anstrengender Pflege war nie die Rede", sagt die Frau, deren Hände zeigen, dass sie zupacken kann und in ihrem Leben schon oft schwer körperlich gearbeitet hat. Die polnische Agentur vermittelte sie schnell. Innerhalb weniger Stunden war der Vertrag unterzeichnet. Yolanthe fragte nicht nach, in welche Familie sie kommen oder ob sie ein eigenes Zimmer haben würde.

Als sie mit ihrem gebrochenen Deutsch – Sprachkenntnisse waren die einzige Voraussetzung für die Vertragsunterzeichnung – in Deutschland ankommt, versteht sie augenblicklich, dass dieser Job kein Spaziergang wird.

Yolanthe traf eine Tochter und ihre sehr gebrechlichen Eltern. "Die Tochter hat mir gesagt: waschen, anziehen, Toilette gehen, Tabletten geben, einkaufen, putzen." Der alte Mann war schwer an Demenz erkrankt. Seine 80 Jahre alte Frau war ebenfalls pflegebedürftig. Die Tochter hatte keine Zeit, weil sie berufstätig war und woanders wohnte. "Sie wollte ihre Eltern nicht allein lassen", erzählt Yolanthe, "sie konnte sich aber nur mich leisten."

Yolanthe wird vom ersten Tag an rund um die Uhr gefordert, obwohl sie keine ausgebildete Pflegefachkraft ist. Der große, 85 Jahre alte Mann ist stark pflegebedürftig. Er kann weder alleine essen, noch sich alleine anziehen oder waschen. Yolanthe, eine Frau von durchschnittlicher Statur, muss den 95-Kilo-Mann stützen und heben.

Die Agentur verdient mit

Sie Kann das alte Ehepaar eigentlich nicht alleine lassen, muss es aber doch, wenn sie zum Einkaufen hetzt. Noch anstrengender sind die Nächte. Der Demenzkranke kennt den Unterschied von Tag und Nacht kaum noch. Kann er nicht schlafen, ruft er nach Hilfe. "Er rief immer. Um aufzustehen oder weil er etwas trinken wollte. Manchmal rief er mich zwanzigmal in der Nacht", sagt Yolanthe.

Sie ist untergebracht im ehemaligen Kinderzimmer neben dem Schlafzimmer des pflegebedürftigen Paares. "Ich war immer in Bereitschaft. Ich hatte kein privates Leben mehr", erzählt sie.

900 Euro netto im Monat erhält sie für 24 Stunden Arbeitszeit an sieben Tagen in der Woche. Nach drei Monaten kündigt sie und geht zurück nach Polen. Die Tochter des alten Ehepaares sucht erneut eine Haushaltskraft.

Heute pendelt Yolanthe weiter zwischen Deutschland und Polen. Sie arbeitet in unterschiedlichen Haushalten. Als Migrantin erzielt sie in einem Privathaushalt das wohl niedrigste Einkommen in der Pflegebranche. "Ich weiß das. Aber in Polen verdienst du selbst als Krankenschwester im Schichtdienst gerade mal 400 Euro. Und hier habe ich sogar Kost und Logis frei", sagt sie. Dass die Vermittlungsagentur auch kräftig mitverdient und ihr einen Teil ihres Lohnes entzieht, nimmt sie in Kauf.

Gute Geschäfte angesichts eines fortschreitenden Pflegebedarfs machen nicht nur solche Agenturen. Auch die bundesweit 12.300 ambulanten Pflegedienste und 12.400 Pflegeheime tun es. Doch das System, in dem Milliarden Euro bewegt werden, hat Schattenseiten. Der gerade aufgedeckte Skandal, bei dem kriminelle Pflegedienste laut Einschätzung des Bundeskriminalamtes jährlich einen Schaden in Höhe von 1,25 Milliarden Euro in den Kranken- und Pflegekassen verursachen, weil sie nicht erbrachte Leistungen abrechnen oder gar die Angehörigen der Pflegebedürftigen zu Komplizen machen, ist dabei nur ein Aspekt.

Weil es immer mehr Pflegedienste, immer mehr private Pflegeheime und einen steigenden Bedarf an Dienstleistungen für die Bereiche Teilhabe, Haushalt und Grundpflege gibt, mangelt es an Fachkräften. Diesen Mangel gleichen häufig Frauen aus Osteuropa aus, die nicht unbedingt examinierte Altenpfleger und Krankenschwestern sein müssen. Häufig werden sie nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di über Qualifizierungsmaßnahmen der Arbeitsagenturen unter anderem zu Pflegeassistenten, Pflegehelfern oder Alltagsbegleitern qualifiziert und in Pflegeheimen oder ambulanten Pflegediensten als Teilzeitkräfte oder als schlecht bezahlte Vollzeitkräfte beschäftigt.