Viele Firmenchefs klagen über den Fachkräftemangel. Doch mancher Jobsuchende um die 50 zweifelt an diesem Mantra, wenn er nach vielen Berufsjahren eine neue, sozialversicherungspflichtige Stelle sucht und viele Bewerbungen schreiben muss. In einer Befragung des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) aus Bonn klingt an, dass der Arbeitsmarkt in Zukunft keine scharfen Altersgrenzen mehr zieht. 80 Prozent der knapp 200 befragten Personalberater sind demnach davon überzeugt, dass sich die Jobchancen von Menschen jenseits des 50. Lebensjahres mit Berufserfahrung in den kommenden Jahren verbessern werden.

Das klingt gut. Aber ist das wirklich so? Immerhin werden in vielen Branchen, die stark vom digitalen Wandel betroffen sind, viele ältere Mitarbeiter aufs Abstellgleis der Frühverrentung geschoben.

Wolfram Tröger, Vorsitzender des Fachverbands Personalberatung im BDU und Headhunter in Frankfurt am Main, räumt ein, dass tatsächlich viele Beschäftigte in einem Alter ab Ende 50 diese Erfahrung machten. Aber er rechnet, dass es mittelfristig – in zwei bis drei Jahren – zu einem Sinneswandel in den Unternehmen kommen werde. "Für bestimmte Jobprofile wird es einen Engpass geben. Außerdem merken Unternehmen, dass ihnen auch Expertise verloren geht, wenn sie die älteren Mitarbeiter entlassen."

Allerdings dauere es, bis sich ein Wandel in den Köpfen vollzogen habe. Zu groß sind immer noch die Vorbehalte.

Noch bis vor wenigen Jahren galt 50 als magische Zahl. Aber die zunehmend bessere Gesundheit, die steigende Lebenserwartung und nicht zuletzt auch der Jugendwahn haben ihre Vorteile: Heute gelten 50-Jährige als gerade erwachsen. Nicht zuletzt auch, weil viele erst mit Ende 30 oder sogar mit über 40 Familie gründen. Die Lebensphasen verschieben sich – und damit vollzieht sich auch ein genereller Wandel.

Problematisch sei allerdings die Rente mit 63, so Tröger. Die schade älteren Arbeitssuchenden.

Das sagt die Arbeitsmarktstatistik

Dieses Argument ist für Oliver Koppel keineswegs stichhaltig. Der Volkswirt forscht am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln und hat sich die Berufsgruppen der Ingenieure, Informatiker und Mathematiker, also die sogenannten MINT-Berufstätigen, genauer angesehen. Akademiker betreffe die Rente mit 63 sowieso nicht, denn kaum jemand mit Hochschulstudium erreiche die 45 Berufsjahre bis zum 63. Lebensjahr. "Es gibt aber ein Problem bei männlichen Facharbeitern, die oft eine lückenlose Erwerbsbiografie haben, die 45 Berufsjahre mit 63 erreichen und dann in Rente gehen", sagt Koppel.

Auch wenn viele aus dem Freundeskreis Arbeitslose kennen, die lange nach einem neuen Job gesucht haben, so belegten die Arbeitsmarktzahlen, dass die Erwerbsquote in allen Altersgruppen angestiegen sei, so Koppel. Lag diese 2005 für die 60- bis 63-Jährigen noch bei mageren 36,6 Prozent, so waren in dieser Altersgruppe im Jahr 2014 knapp 63 Prozent erwerbstätig. Rechne man aus diesen Zahlen diejenigen heraus, die keinen Job suchen oder freiwillig nicht arbeiten, dann liege die Erwerbsquote in dieser Altersgruppe bei 93,7 Prozent. "Das heißt, nur knapp sechs Prozent der arbeitswilligen und -fähigen zwischen 60 und unter 63 Jahren fanden 2014 keine Arbeit", so der IW-Forscher.