Digitale Arbeit boomt. Allein in Deutschland gibt es 750.000 Freiberufler, die Produkttexte schreiben, Software entwickeln oder neue Apps testen und bewerten – oft für kein oder sehr wenig Geld. Beim Crowd- oder Cloudworking lernen sich Auftraggeber und Mitarbeiter nicht persönlich kennen. Die Aufträge werden über eine digitale Plattform vermittelt. Vor allem IT-Spezialisten arbeiten nebenberuflich so – oft aus freien Stücken, weil ihnen die selbstbestimmte Arbeit Spaß macht und sie auf diesem Wege ihr Fachwissen erweitern. Und auch, weil sie oft in ihren Jobs als Festangestellte keine Möglichkeit zur kreativen Entfaltung haben.

Doch zunehmend sind es nicht nur abgesicherte Festangestellte, die so tätig sind – sondern immer mehr gut ausgebildete Berufseinsteiger, die in Ermangelung fester sozialversicherungspflichtiger Jobs als schlecht bezahlte Freelancer in der Cloud arbeiten. Die Gewerkschaften sehen daher diese Entwicklung als Bedrohung an. Denn soziale Absicherung oder gar der Mindestlohn gelten für diese Beschäftigungsverhältnisse nicht. Die Rede ist von digitalen Tagelöhnern. Der Forscher Ayad Al-Ani, der unter anderem für das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft tätig ist, hat untersucht, wie die Crowdworker ihre Arbeitsbedingungen selbst einschätzen.

ZEIT ONLINE: Worin unterscheidet sich ein Crowdworker von einem traditionell angestellten Arbeitnehmer?

Ayad Al-Ani: In der Regel entscheidet der Crowdworker selbst, welche Arbeit er oder sie übernimmt. Zu dieser Selbstidentifikation kommt noch die Selbststeuerung hinzu: Innerhalb bestimmter Zeitfenster steuert der Crowdworker seinen Arbeitseinsatz selbst. Ein signifikanter Unterschied zum Angestelltenverhältnis. Hier entscheidet der Vorgesetzte durch Anordnung, wer, was und wann zu tun hat. Das Vertragsverhältnis des Crowdworkers kann durchaus komplex sein. Oftmals kommt es zu Dreiecksverhältnissen – zwischen Crowdworker, dem Plattformunternehmen als Vermittler und dem Endkunden. Der konventionelle Arbeitnehmer hat nur einen Angestelltenvertrag, der zwar seine Leistungen oft nicht detailliert regelt, aber seinen zeitlichen Input festlegt.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Umfrage haben Sie es mehrheitlich mit Menschen zu tun gehabt, die den Faktor "Spaß" als wichtigste Motivation für ihre nebenberufliche Tätigkeit im Netz nannten. Bedeutet das, dass diese IT-Spezialisten keinen Spaß mehr in ihrem Hauptjob haben?

Al-Ani: Das haben wir nicht abgefragt. Allerdings können sich die wenigsten in einem traditionellen Unternehmen so verwirklichen, wie sie es wünschen. Scheinbar sind die Faktoren der Selbstidentifikation und Selbststeuerung etwas, was als sehr wichtig, positiv und neuartig erfahren wird. Es passt ja auch zu der Erziehung und den Ansprüchen des mündigen Bürgers, wenn er oder sie nun auch im Beruf verstärkt die Kontrolle über sein Leben in der Hand hat.

Dazu kommt das Managementprinzip der Meritokratie auf diesen Plattformen hinzu: Es kommt nur auf die konkrete Leistung an, nicht auf die Herkunft, Biografie und Selbstdarstellung. Kurzum: Offensichtlich sind beim Crowdworking Erfahrungen möglich, die die traditionelle Hierarchie mit ihrem Top-down-Management und ihren Machtspielen weniger hergibt. Manche Befragten empfanden zudem ihre Mitarbeit als eine Art "Mikrounternehmer" reizvoll und als wichtige Lernerfahrung.

ZEIT ONLINE: Kann man sagen, dass Unzufriedenheit am Arbeitsplatz der Motor zum Crowdworking ist?

Al-Ani: Unbedingt. Unsere Umfrage zeigt, dass Crowdworker ihre Arbeit auf Plattformen oft als eine Art "Laborsituation" ansehen. Hier können sie Dinge tun, die sie in der Hierarchie nicht tun können: Mit Kollegen wertschätzend interagieren, lernen, selbst wenn man den Auftrag nicht bekommt. Vor allem aber Erfahrungen mit Menschen und Technologien sammeln, zu denen man bei einem Arbeitgeber oft nicht den Zugang hat. So können sie Credentials aufbauen, die sie im Unternehmen wieder kapitalisieren können. Dies geschieht also in der besten Tradition solcher Plattformen, die ja ursprünglich von Programmierern entwickelt wurden, die sich im Feierabend dort trafen, um endlich jene Projekte anzugehen, die ihnen Spaß machten und deren Ergebnisse sie als Open Source teilten.

ZEIT ONLINE: Aber viele Crowdworker und auch Gewerkschaften kritisieren mittlerweile die Ausbeutungsverhältnisse in der Cloud und vergleichen sie mit denen zu Beginn des Industriezeitalters. Durch das digitale Outsourcing gerieten sämtliche an den Arbeitnehmerstatus geknüpften Errungenschaften – Mindestlöhne, Arbeitsschutz, Urlaub, Krankenversicherung, Altersvorsorge – unter Druck. Teilen Sie die Ansicht, dass das Crowdworking die Arbeitswelt massiv verändern wird?

Al-Ani: Es stimmt: Die Errungenschaften der Arbeitnehmer geraten durch den weltweiten Wettbewerb, Automatisierung und Digitalisierung unter Druck. Die Frage stellt sich nach einer angemessenen Reaktion. Die Sorge, dass Ausbeutungsverhältnisse auf Crowdplattformen zunehmen, ist ernst zu nehmen. Ich würde sie allerdings nicht allein in den Vordergrund stellen.

Es geht jetzt weniger darum, Sitzhöhen und Bildschirmabstände nachzumessen, sondern darum, dass eine alternative Wirtschaftsform wie etwa die Sharing Economy nun durch die traditionelle Ökonomie und ihre Gier nach Innovationen und neuen Geschäftsmodellen völlig aufgesogen, kooptiert und in eine Rental Economy transformiert wird.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Al-Ani: Warum konnte man Uber oder Airbnb nicht als Genossenschaft gründen? Weil man Venture Capital brauchte und das bekommt eine Genossenschaft nicht.

An dieser Stelle könnten Gewerkschaften ansetzen: die vielen Widerstandspunkte vereinen und als Inkubator einer alternativen und selbst gesteuerten Wirtschaftsform agieren. Also nicht die tausendste Bewertungswebsite von Plattformen ins Leben rufen, sondern neuen Unternehmen helfen, alternative Wirtschaftsformen zu lancieren.