Es ist wohl nicht vermessen zu behaupten, dass die duale Ausbildung einer der Erfolgsfaktoren der deutschen Wirtschaft war und ist. Gleichzeitig unterliegt das Arbeitsverständnis durch den vermehrten Einsatz der Robotik, Automatisierung und Digitalisierung einer dramatischen Veränderung. Nicht nur, dass sich immer öfter ein virtuelles Interface zwischen den Produzenten und dem Werkstoff schiebt, die Digitalisierung erlaubt es auch, die Fabrik und Werkstatt völlig anders zu organisieren: Nämlich offen, in dem Sinne, dass nunmehr auch außerhalb der traditionellen Organisation Bastler, Designer und Tüftler als Entwickler auftreten, deren Produkte dann in automatisierten Fertigungsstraßen oder auch zu Hause am 3-D-Drucker "ausgedruckt" werden können

Eingedenk dieser grundlegenden Änderungen stellt sich die Frage, ob man die duale Ausbildung – welche auch Ausdruck eines hierarchischen bzw. untergliederten Arbeitsverständnisses ist – beibehalten werden soll. Die Art, wie wir arbeiten, ist nämlich nicht nur durch die Technologie, sondern auch durch die politischen Verhältnisse determiniert, wie schon in den siebziger Jahren der amerikanische Wissenschaftler Stephen Marglin in seinem Artikel What do Bosses do? nachweisen konnte.

Gerade diese Unterteilung der Wirtschaft und Gesellschaft in Kopfberufe und handwerkliche Tätigkeiten und den damit einhergehenden sozialen Rangordnungen scheint durch die Digitalisierung und Robotisierung weniger wichtig und früher oder später sogar obsolet zu werden. Wenn die Bearbeitung von Materialien überwiegend von Maschinen durchgeführt wird, dann werden Aktivitäten, die diese Maschinen erdenken und zu einer Gesamtarchitektur zusammenfügen, immer wichtiger: Der "Arbeiter" mutiert hier zu einem Koordinator, der Produktideen, die vielleicht von sozialen Bewegungen (Maker Movement, Tinkerer etc.) generiert werden, mit entsprechenden flexiblen  Infrastrukturen, die man auch "downloaden" kann, und Fertigungsrobotern bzw. universell einsetzbaren "Multimaschinen" verbindet. Dieser Architekt der "Open Factory" hat wohl nicht mehr viel mit dem bisherigen Bild des Arbeiters gemein.

Hand in Hand mit künstlicher Intelligenz

Bedenkt man allerdings den stetig steigenden Einsatz von Robotern und die immer manifester werdende Notwendigkeit zum Zusammenschluss von Firmen und "freien Produzenten", die sich um offene Patente (beispielsweise Tesla) oder offene Zugänge zu Erfindungen (wie etwa die Watson Cloud) gruppieren, dann muss man feststellen, dass diese Bewegung bereits im vollen Gange ist. Und wenn man diese Entwicklung weiterdenkt, kommt man nicht umhin, auch die Trennung zwischen Management und Mitarbeiter als eine künstliche oder vielleicht sogar politische zu erkennen. Denn schließlich ist das Individuum nun verstärkt in der Lage, auf die Hilfe von künstlichen Intelligenzen, sogenannter Software Agents zurückzugreifen, die helfen, selbstständiger bessere, vernetztere und schnellere Entscheidungen zu treffen.

Jeder, der heute Schulkinder und Studenten bei der Arbeit beobachtet, kann nur mit Erstaunen feststellen, mit welcher Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit diese Generation bereits über offen verfügbare Tools verwendet, die die Selbstorganisation (Slack, Evernote …), Entscheidungsfindung (Opendecide, Loomio ...), Datenanalyse (Monkeylearn ...) usw. auf ein völlig neues Niveau heben. Und ist es zu weit gedacht, wenn man vermuten kann, dass die sich zart abzeichnende Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit im Westen auch mit derartigen neuen "Fähigkeiten" zu verbinden ist?

Das bedeutet nicht, dass handwerkliche Fähigkeiten keine Rolle mehr spielen werden. Solange Roboter nicht selbst lernen, müssen diese von Menschen lernen. So verwundert es nicht, dass etwa Toyota wieder verstärkt menschliche Arbeitskräfte in die automatisierten Fabriken reintegriert. Diese "Handwerker" stellen so etwas wie ein Rollenmodell für Roboter dar und arbeiten vornehmlich an der Verbesserung der Produktionsprozesse – zumindest so lange, bis Roboter dies nicht selbst tun können. Parallel zur Kenntnis über die Organisation von Produktionsprozessen kommt es also zu einer "Neuerfindung" des Handwerks, welches sich in der Nachfrage nach "hochqualifizierten" Kenntnissen (als Roboterblaupause) einerseits und in einer "Amateurisierung" handwerklicher Tätigkeiten anderseits (als Input für offene Designprozesse) niederschlägt.

Duale Hochschulausbildung

Es stellt sich dann die Frage, wie der Mensch in einer solchen Umgebung lernen wird. Vieles spricht dafür, dass unsere Lernpfade in der Zukunft auf vier Elementen aufbauen werden: zeitlich begrenzte formelle Bildung, lebenslanges Lernen  mit digitalen Inhalten, die wir nutzen, wann und wie oft wir wollen. Ad-hoc-Lernen in Communitys mit Gleichgesinnten, die sich mit denselben Problemen und Herausforderungen herumschlagen und sich hierbei gegenseitig helfen und beständige Projektarbeit in offenen Fabriken und Unternehmen, die über Plattformen immer öfter zur sporadischen oder längeren Mitarbeit einladen werden und beitragen, Credentials und Erfahrungen aufzubauen.

So betrachtet, macht die in der letzten Zeit verstärkt geforderte und bereits angegangene Öffnung der dualen Ausbildung in Richtung von Hochschulen durchaus Sinn. Wenn die Trennung zwischen dem klassischen Arbeiter/Handwerker und dem Kopf-/Wissensarbeiter zunehmend künstlicher wird, der "Arbeiter" immer öfter auch Managementaufgaben übernehmen wird und dies mithilfe von künstlicher Intelligenz bewerkstelligt, dann macht eine Trennung der Ausbildungswege mittel- und langfristig keinen Sinn. Im Gegenteil: Was spricht dagegen, wenn klassische Hochschulausbildung nicht auch Teile der fachlichen Ausbildung übernimmt und diese Ausbildungswege als Teile des beschriebenen individuellen Lernpfades früher oder später zusammenwachsen?