Mädchen und Jungen streiten. Allerdings unterscheiden sie sich gerade im Grundschulalter in der Art der Konfliktlösung. Mädchen lassen einen Streit kaum wahrnehmbar schwelen, Jungs klären einen Konflikt notfalls durch Raufen. Von ihren Lehrerinnen werden Mädchen oft für ihr vermeintlich ruhiges und angepasstes Verhalten gelobt. Die Jungen dagegen kritisiert. Das beobachtet Robert Spruth häufig bei seiner Arbeit als Grundschullehrer. Jungen im Alter zwischen sechs und zehn Jahren, sagt der Pädagoge, bräuchten mehr männliche Lehrer. "Männliche Lehrer verstehen die Bedürfnisse von Jungen besser", sagt der 35-Jährige. Doch Männer als Grundschullehrer fehlen. Auch Spruth ist an seiner Schule in Dortmund einer von ganz wenigen Männern. 

Die Grundschule ist eine typisch weibliche Domäne. Der überwiegende Teil der Lehrkräfte in der Primarstufe 1 sind Frauen. Oft sind die einzigen Männer, die Grundschüler während der Schule zu sehen bekommen, der Hausmeister oder der Schulleiter. Und wenn man sich die Ausbildungszahlen ansieht, dürfte sich das in absehbarer Zukunft auch nicht ändern. Studierten im vergangenen Jahr knapp 17.500 Frauen für das Lehreramt an der Grundschule, waren es bei den Männern nicht einmal 2.500.

Warum?

Traditionelle Rollenbilder dürften eine Erklärung dafür sein. Viele Frauen entscheiden sich deshalb für den Beruf der Grundschullehrerin, weil er einerseits finanzielle Sicherheit und eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf verspricht – und weil er andererseits am ehesten dem traditionellen Frauenbild der Mutter, die sich um die Kleinen kümmert, entspricht. "Männer sind eher auf Karriere gepolt, Frauen auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die gerade an Grundschulen als Teilzeitkraft realisierbar ist", sagt etwa Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL).  

Vorurteile halten Männer ab

Hinzu komme, dass es an Grundschulen kaum Karriereperspektiven gebe. Das sei in den Lehrämtern der Gymnasien und beruflichen Schulen anders, wo es immerhin zwei bis drei Aufstiegsämter gebe, so der DL-Präsident.

Und: Von allen Lehrerberufen gehört der in der Grundschule in die niedrigste Besoldungsgruppe, was allerdings immer noch viel mehr Geld netto bringt, als Berufseinsteiger in anderen Akademikerberufen zu erwarten haben. Für den DL-Präsidenten ist dennoch klar: Das Image von Grundschullehrern entfaltet zu wenig Anziehungskraft auf Männer. Das liege auch an hartnäckigen Vorurteilen, etwa dass der Beruf intellektuell weniger anspruchsvoll sei als ein Lehreramt an einer weiterführenden Schule.

Auch Robert Spruth wollte ursprünglich nicht Grundschullehrer werden. Er wollte Sport studieren und Fußballtrainer werden. Doch dann kam der Zivildienst und veränderte alles.

Spruth ist der erste Zivildienstleistende in seine Heimatstadt Dortmund, der ein Kind mit Down-Syndrom bei der Inklusion an einer normalen Grundschule begleitet. Ein ganzes Schuljahr lang verbringt er zusammen mit seinem Schützling viel Zeit in einer ersten Klasse. Er merkt, dass ihn der Umgang, die Erziehung und das Miteinander mit kleinen Kindern begeistern. Er kommt an bei den Mädchen und Jungen – und entscheidet sich, Grundschullehrer zu werden. Sein Umfeld reagiert positiv. Auch seine Eltern sind Lehrer und bestärken ihn in seinem Vorhaben. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, etwa von Kommilitonen, die lieber an weiterführenden Schulen unterrichten möchten. "Die fanden es herausfordernder, mit Heranwachsenden zu diskutieren. Geld spielte auch eine Rolle. Natürlich", erinnert er sich.