Wenn Bonzen und Bosse etwas gar nicht mögen, dann sind das Angestellte: Sie haben bezahlte Urlaubs- und Krankheitstage und verursachen Lohnnebenkosten. Was liegt da näher, als den Manchesterkapitalismus des 19. Jahrhunderts wiederzubeleben? Tagelöhner lassen sich nach Belieben anheuern und feuern.

Menschen, die irgendwas mit Medien machen, kennen das heute schon. In der sogenannten Kreativbranche zeigt sich schon jetzt, wie der Kapitalismus von Morgen aussehen könnte: Im Grunde arbeitet eine ganze (akademische) Generation nicht mehr, sie jobbt und hat Projekte. Dabei gewinnt oft der Billigste: Eine Lektorin prüft das Buch eines etablierten Verlags für 7,90 Euro Stundenlohn. Ja, das ist nicht einmal Mindestlohn. Macht aber nichts, denn die Frau arbeitet ja frei und bestimmt daher ihren Preis selbst. Ein Pressefotograf erhält 40 Euro für ein abgedrucktes Bild. Eine Journalistin schreibt für eine namhafte Zeitung und kommt dabei auf 42 Cent pro Zeile. Weniger wäre nichts. Ja, es ist tatsächlich ein Freiheitsgewinn, zu arbeiten wann und wo man will. Aber diese Freiheit macht viele  zum Knecht des freien Markts. Beim Berufsverband der Freischreiber beispielsweise kann man nachlesen, was in der Medienbranche so gezahlt wird. So hell die Äpfel auf den MacBooks auch strahlen mögen – auf den Konten herrscht Finsternis. Aber nicht nur das Heer der Tagelöhner leidet, sondern auch die Qualität: Geld für aufwendige Recherchen ist rar. Und Rainer Moritz, ehemals Cheflektor bei Reclam, beklagt sich zu recht darüber, wie hundsmiserabel die aktuellen Bücher vieler Verlage lektoriert werden.

Die Zahlen der Künstlersozialkasse (KSK), in der sich die Kreativen sozialversichern, sprechen für sich: Das durchschnittliche Jahreseinkommen von freiberuflichen Schreibern aller Art lag 2015 bei 19.061 Euro brutto. Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bleibt da nicht mehr viel übrig zum Leben – insbesondere für die unter 40-Jährigen, die im Schnitt auf 17.210 Euro pro Jahr kommen. Noch katastrophaler sind die Jahreseinkommen der Bildenden Künstler (15.112 Euro), der Musiker (12.931 Euro) und der Darstellenden Künstler wie etwa Schauspieler (14.971 Euro). Viele stocken mit Hartz IV auf oder arbeiten zusätzlich in einem 450-Euro-Job; in den offiziellen Arbeitslosenstatistiken tauchen sie nirgendwo auf.

Selbstausbeutung nennt man das oft. Man kann es aber auch Kapitalismus nennen. Denn so läuft der Hase nun mal: Wer die Milchquote abschafft, bekommt fallende Milchpreise und darbende Bäuerinnen und Bauern. Wer ein Heer von Freiberuflern und Selbstständigen schafft, bekommt eine darbende Generation, die teils froh wäre, wenn sie in einem Angestelltenverhältnis mit regelmäßigen Arbeitszeiten ausgebeutet würde. Doch mehr als Scheinselbstständigkeit ist heute schwer zu haben.

Im krisengebeutelten Griechenland sind mittlerweile rund 37 Prozent aller Beschäftigten als Freelancer tätig, in Südkorea und Italien sind es jeweils über 25 Prozent, in der Schweiz 15 und in Deutschland 11 Prozent. Die Zahl der Freelancer wächst in allen Industrienationen stetig – ebenso ihre Arbeitszeit: Rund 27 Prozent aller Selbstständigen in Deutschland arbeiten über 50 Stunden pro Woche.

Selbst schuld?

Man hört es schon von den Stammtischen rufen: "Es gibt halt zu viele Kreative. Hätten sie mal was Gescheites gelernt!" Doch bereits 19 Prozent der Unternehmen hierzulande lagern ihre Arbeit bei Crowd-Plattformen aus, sowohl Großkonzerne wie Audi, Telekom, Henkel, Deutsche Bank oder Coca-Cola als auch NGOs wie Greenpeace. Jeder dritte Personalverantwortliche will künftig mehr Freiberufler einsetzen.

Adieu Stammbelegschaft, willkommen Outsourcing. Selbst Professoren werden an den Unis mittlerweile als freie Mitarbeiter eingestellt. Ingenieure verdingen sich bei Zeitarbeitsfirmen. Und das vielgepriesene Handwerk hat heute kaum noch einen goldenen Boden: Auf Internetplattformen wie MyHammer versteigern inzwischen Hunderte Handwerker ihre Arbeitskraft. Hier bekommt derjenige einen Auftrag, der sich für den niedrigsten Stundenlohn verdingt. Das Ergebnis sind grausige Stundensätze von 5,80 Euro, um bei irgendwelchen Yuppies neue Marmorfliesen zu verlegen. Bei Anbietern wie Upwork, Amazon Mechanical Turk, Crowdguru oder Clickworker konkurrieren die digitalen Arbeitsnomaden um Mini-Aufträge und formulieren Produktbeschreibungen, komponieren Werbejingles oder entwerfen Firmenlogos – der Mindestlohn von 8,50 Euro gilt für Crowdworker nicht. Noch schlimmer ist es bei der Crowdplattform Jovoto, wo nur diejenige Arbeit bezahlt wird, die der Auftraggeber aus zig Entwürfen auswählt.

Der Rest guckt trotz seiner Arbeitsleistung in die Röhre.

Eine einzigartig zerstörerische Situation am Markt

Früher erschien all das unvorstellbar. Fast jedenfalls. Der damals noch unbekannte Loriot schrieb 1950 empört an seinen Vater: "Ich habe von der Kurverwaltung Norderney die Aufforderung erhalten, ein Werbezeichen für das Bad zu entwerfen. Ich soll zunächst ‚kostenlos und unverbindlich‘ Skizzen einreichen mit der Aussicht, dass bei Gefallen eine davon erworben würde. Also ein ganz unklares, lächerlich Ansinnen. Ich gehe doch auch nicht in einen Fleischerladen, hake mir eine Wurst ab, esse sie auf und sage dann, sie schmeckt mir nicht!"

Der Zukunftsforscher Ayad Al-Ani spricht in einer aktuellen Studie von einer "einzigartigen und zerstörerischen Situation am Markt", weil die Zahl der Festangestellten immer mehr zurückgeht und sich ein brutaler Markt der Freelancer etabliert. Allein für "Clickworker" arbeiten weltweit über 700.000 Menschen. Über 60 Prozent der Crowdworker aus der Kreativbranche haben einen Hochschulabschluss. Über die Hälfte von ihnen verdient weniger als 1.500 Euro netto. Auch Frank Werneke, stellvertretender ver.di-Vorsitzender, kritisiert, dass die wachsende Selbstständigkeit oft "als Dumpinginstrument durch Auftraggeber missbraucht wird". Doch Arbeitsministerin Andrea Nahles sieht derzeit "keinen Grund, das ‚Phänomen Crowdworking‘ zu dramatisieren".

Kein Grund für Drama?

Der Arbeitsmarkt der Freelancer ist nahezu vogelfrei. Die Politik sieht tatenlos zu, wie mehr als 5.000 freiberufliche Hebammen in den Ruin getrieben werden, weil die Versicherungen über 6.200 Euro pro Jahr als Haftpflichtprämie verlangen.

Regulierungen, insbesondere bei den Einkommen, sind dringend notwendig. Doch die demokratisch nicht legitimierte EU-Kommission agiert wie gewohnt neoliberal und behauptet, "dass eine geringe Regulierung kein Hindernis, sondern vielmehr Ansporn zur Wertschöpfung ist." Auch Lobbyverbände wie die wirtschaftsnahe "Allianz für selbstständige Wissensarbeit" wettern gegen Regulierungen. Die Allianz vermitteln Freelancer an über 5.000 Kunden, darunter DAX-Unternehmen, Start-ups und Bundesbehörden. In seinem Positionspapier fabuliert der Lobbyverband mit den üblichen Worthülsen von "globaler Wettbewerbsfähigkeit" und "Innovationskraft", die angeblich verloren gingen durch "pauschale regulatorische Eingriffe". Im schönsten Bürokratendeutsch fordert die Lobby einen Abbau der Bürokratie: "Hochqualifizierte selbständige Experten sind nicht schutzbedürftig – vielmehr muss diese gut funktionierende und sehr erfolgreiche Freelancer-Kultur als integraler Teil der Wirtschaft honoriert und gefördert werden. Deutschland kann und darf es sich nicht leisten, diese Wissensträger in einer rechtlichen Grauzone zu drangsalieren und mit einer verstärkten Bürokratisierung zu behindern."

Was fehlt ist Mobilisierung

Das klingt natürlich erst mal gut. Bürokratie mag niemand. Aber natürlich wissen wir spätestens seit dem Beginn des Neoliberalismus und der Agenda 2010, dass das Wort Bürokratie-Abbau ein platter Euphemismus ist für einen deregulierten Arbeitsmarkt und Hungerlöhne. Warum zetteln die Freelancer keinen Aufstand an? Einer der ersten Facebook-Mitarbeiter, Jeff Hammerbacher, hat da seine ganz eigene Antwort: "Die klügsten Köpfe meiner Generation denken darüber nach, wie sie Menschen dazu bewegen können, auf Werbeanzeigen zu klicken. Das ist scheiße."

Also, was tun? Vor allem junge Akademiker pimpen ihre Lebensläufe oft bis zum Exzess – und suchen trotzdem verzweifelt nach guten Jobs. Niemand sollte die Schuld dafür bei sich selbst suchen! Denn Arbeitslosigkeit ist kein individuelles Versagen, sondern ein Systemfehler. Gerade in der Medienbranche hilft Rumlamentieren wenig, moralische Appelle an die Medienkonzerne noch weniger. Im Kapitalismus verteilt schließlich niemand Almosen. Gegen die maximalen Zumutungen des Kapitalismus sind Gewerkschaften das minimal notwendige Bollwerk. Die aktuellen Streiks in Frankreich zeigen, welchen Einfluss Gewerkschaften auch heute noch entfalten können. Klar, bei Freiberuflern ist es ungemein schwieriger, sich kollektiv zu organisieren: Jeder konkurriert mit jedem. Und da lohnt sich der Blick in die USA.

Die freiberuflichen Schauspieler in Hollywood verdienen zwar selten die Millionengagen der Topstars, aber sie sind weit besser organisiert als ihre Kollegen und Kolleginnen in Europa: In der mächtigen Gewerkschaft SAG-AFTRA sind über 160.000 Schauspieler, Komparsen, Musiker und Radiomacher vereint. Wenn die SAG-AFTRA oder die Writers Guild of America, wo Tausende Wortkünstler organisiert sind, für höhere Gagen streiken, liegt die Medienbranche brach. Man kann nur hoffen, dass sich die europäischen Kolleginnen schnellstmöglich zusammentun, um für anständige Löhne und soziale Absicherung zu kämpfen. Denn wenn Bonzen und Bosse etwas gar nicht mögen, dann sind das aufmüpfige Freelancer.