Mareice Kaiser: Frau Gscheidel, Ihre Mutter arbeitet als Hebamme, Ihr Vater als Bestatter. Warum wollten Sie sich beruflich mit dem Ende und nicht mit dem Anfang des Lebens beschäftigen?

Lea Gscheidel: Dass ich keine Hebamme werden wollte, wusste ich schon sehr früh. Bei uns klingelte ständig das Telefon, meine Mutter war dauernd in Bereitschaft. Das wollte ich nicht.

Kaiser: In Ihrer Mail-Signatur steht aber "zu jeder Zeit". Sind Sie nun doch ständig erreichbar?

Gscheidel: Ja und nein. Die Nummer geht auf das Telefon meines Vaters, nur in Ausnahmefällen zu mir. Ich wundere mich manchmal selbst, dass die Menschen, die uns anrufen, sich an die gewöhnlichen Geschäftszeiten halten. Es gibt nur ganz selten Ausnahmen – was auch daran liegt, dass wir zu 80 Prozent in Krankenhäusern sterben – da braucht man nicht plötzlich um 23 Uhr eine Bestatterin.

Kaiser: Sie treten also als ältestes Kind in die Fußstapfen Ihres Vaters?

Gscheidel: Ich werde das Unternehmen meines Vaters irgendwann übernehmen. Das war aber lange nicht klar. Nach meinem Kultur- und Management-Studium und verschiedenen Jobs am Theater war ich eine Zeit lang arbeitslos und bin bei meinem Vater zur Überbrückung in Teilzeit eingestiegen. Dabei habe ich erlebt, wie er arbeitet, dass seine Arbeit einen Unterschied macht für die Angehörigen. Das wollte ich auch. Allerdings hatte ich noch immer das Gefühl, dass ich zu jung bin, um als Bestatterin zu arbeiten. Was habe ich denn Menschen, die drei Mal so alt sind wie ich, in einer Krisensituation zu bieten? Ich dachte, ich müsste mindestens ein Kind bekommen oder andere existenzielle Dinge erlebt haben.

Kaiser: Wie haben Sie in Ihre Rolle gefunden?

Gscheidel: Einen Schlüsselmoment gab es für mich. Wir haben gemeinsam mit einer Familie ihren 30-jährigen Sohn, der sich suizidiert hatte, angekleidet. Danach sagte seine Mutter zu mir: "Schön, dass Sie da waren." Ein paar Wochen später erzählte sie mir, dass es für sie gut war zu sehen, wie ich ihrem Sohn die Socken angezogen habe. Sie hatte in diesem Moment das Gefühl: "Wenn die Kleene das kann, kann das so schlimm nicht sein."

Kaiser: Es ist also auch ein Vorteil, eine junge Bestatterin zu sein?

Gscheidel: Genau. Tatsächlich hatte ich auch, seitdem ich als Bestatterin arbeite, niemals das Gefühl, dass es mir an Lebenserfahrung für meine Arbeit fehlt.

"Ich sehe in der Zusammenarbeit mit den Angehörigen ganz viel Liebe"

Kaiser: Sie unterscheiden sich auch äußerlich von den konventionellen Bestattern, die zumeist männlich sind und Anzüge tragen. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Gscheidel:Während einer Weiterbildung in den Niederlanden wurde mir der Tipp gegeben, ich solle doch eine Jacke mit Schulterpolstern tragen, das würde mir mehr Autorität verleihen. Ich dachte: Will ich das überhaupt? Da wusste ich, dass ich möglichst nahbar sein möchte, ein Mensch, dem man vertrauen kann. Ich will keine Autoritätsperson sein.

Kaiser: Wie schützen Sie sich, wenn Sie so nahbar bei der Arbeit sind?

Gscheidel: Ich schütze mich eben nicht. Ich versuche, keine Energie reinzustecken, mich von irgendwas zu trennen. Aber ich sorge für mich und schaue, was mich stärkt und mir hilft. Am Anfang habe ich mich oft gefragt, ob ich das kann. Ich stellte dann fest, dass die Arbeit gar nicht so beklemmend ist, wie ich dachte. Ich sehe in der Zusammenarbeit mit den Angehörigen ganz viel Liebe.

Kaiser: Aber bestimmt auch viele traurige, oder?

Gscheidel: Natürlich gibt es auch zwischendurch schwierige Momente. Als ich einen verstorbenen schwerbehinderten kleinen Jungen aus einer Pflegeeinrichtung abholte, konnte mir das Pflegepersonal nicht sagen, ob und welches Kuscheltier wir mitnehmen sollten. Der Junge war erst seit einigen Tagen dort gewesen, er hatte sein kurzes Leben in Krankenhäusern verbracht, ohne Bezugspersonen. So was macht mich traurig – aber nicht, wenn liebende Eltern um ihr verstorbenes Kind weinen.

Kaiser: Der Tod und Trauer sind Tabuthemen. Merken Sie das auch in Ihrer täglichen Arbeit?

Gscheidel: Ich begleite Familien auf ihrem Weg bis zur Bestattung der verstorbenen Person. Zusammen mit den Angehörigen ziehe ich die verstorbenen Personen um oder an, ich begleite die Angehörigen bei der Gestaltung des Sarges, lege die Verstorbenen mit den Angehörigen in den Sarg, bin bei der letzten Verabschiedung dabei, gestalte gemeinsam mit ihnen die Trauerfeier. "Das kann ich nicht!" höre ich dabei immer.

Kaiser: Was machen Sie dann?

Gscheidel: Ich zwinge niemanden und sage nur: "Wir können es so machen. Wir verabreden uns einfach und dann entscheidet ihr, von Sekunde zu Sekunde, von Minute zu Minute." Es ist oft so, dass die Leute am Anfang nicht zur verstorbenen Person gehen wollen, die Nacht vorher schlecht schlafen. Ich lasse ihnen Zeit, manchmal gehe ich raus, wenn ich merke, dass es für diese intime Situation angemessen ist. Menschen wachsen über sich selbst hinaus.

"Ich versuche immer, alles möglich zu machen, was den Trauernden hilft"

Kaiser: Die meisten Menschen erleben den Tod oft zum ersten Mal.

Gscheidel: Einer meiner Lieblingssätze ist: Der Tod ist ganz normal. Ich glaube, das war er früher viel mehr. Es wurde viel jünger, viel näher an der Familie, viel sichtbarer gestorben. Heute ist das anders und ich denke, das hat unterschiedliche Gründe. Mit Industrialisierung, Institutionalisierung und Professionalisierung hat sich in unserer Gesellschaft viel verändert. Die Kranken haben wir nicht mehr zu Hause, die Toten auch nicht.

Kaiser: "So viel Konfetti war noch nie" lautet ein Tweet von Ihnen, gesendet von einer Beerdigung. Wie individuell können Sie die Trauerfeiern mit den Familien gestalten?

Gscheidel: Ich versuche immer, alles möglich zu machen, was den Trauernden hilft. Gerne auch unkonventionelle Dinge. Glühwein und Kinderpunsch aus der Thermoskanne mit Schokoladenmuffins am Grab, Konfetti und Glitzer bei der Beerdigung, kreativ geschmückte Kapellen für die Trauerfeiern. Für mich gehört das alles dazu – ich merke nur in der Begegnung mit anderen Leuten aus der Branche, dass es anscheinend nicht zu den herkömmlichen Ritualen gehört.

Kaiser: Welche Reaktionen bekommen Sie dann auf Ihre Arbeit?

Gscheidel: Nach einer Trauerfeier, für die die Angehörigen die Kapelle wunderschön geschmückt hatten und wir dabei waren, die Kapelle wieder in den ursprünglichen Zustand zu bringen, sprach mich der nachfolgende Bestatter – grauhaarig, billiger schwarzer Anzug, kleines schwarzes Köfferchen – an. "Ist das nicht ein bisschen viel Aufwand für eine Trauerfeier?" Er hatte drei Kerzen und ein schwarzes Tüchlein aus seinem Koffer geholt und die Urne auf ein Tischchen gestellt.

Kaiser: Wie hat Ihr Beruf Sie geprägt?

Gscheidel: Die kontinuierliche Begegnung mit unterschiedlichen toten Menschen macht schon etwas mit mir. Menschen sterben in allen Altersstufen, dadurch verschwindet die Selbstverständlichkeit des Lebens. Es zeigt sich, dass das Leben etwas sehr Wertvolles, aber auch Fragiles ist. Etwas, auf das man sich nicht verlassen kann, dem man aber dennoch vertrauen muss.

Kaiser: Lebt man intensiver, wenn man einen Trauerprozess durchlebt hat?

Gscheidel: Ich denke, das stimmt für alle, die sich auf diesen Prozess einlassen. Es gibt viele Menschen, die über Jahre hinweg alle Energie darauf verwenden, sich nicht mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen. Aber je mehr Energie man auf die eigenen Beschränkungen verwendet, desto weniger Energie bleibt, um tief zu fühlen. Die Menschen, die sich darauf einlassen, fühlen intensiver – das sagen sie mir auch oft. Sie haben die Kraft und die Überzeugung, das umzusetzen, worauf es für sie ankommt.

"Wenn wir trauern, haben wir in kurzer Zeit mit extremen Gefühlsschwankungen zu tun"

Kaiser: Wissen Sie, wie Ihre eigene Bestattung aussehen soll?

Gscheidel: Nein, aber ich habe den Leuten um mich herum gesagt, was mir wichtig ist und worauf ich Wert lege. Für mein Sterben wünsche ich mir, dass ich meine Ruhe habe, da will ich nicht so viel Zinnober und die ersten Tage danach bitte auch nicht. Wenn ich tot bin, sollen meine Angehörigen machen, was ihnen hilft und gut tut. Eine Erdbestattung könnte ich mir gut vorstellen, vor allem, weil mir die Idee gefällt, mit meinem eigenen Grab zwei Quadratmeter Grünfläche in Berlin zu belegen und allen Immobilienspekulationen damit zu entziehen.

Kaiser: Wie sieht der Friedhof Ihrer Träume aus?

Gscheidel: In einer Stadt wie Berlin wünsche ich mir Friedhöfe als Oasen der Ruhe und Entschleunigung. Mein Wunsch wäre, dass Menschen einfach mal so hingehen, ein gutes Gespräch führen oder einfach nur die Vögel beobachten und ausatmen. Durch die Anwesenheit der Toten wird mir auf dem Friedhof auch immer vor Augen geführt: Vor mir waren Menschen, nach mir kommen Menschen – ich bin Teil eines größeren Zusammenhangs. Das Leben ist endlich und wir wissen nicht, wann es zu Ende sein wird. Die Frage "Was ist mir in meinem Leben wichtig?" lässt sich auf einem Friedhof besser beantworten als in einer Einkaufspassage.

Kaiser: Vier Wochen nach dem Tod meiner Tochter, ich war gerade auf dem Weg ins Büro, sprach mich eine Nachbarin an: "Du gehst schon wieder arbeiten?" Wir haben es rund um Tod und Trauer mit vielen Konventionen zu tun.

Gscheidel: Mich erstaunt immer wieder, dass so viele denken, Trauer würde bedeuten, die Trauernden müssten 24 Stunden am Tag traurig sein. Trauer ist aber eine Mischung aus ganz vielen Gefühlen: Wut, Ungerechtigkeit, Schuldgefühle, Liebe, Dankbarkeit, oft auch Erleichterung. Also ist es auch klar, dass es Tage gibt, an denen man gut wieder arbeiten gehen kann, weil einfach ein guter Tag ist – oder weil es ein Scheißtag ist und man die Routine braucht. Genau so sollte es auch in Ordnung sein, erst ein Jahr später nach dem Tod einer nahen Person nicht mehr zu können und vielleicht zwei Woche Pause zu brauchen. Wenn wir trauern, haben wir in kurzer Zeit mit extremen Gefühlsschwankungen zu tun. Das sind wir nicht mehr gewöhnt. Das ist so wie Verliebtsein, das ist ja auch anstrengend. Kinder können das zum Beispiel viel besser und intuitiver.

Kaiser: Was können wir von ihnen lernen?

Gscheidel: Wir wollen Kinder ja grundsätzlich vor allem schützen, auch vor dem Tod. Wenn aber ihre Angehörigen sterben, haben sie das erlebt. Es ist ihnen passiert, wir können sie nicht beschützen. Wir können sie nur unterstützen. Wenn wir das machen, sind sie darin oft viel besser als die Erwachsenen, weil sie keine Idee davon haben, wie man zu trauern hat. Kinder lassen so viel zu, wie sie ertragen und wenden sich dann anderen Dingen zu. Für Kinder wird dann die Frage "Wann gehen wir schwimmen?" wichtiger als die Gestaltung des Grabsteins. Das ist halt so.

Kaiser: Das Leben ist dann wichtiger.

Gscheidel: Ja, und da sind sie unverzeihlich.

"Keine Formel, die für alle passt"

Kaiser: "Herzliches Beileid" – ist das nicht eigentlich ein Widerspruch in sich?

Gscheidel: Ich sage das nie! Das ist eine Formel, die zu Zeiten funktioniert hat, als man noch wusste, wie viele Monate man Trauer tragen muss und welche Sorte Kuchen es zum Leichenschmaus zu geben hat. Da hat sich viel geändert, zum Glück.

Kaiser: Es gibt vermutlich auch keine Formel, die für alle passt.

Gscheidel: Das stimmt. Allerdings gibt es ein paar fiese Sätze, die man nicht sagen darf: "Ihr seid ja noch jung." Oder: "Wird schon seinen Grund haben." Oder: "Ist vielleicht auch besser so." Auch wenn alte Menschen sterben, waren sie ein LebenspartnerIn und der andere bleibt einsam zurück. So was wie: "Es geht ihm jetzt auch besser" oder "Jetzt muss sie nicht mehr leiden". Diese Sätze sollte man einfach streichen, sie helfen niemandem in der Situation.

Kaiser: Die Frage "Wie geht's dir?" hat mich nach dem Tod meiner Tochter sehr überfordert.

Gscheidel: Mit der Frage bin auch ich immer überfordert. Nach dem Verlust einer geliebten Person ist das ja noch komplexer. Wo soll man denn da anfangen? Auf welchem Niveau möchte mein GesprächspartnerIn das wissen? Dann doch lieber: "Schön, dich zu sehen!"

Kaiser: Ja, das finde ich auch gut. Genau wie überhaupt Interesse am Tod und der Trauer – statt über das Tabu zu schweigen.

Gscheidel: Ich glaube auch, die meisten Menschen interessiert alles rund um Tod und Trauer brennend, aber sie trauen sich nicht zu fragen. Deshalb quetschen sie dann auf Partys Leute wie mich aus.

Kaiser: Was würden Sie Menschen empfehlen, die unsicher im Umgang mit Trauernden sind?

Gscheidel: Man kann nicht viel falsch machen, wenn man sich empathisch auf die trauernde Person einlässt und sich miteinander verbindet. Dann kann man Sachen sagen wie: "Ich weiß auch nicht, was ich sagen soll." Oder: "Wow, was für eine Scheiße!"