ZEIT ONLINE: Führungskräfte haben viel um die Ohren und sind meist notorisch unter Zeitdruck. Ab wann wird es gesundheitlich gefährlich, Frau Kleinschmidt?

Carola Kleinschmidt: Die meisten merken die gesundheitlichen Auswirkungen oft erst, wenn eine Erschöpfung schon fortgeschritten ist. Typische Symptome sind etwa Schlaflosigkeit, oft weil sich die Stresshormone nicht mehr abbauen. Ein weiteres typisches Anzeichen ist, wenn die emotionale Regulation nicht mehr funktioniert und man bei jeder Kleinigkeit aus der Haut fährt.

Allerdings ist Stress nicht per se schlimm.

ZEIT ONLINE: Warum?

Kleinschmidt: Ein paar stressige Tage können förderlich sein – denn das Hirn fokussiert sich in einem solchen Zustand auf das Thema oder das Problem. Die Leistungsfähigkeit steigt dann sogar etwas an. Man unterscheidet daher zwischen kurzzeitigem Stress, den wir Menschen sehr gut abkönnen. Und Dauerstress, der belastend ist. Stress in diesem Sinne meint nicht die anregende Herausforderung, wenn ich begeistert eine Aufgabe abarbeite. Stress meint hier: "Ich stehe vor einer wichtigen Herausforderung – und bin mir nicht sicher, ob ich es schaffen werde." Dieses Gefühl aktiviert uns, ist aber anstrengend. Und wenn es aufgrund von Leistungsdruck oder innerem Anspruch zum Dauerzustand wird, wird es gefährlich.

ZEIT ONLINE: Was sollte ich tun, wenn ich merke, dass ich ausbrenne?

Kleinschmidt: Das Wichtigste ist, wieder Handlungsspielraum zu gewinnen. Sobald man sich handlungsfähig fühlt, lässt der Stress auch nach. Aber um Handlungsspielraum zu gewinnen, muss man wissen, was den starken Druck auslöst. Sind es etwa äußere Anforderungen wie Termine oder ähnliches oder ist es etwas Inneres? Das kann beispielsweise ein unbewältigter Konflikt im Team sein, eine fehlende Haltung zu einer Umstrukturierung oder die Enttäuschung über zu wenig Karriereaussichten. Manchmal ist Detektivarbeit gefordert, um herauszufinden, was den Stressmotor derart am Laufen hält.

ZEIT ONLINE: Wie finde ich das denn heraus?

Kleinschmidt: Man braucht dafür einen ehrlichen Blick auf sich selbst. Folgende Fragen können dabei helfen: Was versetzt mich in so hohe Aktivität, springe ich beispielsweise an, wenn ein Erfolg zu ergattern ist oder habe ich große Angst, einen Fehler zu machen?

Zur Ehrlichkeit mit sich selbst gehört auch die Einsicht, wenn man aus seiner Erschöpfung alleine nicht mehr rauskommt, sich Hilfe zu suchen. Viele Betroffene schrecken aber davor zurück, sich Hilfe zu suchen. Eine Beratung oder auch eine Therapie sind aber kein Manko oder ein Zeichen für ein vermeintliches Scheitern, sondern sie sind vielmehr  ein Signal, dass man verantwortungsbewusst mit sich selbst umgeht. Auch in einem Coaching oder in einer Therapie geht es darum, herauszufinden, was die Antreiber sind und die eigenen Verhaltensmuster aufzuspüren. Außerdem zielt eine Therapie darauf ab, einen Weg zu finden, so mit Druck und Stress umzugehen, dass die psychische und physische Gesundheit nicht mehr so stark beeinträchtigt wird. 

ZEIT ONLINE: Sie haben in Ihrem neuen Buch Burnout – und dann? untersucht, welche Strategien am erfolgreichsten sind, um nach einer Therapie zurück ins Leben zu finden. Was funktioniert?

Kleinschmidt: Die Gespräche mit Betroffenen zeigen: Die größte Schwierigkeit nach einer Therapie ist meist, den neuen Weg weiterzugehen und die Erkenntnisse der Therapie auch zu leben. Nach einer Therapie ist das Leben anders als vorher. Man hat eine wichtige Veränderung durchlaufen, man kennt jetzt Möglichkeiten, anders auf Stress zu reagieren – aber man muss die neuen Verhaltensweisen und Einstellungen auch im Alltag umsetzen können. Dazu braucht es Ehrlichkeit und Klarheit. Man muss sozusagen sein eigener Kompass sein. Manchmal kann es hilfreich sein, sich in der ersten Phase von einem Coach unterstützen zu lassen.

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"Die Veränderungen können Kollegen, Mitarbeitern oder Vorgesetzten durchaus vor den Kopf stoßen"

ZEIT ONLINE: Was ist denn nach einer Therapie anders?

Kleinschmidt: Das Leben wird nach einem Burn-out nicht leichter. Es ist ein tägliches Zu-sich-Stehen. Denn nicht jede Veränderung, die ein ehemals Burn-out-Betroffener anschließend vornimmt, wird von Jubel begleitet.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Kleinschmidt: In der Regel sagen die Betroffenen jetzt viel früher und viel entschiedener Nein. Viele setzen außerdem andere Prioritäten in ihrem Leben. Das kann Kollegen, Mitarbeitern oder Vorgesetzten im Job durchaus vor den Kopf stoßen. Hinzu kommt: Wer länger als sechs Wochen krankgeschrieben ist, steigt anschließend automatisch mit einem betrieblichen Eingliederungsmanagement wieder ein. Diese Übergangszeit ist wichtig und sollte unbedingt genutzt werden. Mit einem langsamen Wiedereinstieg in den Job kann man besser herausfinden, was die eigenen Stress-Trigger sind. Sonst ist die Gefahr groß, dass man schnell wieder in alte Verhaltensweisen zurückfällt. Das beste Mittel gegen ein Burn-out ist es, die eigenen Schlüsselreize zu kennen.

In dieser Eingewöhnung ist es allerdings genauso wichtig, dass man wieder erkennt, dass man etwas schaffen kann, dass man durchaus belastbar ist. Zu große Schonung kann auch nach hinten losgehen. Sie sehen: Es ist ein Balanceakt, der von allen Beteiligten viel fordert.

ZEIT ONLINE: Wie gestalte ich mein Leben, damit Energie und Lebensfreude dauerhaft Platz haben?

Kleinschmidt: Im Burn-out geht der Kontakt zu sich selbst verloren. Deshalb ist es wichtig, wieder ein Gleichgewicht zwischen dem Job und dem Privatleben herzustellen. Ich habe mit vielen ehemals Burn-out-Betroffenen gesprochen. Viele von ihnen speisten vor dem Burn-out ihr Selbstwertgefühl ausschließlich aus dem Job. Nach der Erschöpfung jedoch daraus, wie sie sich fühlen. Daher ist es wichtig, Dinge zu tun, bei denen man sich gut fühlt. Für die einen sind es sportliche Aktivitäten, andere suchen sich kreative Tätigkeiten wie das Malen. Es geht nicht darum, herauszufinden, wie ich in die Gesellschaft passe, sondern vielmehr, Dinge zu tun, die mich immer wieder in Kontakt mit mir selbst bringen.