Der Syrer Khaled Faour kannte Deutschland lange nur von Bildern. "Mein Vater war im Im- und Export tätig und hat mir viel von seinen Reisen nach Deutschland erzählt, auch Fotos brachte er mit", erzählt der 22-Jährige. Als das Regime unter Baschar al-Assad immer stärker gegen die Bevölkerung vorging und der "Islamische Staat" (IS) in Khaleds Heimat eindrang, floh er aus Syrien. Alleine. Seine sieben Geschwister und seine Eltern blieben in Aleppo.

Die Fotos seines Vaters sind längst Realität  für Khaled geworden. Seit zwei Jahren ist er in Berlin und versucht, hier auch beruflich Fuß zu fassen. Sein Status ist durch die Blaue Karte EU geregelt, die hochqualifizierten Fachkräften ein Aufenthaltsrecht in Deutschland und der EU gibt. In Aleppo hatte der Syrer Architektur studiert und immer großes Interesse an IT gehabt. Über einen Freund kam er daher in Berlin zur ReDi School.

"Bei uns lernen technisch versierte Geflüchtete das Programmieren", sagt die Geschäftsführerin Anne Kjær Riechert. ReDi steht für Readiness and Digital Integration. "Sie entwickeln Angebote, bauen ihre Fähigkeiten aus und qualifizieren sich für Jobs oder Start-up-Gründungen in der europäischen Tech-Szene." In der Branche seien Zertifikate und Zulassungen nicht so wichtig, Qualifikation zähle in erster Linie. "Wenn du programmieren kannst, kannst du auch liefern", sagt Riechert. Etwas liefern, was Deutschland fehlt: Nach Angaben des Branchenverbands Bitkom sind 43.000 Stellen im IT-Bereich nicht besetzt.

Alles was fehlte war ein Laptop

Riechert hatte die Idee zur ReDi School, als sie vor rund einem Jahr zum Ramadanfest eine Flüchtlingsunterkunft besuchte. Die 33-jährige Geschäftsfrau lernte dort einen Iraker kennen, der Codieren gelernt hatte, aber seine Fähigkeiten nicht ausbauen konnte, weil der mehrere Jahre nichts mehr programmiert hatte. "Und das nur, weil er keinen Zugang zu einem Laptop hatte", sagt Riechert.

Sie bat daraufhin bei der Berliner Nacht der Start-ups um Spenden für ein Schulprojekt. So kamen die ersten Notebooks zusammen, mit denen die 13 Schüler der Pilotklasse ab Herbst arbeiten konnten. Finanzielle Unterstützung erhielt das Non-Profit-Start-up von dem Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co. Auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg war mit seiner Ehefrau Priscilla Chan bereits zu Gast in der gemeinnützigen Programmierschule. "Er war sehr angetan von unserer Arbeit und will sie unterstützen", sagt Riechert, die seit vier Jahren das Peace Innovation Lab in Berlin mit aufbaut.

Unterricht bei ehrenamtlichen Coaches

Im Februar begannen die ersten 42 Studenten die Fachausbildung an der Schule, 35 machten vier Monate später ihren Abschluss. "Wir sind für viele die Brücke zwischen dem Ankommen und einem Studium, dem Finden eines Jobs oder der Gründung eines Start-ups", sagt Riechert. Unterrichtet werden die Studenten von ehrenamtlichen Coaches und Mentoren aus der Berliner Tech-Branche, die hauptberufliche Coder, Developer und Webdesigner sind.

Drei Start-ups sind daraus bereits entstanden: Let’s Integrate ist ein Portal, das Treffen zwischen Einheimischen und Geflüchteten fördert. Bureaucrazy hilft, den deutschen Bürokratiewahnsinn zu bewältigen, und Jasmin ist ein Cateringservice für syrisches Essen, die Website stammt von Studenten der ReDi-School.

Der Syrer Khaled arbeitet mit drei anderen Geflüchteten an einer Plattform, auf der Menschen sich mit ihren Fähigkeiten gegenseitig unterstützen und austauschen können: "Der eine braucht Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, kann dafür aber super kochen. So wäscht eine Hand die andere", sagt der 22-Jährige. Die Schule hat ihm Selbstbewusstsein zurückgegeben. "Im Heim fühlt man sich blöd und nutzlos. Jetzt habe ich eine tolle Aufgabe und die Chance, mich für ein Studium zu qualifizieren. So funktioniert Integration." Nebenbei entstehen neue soziale Netzwerke und Kontakte in die Wirtschaft.

Auf dem Erfolg will Riechert aufbauen, sie plant, nach Hamburg, München und Stuttgart zu expandieren, eventuell auch nach Köln und Frankfurt. "Wir dürfen die Geflüchteten nicht als Opfer sehen. Sie sind Überlebende, die fabelhaft ausgebildet sind. Das zeigen unsere Erfahrungen." Die gebürtige Dänin hat eine konkrete Vorstellung davon, wie die Integration der 1,1 Millionen Menschen leichter werden kann: "Wir müssen ihr Talent sehen und sie befähigen, es anzuwenden. Nichts ist schlimmer, als untätig in einem Flüchtlingscamp zu sitzen."

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