ZEIT ONLINE: Sind Sie selbst ein Coaching-Fan, Frau Meister?

Jennifer Meister: Ja. Ich habe schon häufiger Coachings und individuelle Weiterbildungen in Anspruch genommen. Im Prinzip kann doch jeder etwas dazulernen und Coachings sind eine gute Möglichkeit dafür, auch weil berufliche und private Weiterbildung durch den digitalen Wandel wichtiger wird. Immer weniger Menschen kommen im Job mit dem Wissen aus, das sie mal in Schule, Ausbildung oder Studium gelernt haben. Meist braucht man ja keine umfangreiche Schulung, sondern ein ganz individuelles Angebot. Dazu kommt noch, dass Lebensläufe brüchiger werden. Viele Menschen wechseln viele Male in ihrem Leben den Arbeitgeber. Und dann gibt es ja noch den Privatbereich.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Meister: Die vielfältigen Anforderungen in Beruf und in der Familie setzen viele Menschen unter Stress. Jeder Dritte kann nicht mehr richtig abschalten, zeigen Studien. Daher ist auch die Nachfrage im Bereich Lebensberatung, oder wie es neudeutsch heißt: Life-Coaching, groß geworden. Auch hier sind die Angebote vielfältig und reichen von Ernährungsberatung oder Fitnesstraining und Zeitmanagement bis zu Achtsamkeitstraining, Yoga, Meditation und individueller Partnerschafts- oder Familienberatung. Aber egal, ob man eine bestimmte Fähigkeit für den Job verbessern möchte oder besser lernen oder abschalten will, es gibt ein Problem: Der Markt ist wahnsinnig unübersichtlich.

ZEIT ONLINE: Sie wollen für mehr Übersicht sorgen und haben zusammen mit einer Freundin die Plattform Coachimo gegründet, auf der Menschen, die ein Coaching suchen, einen Experten finden.

Meister: Ja und nein. Bei uns kann man zwar auch ein klassisches Coaching finden – also beispielsweise wenn jemand im Job die Leitung eines Teams übernimmt und sich mithilfe eines externen Trainers mit dieser neuen Rolle auseinandersetzen möchte. Aber man kann bei uns auch Experten zu allen möglichen Themen, vor allem zur beruflichen Weiterbildung finden.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee?

Meister: Meine Mitgründerin Katja Manger und ich wollten schon lange ein eigenes Unternehmen gründen, aber es fehlte die zündende Idee. Uns verbindet jedoch, dass wir gerne Neues ausprobieren. Schon als wir noch Angestellte waren, haben wir immer mal wieder Seminare besucht, um eine neue Fähigkeit zu lernen. Dabei stießen wir aber immer auf das gleiche Problem: Es gab für die vielen Angebote keine unabhängige Plattform zum Vergleichen.

ZEIT ONLINE: Braucht man das denn?

Meister: Na ja, man kann sich natürlich durch die unzähligen Webauftritte von Coaches, Weiterbildungsunternehmen und die vielen Datenbanken klicken. Meist gehören diese Datenbanken aber zu einem Coachingunternehmen oder einem Verband mit bestimmten Interessen. Denn in der Coachingbranche gibt es mehrere miteinander konkurrierende Verbände. Alles das macht die Suche sehr aufwendig. Man muss alle diese Angebote gründlich prüfen und meist noch bei jedem einzelnen Anbieter den Preis recherchieren oder individuell verhandeln.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Meister: Es ist in der Branche bisher nicht üblich, dass die Preise transparent genannt oder offen auf den Websites genannt werden. Natürlich wollen sich die meisten Coaches, gerade wenn sie als Einzelanbieter frei am Markt bestehen müssen, alles offenhalten. Und oft variieren die Kosten je nach Umfang und Aufwand. 

Noch unübersichtlicher ist es, wenn man nur eine einzelne berufliche Frage hat, für die man einen Experten braucht. Denn dafür gibt es keine Datenbank oder Plattform. Bei meiner Mitgründerin war das der Fall. Sie brauchte für die Bearbeitung ihrer Fotos eine spezielle Lösung im Umgang mit Photoshop. Sie suchte und suchte einen Experten. Im Netz fand sie aber nur lang andauernde, teure und für ihr konkretes Problem völlig überdimensionierte Kurse. Am Ende landete sie bei eBay Kleinanzeigen.

ZEIT ONLINE: Da suchen Leute doch eher nach Kleintierzubehör. Oder nach Gebrauchtmöbeln.

Meister: (lacht) Genau – und leider war das Angebot von der Qualität her auch entsprechend. Wir haben uns dann gefragt: Warum gibt es eigentlich keine Plattform, auf der Experten und Coaches gesammelt auftreten? Eine Plattform, die mehr ist als eine Datenbank und eher funktioniert wie Airbnb mit einem Community-Charakter. Und so kamen wir auf die Idee für Coachimo.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert die Plattform?

Meister: Coaches und Experten, die Schulungen anbieten, können sich bei uns kostenlos registrieren und ein Profil anlegen. Dazu müssen sie verschiedene Angaben etwa zu ihrem Werdegang und ihrer Ausbildung machen. Und außerdem beschreiben, was gemacht wird – und wo. Wichtig ist auch, dass der Preis genannt wird. Für uns ist wichtig, das die Nutzer vergleichen können.

ZEIT ONLINE: Kritiker sagen, in der Coachingbranche gebe es viele schwarze Schafe. Wie stellen Sie sicher, dass die Experten auf Ihrer Plattform seriös sind?

Meister: Die Profile sind sehr ausführlich und ermöglichen so eine individuelle und konkrete Präsentation des Coaches. Wer etwa eine professionelle Ausbildung und Weiterbildungen gemacht hat, kann das entsprechend kenntlich machen. Zudem gibt es die Möglichkeit, das Profil mit den übrigen gängigen Plattformen wie etwa Xing und LinkedIn und der eigenen Website zu verknüpfen sowie Fotos und Videos hochzuladen. Dadurch ergibt sich ein transparentes Bild des Coaches/Experten. Ein weiterer wichtiger Baustein sind die Bewertungen, die Coachees nach ihrem Coaching auf unserem Portal schreiben können. Wir planen zudem ein Business-Profil zu launchen. In diesem Zusammenhang wird es einen Verifizierungsprozess geben. Auch fangen wir gerade an, mit den verschiedenen Akteuren auf dem Markt – den Coachingverbänden und Netzwerken – zusammenzuarbeiten. Unser Ziel ist es, den individuellen Weiterbildungs- und Coaching-Markt transparenter, vergleichbarer und vertrauensvoller zu machen.

ZEIT ONLINE: Warum ist es bisher so schwer, einheitliche Zertifikate zu schaffen?

Meister: Qualität von Coachings und Weiterbildungen lassen sich objektiv schwer messen. Coachings oder Schulungen sind ja kein Produkt wie zum Beispiel Schrauben, die aus einem bestimmten Material gefertigt sein müssen, damit die Qualität stimmt. Es sind komplexe Produkte, deren Erfolg nicht nur vom Lehrer, sondern auch vom Schüler abhängt. Ein Coach mag super ausgebildet sein, aber trotzdem kann es sein, dass eine Methode bei einem Klienten nicht erfolgreich ist, weil die Chemie einfach nicht stimmt. Aber genau das können die Nutzer als Bewertung auf unserer Plattform dann angeben.