"Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn." Dieses Zitat wird dem 2013 verstorbenen Publizisten Marcel Reich-Ranicki zugeschrieben. Der Regisseur Herbert Achternbusch könnte an dieser Stelle ergänzen: "Das schöne Gefühl, Geld zu haben, ist nicht so intensiv wie das Scheißgefühl, kein Geld zu haben." Und 200 Jahre früher hätte Jean-Jacques Rousseau vielleicht noch eingeworfen: "Das Geld, das man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit, dasjenige, dem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft."

Vor die Wahl gestellt würden die meisten Menschen lieber mehr Geld und Besitz haben wollen, als es aktuell der Fall ist. Gleichzeitig wird uns allenthalben gesagt, dass der schnöde Mammon doch gar nicht glücklich mache. "Money can't buy me love", sangen einst die Beatles. Pythagoras soll folgenden Aphorismus geprägt haben: "Reich an Geld heißt arm an Freuden." Und in der Bibel heißt es bekanntlich, dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher in den Himmel.

Trotz all dieser Warnungen lässt das Thema Geld wenige Menschen kalt. Ständig werden Hitlisten veröffentlicht mit den reichsten Menschen, Staaten oder Arbeitgebern, die am besten bezahlen. Sogar Hochschulen werben derweil mit dem Einkommen, welches ihre Absolventen später erwarten können. Doch lohnt sich die Jagd? Die Forschung kommt zu sehr unterschiedlichen Antworten.

Viele Menschen glauben, sie wären glücklicher, wenn sie reicher wären. Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit: Faktisch findet sich in Untersuchungen eine nichtlineare Beziehung zwischen Einkommen und Geld. Wer beispielsweise in Deutschland lebt und ein unterdurchschnittliches Jahreseinkommen von 15.000 Euro bezieht, der erlebt einen starken Glückszuwachs, wenn sich das Einkommen auf 30.000 verdoppelt. Wer es schafft, dies nochmal auf 60.000 zu steigern, erhält einen weiteren Glücksbonus, der jedoch schon bedeutend geringer ausfällt als beim ersten Sprung.

Irgendwo zwischen 80.000 und 100.000 Euro Jahreseinkommen verliert sich der Zusammenhang fast vollends. Ökonomen sprechen hier von einem abnehmenden Grenznutzen. Millionäre sind zwar im Mittel glücklicher als Menschen, die "nur" gut verdienen, aber dieser Unterschied ist unbedeutend im Vergleich zum Abstand zwischen Gut- und Geringverdienern. Warum spielen dann trotzdem so viele Menschen Lotto, woher kommt der Mythos von der ersten Million?

Eine Erklärung: Menschen können nur schlecht voraussagen, wie sich Ereignisse in der Zukunft auf ihr Empfinden auswirken werden. Psychologen nennen diesen Prozess Affective Forecasting. Die Valenz, also ob uns etwas ge- oder missfallen wird: Das schaffen wir noch ganz gut. Aber bei Intensität und Dauer liegen wir meist daneben. Zwar sagen die meisten Menschen korrekt vorher, dass ein Sechser im Lotto sich positiv auf ihr Empfinden auswirken würde. Sie überschätzen allerdings massiv, wie stark diese Wirkung sein würde und auch wie lange diese Veränderung anhalten würde. Studien mit echten Lottogewinnern zeigen: So ein Hauptgewinn gibt uns in der Tat einen Glückskick. Doch der Anstieg ist weit weniger bedeutend als gemeinhin angenommen. Nach ein paar Monaten, spätestens ein bis zwei Jahren, ist es aus mit der Herrlichkeit. Letztlich gewöhnen wir uns einfach emotional an die neuen Lebensumstände. Das, was einst besonders glücksstiftend war, wird zur Normalität.

Der Unterschied zwischen Haben und Habenwollen

Studien legen außerdem nahe, dass sich das Streben nach Reichtum negativ auf unsere Lebenszufriedenheit auswirkt. Wer finanzielle Ziele als zentralen Ausgangspunkt seines Handelns definiert, macht sein Lebensglück zwingend von extrinsischer Motivation abhängig. Laut der Selbstdeterminationstheorie, dem einflussreichsten Gedankengebäude der letzten 30 Jahre zur Frage, was Menschen im Kern antreibt, streben Menschen nach der Befriedigung von drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen: erstens Bindung an andere Menschen, zweitens Kompetenzerleben und Selbstwirksamkeit, und drittens Autonomie.

Wenn wir uns also Tätigkeiten widmen, die eines oder mehrere dieser Bedürfnisse ansprechen, erleben wir dies als intrinsisch motivierend. Wir haben dann ein Flow-Gefühl und sind wie Kinder beim Spielen. Das Spüren dieses inneren Antriebs wiederum geht mit einem hohen Maß an Zufriedenheit einher. Geld hingegen nützt an dieser Stelle, wenn überhaupt, dann nur sehr mittelbar. Wer sich also beispielsweise einen Beruf aussucht, der ein hohes Einkommen verspricht, aber nicht auf die Befriedigung unserer basalen Bedürfnisse einzahlt, opfert für den finanziellen Erfolg mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Stück Lebensglück.