ZEIT ONLINE: Sie unterstützen Unternehmen dabei, Lernen als strategische Kompetenz in der digitalen Welt zu nutzen. Wie genau funktioniert das?

Julia Dellnitz: Wir wollen die Lust aufs Lernen bei allen Beteiligten im Unternehmen wecken – vom Management bis zum Auszubildenden. Dazu schauen wir uns an, welche Themen gerade wichtig für den Geschäftserfolg sind. Und setzen hier an, damit selbstorganisiertes Lernen entsteht. Das heißt, wir veranstalten keine Seminare, die nichts mit der eigentlichen Arbeit der Teams zu tun haben. Sondern wir zeigen den Mitarbeitern, wie sie durch regelmäßige Retrospektiven kontinuierlich aus ihrer Arbeit lernen können, oder sich Fachwissen in kurzen Lerneinheiten aneignen – selbstorganisiert und konsequent auf die Praxis gerichtet.

ZEIT ONLINE: Warum ist das besser als der Besuch in einem Seminar?

Dellnitz: Weil da oft Menschen mit sehr unterschiedlichen Aufgaben den gleichen Inhalt lernen und dieses Lernangebot häufig entkoppelt ist von der Arbeit und wenig mit den konkreten Aufgaben oder der Strategie des jeweiligen Unternehmens zu tun hat.

Dazu kommt, dass viele mit klassischer betrieblicher Weiterbildung eine Form des Lernens verbinden, die anstrengend ist und wenig Spaß macht. Oft begegnet uns auch das Vorurteil, Lernen sei etwas für Berufsanfänger und ab einem bestimmten Punkt im Leben habe man ausgelernt. Aber so etwas gibt es nicht. Ich erlebe auch immer mal wieder, dass Unternehmen glauben, dass sie ihre hochqualifizierten Leute nicht fürs Lernen bezahlen. Diese Vorstellung ist aber absurd. Gerade in anspruchsvollen Jobs ist ständige Weiterbildung wichtig. Und wer sich nicht weiterentwickeln kann, sucht sich oft einen besseren Arbeitsplatz bei der Konkurrenz.

ZEIT ONLINE: Aber da ist es oft auch nicht besser. Denn viele Unternehmen haben ihre Bildungsangebote noch nicht auf den digitalen Wandel angepasst.

Dellnitz: Das stimmt. Die Anforderungen verschieben sich gerade komplett. Um mit Maschinen zusammenzuarbeiten und Entscheidungen mithilfe von Algorithmen treffen zu können, werden viele Menschen künftig umfassende technische und digitale Fähigkeiten brauchen. Und wo viele Verantwortung tragen, werden auch viele die Fähigkeit entwickeln müssen, sich selbst und andere zu führen, gut miteinander umzugehen, zuverlässig und informiert im Markt zu agieren. Dazu ist unternehmerisches Know-how wichtig.

Diese Fähigkeiten sind übrigens nicht statisch. Wir lernen sie im Laufe des Berufswegs immer wieder neu, verbessern und verändern sie. Das gelingt uns dann leichter, wenn stetiges, systematisches Lernen Teil des Berufes und Zeit für eigene Entwicklung vorgesehen ist. Lernen kann dann nicht mehr nur von einzelnen Institutionen und Personen ausgehen, sondern geschieht vielmehr selbstbestimmt in den eigenen Bezugsgruppen.

"Lernendes Arbeiten braucht ein gutes Betriebsklima"

ZEIT ONLINE: Unternehmen müssen betriebliche Bildung also neu denken?

Dellnitz: Unbedingt, ja. Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft tiefgreifend. Die Dinge sind vernetzter, transparenter, alle miteinander gekoppelt. Unternehmen müssen mit dieser Veränderung umgehen und flexibel auf all die Unwägbarkeiten in ihren Märkten reagieren.

Lernendes Arbeiten, so will ich es mal nennen, ist ein geeigneter Weg, sich als Unternehmen darauf einzustellen. Nicht zu hoffen, dass die Veränderung schon irgendwann vorbei ist, sondern permanent zu lernen, was Kunden wollen und wie es wirtschaftlich sinnvoll ausgeliefert werden kann.

ZEIT ONLINE: Für die Mitarbeiter ist das aber Stress.

Dellnitz: Dem würde ich widersprechen. Denn lernendes Arbeiten braucht ein gutes Umfeld, in dem es den Beschäftigten gut geht. Dazu gehört Offenheit für andere Ideen und Perspektiven, ein konstruktiver Umgang miteinander – auch in schwierigen Situationen –, Transparenz über Vorgänge und ihre Auswirkungen sowie eine Atmosphäre, in der Neugierde, Experimentierfreude und auch gute Laune ausdrücklich willkommen sind. Wichtig ist auch das Vertrauen, dass diejenigen, die die Arbeit machen, die jeweils besten Entscheidungen treffen. Und dass niemand mit Sanktionen rechnen muss.

Sicher, es kann sein, dass ich in einer ständig lernenden Organisation mehr Verantwortung für mich selbst, mein Handeln und meine Grenzen übernehmen muss. Und es kann auch sein, dass manche das nicht wollen, weil Lernen auch mal unbequem ist. Aber grundsätzlich ist so eine Unternehmenskultur die Chance zur Weiterentwicklung für jeden quer durch alle Hierarchiestufen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für Führungskräfte?

Dellnitz: Als Führungskraft muss ich mein Team ermutigen, Angst nehmen und vielleicht auch mutig zeigen, wie ich mich selbst verändern und dazulernen kann. Eben ein Vorbild sein.