ZEIT ONLINE: Läuft es im Unternehmen nicht rund, ist in der Regel der Chef schuld. Sind unsere Führungskräfte wirklich alle schlecht, Frau Piechowiak?

Ilka Piechowiak: Offenbar liebt man in Deutschland das defizitorientierte Denken. Wir tun uns schwer mit Lob, selten werden positive Dinge herausgestellt. Wir hören und lesen eher die schlechten Unternehmensnachrichten und erfahren weniger, was gut gelaufen ist. Dabei gibt es eine Reihe von Führungskräften, die tatsächlich einen sehr guten Job machen.

Und oft ist die Stimmung in der Belegschaft auch dann katastrophal, obwohl die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens sehr gut ist. Meiner Erfahrung nach liegt das daran, dass die Führungskräfte zu sehr mit sich selbst und dem Unternehmen beschäftigt sind – aber die Belange der Belegschaft vernachlässigen.

ZEIT ONLINE: Ist für diese Führungskräfte die Aufgabe, Menschen zu führen, zu schwer?

Piechowiak: Als Führungskraft muss man Menschen mögen. Ohne Sozialkompetenz geht es also nicht. Aber wie geführt wird, hängt nicht allein  von der Führungskraft ab. Hier spielen auch vorhandene Strukturen einer Organisation und die Unternehmenskultur eine große Rolle. Die Führungskraft bewegt sich innerhalb dieses Rahmens.

ZEIT ONLINE: Was zeichnet eine gute Führungskraft aus?

Piechowiak: Eine gute Führungskraft sieht ihre Mitarbeiter nicht nur als Funktionsträger und Arbeitskraft, sondern als Menschen. Sie mag ihre Mitarbeiter und behandelt sie wertschätzend. Sie kann zuhören und dominiert Gespräche nicht. Sie ermuntert ihr Team, mit Fragen und Problemen zu ihr zu kommen. Sie nimmt sich Zeit für ihre Mitarbeiter und gönnt ihnen ihren Erfolg.

Das heißt, sie kann sich problemlos zurücknehmen, überträgt Verantwortung und fördert die Initiative der Mitarbeiter und ihre individuellen Potenziale. Und sie agiert in alle Richtungen clever und diplomatisch und stellt sich im Zweifel schützend vor ihr Team. Vor allem fördert sie eine gesunde Fehlerkultur bei ihren Mitarbeitern, denn nur so sind Entwicklungen möglich.

ZEIT ONLINE: Und was macht eine schlechte Führungskraft aus?

Piechowiak: Schlechte Führungskräfte kontrollieren ihre Mitarbeiter und halten sie oft klein. Oftmals, um selbst im Rampenlicht zu stehen. Sie gönnen ihrem Team weder den Erfolg, noch gehen sie mit ihm wertschätzend um. Weil sie nicht selbstreflektiert sind und über keine wertschätzende Grundhaltung verfügen, spielen sie sich zu sehr in den Vordergrund. Oder sie kaschieren auf diese Art eigene Unfähigkeiten.

ZEIT ONLINE: Wie wird aus einer schlechten Führungskraft eine gute?

Piechowiak: Meiner Erfahrung nach ist das ein schwieriges Unterfangen. Denn auch für das Verhalten von schlechten Führungskräften gibt es ja Gründe. Hier müsste man ansetzen und schauen, ob sich hinsichtlich der Führungsqualitäten etwas ändern lässt. Gute Führung hat viel mit einer gewissen Grundhaltung und dem Charakter zu tun  – und wenn diese nicht passen, wird der Switch nicht gelingen. Auch die schon angesprochene Unternehmenskultur, die DNA einer Organisation, wirkt in hohem Maße auf die Führungskräfte. Selbst wenn der Chef oder die Chefin gute Anlagen hat, ist das nicht immer die Chance, im Unternehmen auch "gut" zu sein. Denn die Unternehmenskultur verändern zu wollen, erfordert viel Mut. Und genau darüber verfügen die wenigsten Führungskräfte.