Manfred Gortz kennt das Geheimnis der tollen Spitzenmenschen: Nicht jammern, machen! Kein Waschlappen sein, sondern einer, der bewegt. Ein Mover. Du hast es in der Hand, und wenn nicht, bist du selbst schuld. "Sie können alles schaffen, was Sie wollen. Das klingt unglaubwürdig? Glauben Sie mir, es ist die Wahrheit", verkündet Gortz. Seine Heilsversprechen aus langjähriger Coaching-Erfahrung hat er in ein Buch gepackt: Dein Erfolg heißt es.

Die Weisheiten des Erfolgsgurus Gortz spielen im Roman Unterleuten von Juli Zeh eine Rolle, wo eine der Figuren seine Ratschläge begierig liest. Wer bei Amazon sucht, findet das Buch aus dem Buch tatsächlich, 112 Seiten, Bestseller-Rang 51.062, Platz 30 in der Unterkategorie "Erfolg" der Rubrik "Job & Karriere", 18 Kundenrezensionen. Umgeben ist das Buch von ähnlichen Titeln wie: Reich und glücklich! Wie Sie alles bekommen, was Sie sich wünschen. Oder: Spielregeln für Gewinner: Mit 25 einfachen Gesetzen zur persönlichen Höchstleistung.

Nur dass es Manfred Gortz nicht gibt. Die Autorin Juli Zeh selbst hat den Ratgeber als Parodie auf den Leistungsbrutalismus zu den anderen Erfolgsbibeln ins Verkaufsregal geschoben. Der fiktive Erfolgsguru treibt nur auf die Spitze, was unsere Gesellschaft zu einer ihrer Grundüberzeugungen gemacht hat: Wir glauben gerne daran, dass wir uns den Erfolg erarbeiten können, dass wir ihn irgendwie in die Hand nehmen können. Allein: Was ist, wenn es nicht stimmt? Wenn nicht Anstrengung und Talent bestimmen, wer es nach oben schafft? Wenn wir weitaus weniger unseres Glückes Schmied sind, als wir meinen?

Der US-Ökonom Robert H. Frank hat kürzlich ein viel beachtetes Buch über die Zufälligkeit des Erfolgs geschrieben. Seine zentrale These, untermauert mit zahlreichen Studien aus der Ökonomie, der Psychologie und Soziologie, lautet: Wir überschätzen systematisch den Einfluss von Ehrgeiz und Begabung – und unterschätzen, wie sehr unser Erfolg an Zufällen, günstigen Gelegenheiten, Glück hängt. Die Folgen dieses Denkfehlers sind fatal. Für uns selbst. Aber auch für eine Gesellschaft, die Antworten auf die Frage finden muss, welchen Ausgleich sie für das Scheitern schaffen will.

Reihenweise entdecken Forscher in jüngster Zeit, was alles nicht zu den Erfolgsrezepten passt, die die Karriereratgeberliteratur uns auftischt. Dass der Schulerfolg eines Kindes vom Einkommen und Bildungsabschluss der Eltern abhängt, ist da vielleicht noch die bekannteste Erkenntnis. Mitunter können aber auch bizarrste Faktoren Einkommen, Status und Lebenswege prägen – etwa die Jahreszeit, in der man geboren wurde.

Als Erstes fiel dies dem Sportpsychologen Roger Barnsley auf, als er in den achtziger Jahren bei einem Hockeyspiel gelangweilt im Programmheft blätterte: Überproportional viele Spieler kamen im Januar, Februar oder März auf die Welt. Tübinger Sportwissenschaftler wiederum ermittelten, dass 61 Prozent der Nachwuchsspieler in der Talentförderung des Deutschen Fußballbundes in den ersten sechs Monaten des Jahres geboren wurden. Ähnliche Muster sind inzwischen für viele Mannschaftssportarten belegt. Die Erklärung für solch rätselhafte Erfolgsparameter hat nichts mit Astrologie zu tun: Vereine nutzen Stichtage, um aus den Jungen und Mädchen eines Jahrgangs ein Team zu bilden, oft einfach den 1. Januar. Wer kurz nach Neujahr Geburtstag hat, gehört damit automatisch zu den älteren Spielern. Wer kurz vor Silvester auf die Welt kam, bleibt praktisch immer das Nesthäkchen der Mannschaft.

Wenige Monate Altersunterschied können bei Kindern schon einen großen Unterschied in der körperlichen Entwicklung bedeuten: Die Januar-Kicker wirken stärker, werden von ihrem Trainer vielleicht eher gefördert, haben die besseren Chancen, für eine höhere Mannschaft nominiert zu werden. Regalmeterweise zeigen Studien, was sonst noch den Erfolg bestimmt, obwohl man es nicht ahnen mag: Vornamen, Nachnamen, Körpergröße, Schönheit, soziale Netzwerke, Wohnort. Die Reihe lässt sich fortsetzen. 

Alles nur eine Frage der Leistung? Des Ehrgeizes? Des Talentes? Na ja.

Wenn Talent praktisch keine Rolle spielt

Ökonom Frank geht davon aus, dass der Zufall sogar noch an Bedeutung gewonnen hat – was auch eine Erklärung dafür sein könnte, warum die Ungleichheit in vielen Industrieländern zunimmt. Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf den Markt für Musik. In früheren Jahrhunderten hatte das Publikum nur eine Wahl: Es musste vor Ort ins Konzert gehen. Lokale Sänger hatten ihr lokales Publikum und dadurch ein einigermaßen gesichertes Auskommen. Als aber die Schallplatte erfunden wurde und das Radio Aufführungen zu übertragen begann, änderte sich der Markt schlagartig: Wenige Spitzenverdiener versorgten fortan eine ganze Nation mit Melodien, und viele lokale Musiker krebsten an der Armutsgrenze. Es gibt wenige Stars, die den Großteil des Marktes abschöpfen – und unvergleichbar viele mehr, die leer ausgehen.

Mit Talent und Leistung sind diese gewaltigen Unterschiede kaum noch zu erklären. Das zeigt ein Experiment dreier US-Soziologen: Sie bastelten eine Internetmusikbörse und stellten dort 48 Songs von unbekannten Indie-Bands zum Download bereit. Die Forscher teilten die Nutzer des "Music Lab" nach dem Zufallsprinzip in Gruppen ein – und beobachteten, wie unterschiedlich die Hitlisten ausfielen. Lieder, die mal an der Spitze standen, floppten in anderen Gruppen. Entscheidend für das Schicksal eines Songs ist, wie viele Downloads er bereits hat: Was populär ist, wird noch populärer. Was niemanden interessiert, wird auch von den anderen Nutzern nicht beachtet. Damit hängt der Erfolg eines Musikstücks offenbar im Wesentlichen davon ab, ob die ersten Hörer es zufällig mochten oder nicht. 

Was populär ist, wird noch populärer

Ähnlich funktionieren schon lange die Arbeitsmärkte für Schauspieler, Schriftsteller, Künstler, Profisportler, wo wenige viel und viele wenig verdienen. Aber zunehmend folgen auch weitere Berufsgruppen diesem Muster, meint Frank: Manager, Architekten, Anwälte. In der Wissenschaft streichen wenige Forscher den Großteil der Fördermittel ein. In der Internetwirtschaft hängen Giganten wie Facebook oder Google kleine Garagenkonkurrenten ab. Erfolg und Leistung, Talent, Anstrengung entkoppeln sich. Der Zweite ist immer schon der erste Verlierer.

Dummerweise hat unser Gehirn einen blinden Fleck bei allem Zufälligen. Ihm sind die klaren Erklärungen lieber. So folgt es, um sich einen Reim auf die Welt zu machen, den falschen Fährten und deklariert dabei als Verdienst, was reinste Lotterie war. Das gilt gerade beim Blick auf den eigenen Karriereweg: Uns bleibt das Selbsterlebte stärker im Gedächtnis als die günstige Konstellation in unserem Umfeld, die eigenen Mühen stärker als Eltern, Lehrer, Kollegen, die uns zur Seite standen, an unsere harte Arbeit erinnern wir uns eher als die schwer zu fassende Möglichkeit, doch nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Im Nachhinein erscheint der Erfolg vielleicht nicht unausweichlich, aber doch sehr viel plausibler, als er es in Wirklichkeit ist. Psychologen sprechen vom Rückschaufehler.

Am stärksten unterschätzt den Zufall offenbar ausgerechnet, wer besonders von ihm begünstigt wurde. In einer Umfrage, die die arbeitgebernahe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft vor drei Jahren beim Allensbach-Institut in Auftrag gab, sagte die Mehrheit von 53 Prozent, Leistung lohne sich in unserem Land. Je höher das Einkommen, desto höher die Zustimmung: Unter denjenigen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von 3.000 Euro und mehr bejahten 63 Prozent die Aussage. Es sind die Erfolgsverwöhnten, die besonders bereitwillig dem Denkfehler unterliegen, sich ihr Glück verdient zu haben. Die Widerstände der Reichen und Erfolgsreichen gegen höhere Steuern und mehr Umverteilung mögen Ausdruck egoistischen Besitzstandsdenkens sein. Vielleicht sind sie aber auch das Ergebnis einer kognitiven Verzerrung.