Timo Metzler arbeitet im Grenzbereich des technisch Machbaren. Machen er und seine Kollegen einen Fehler kann das schnell den Ruin seines Arbeitgebers bedeuten. Metzler ist Luft- und Raumfahrtingenieur und beschäftigt sich vor allem mit Triebwerken. Klingt nur langweilig? Ist es aber nicht. Die Triebwerke eines Airbus A380 beispielsweise saugen pro Sekunde 1,5 Tonnen Luft an. Das ist ein gigantisches Volumen, das komprimiert werden muss. Dann wird Treibstoff eingespritzt. Der verbrennt – der so entstehende Abgasstrahl treibt das Flugzeug voran. Was viele nicht wissen: In der Brennkammer steigen die Temperaturen auf bis zu 1.000 Grad Celsius. Eine Temperatur, der das Material standhalten muss. Und zwar sehr lange. Klassiker wie die Boeing 737 sind 40 bis 50 Jahre in der Luft. In dieser Zeit starten sie rund 25.000 Mal und sind gut 100.000 Stunden in Betrieb.

Und das sehr verlässlich. Flugzeuge sind das sicherste Verkehrsmittel. Statistisch gesehen kann ein Mensch 14.000 Jahre unfallfrei fliegen. Was uns das alles sagt: Die Luft- und Raumfahrt ist ein Branche, in der es auf Qualität und Zuverlässigkeit ankommt. Und die sichern Menschen wie der 47-jährige Timo Metzler.

Er arbeitet beim Münchner Triebwerkshersteller MTU Aero Engines. Metzlers Hauptaufgabe: Er testet Verdichter. 

An einem Triebwerk arbeiten mehrere Unternehmen zusammen und beliefern die Hersteller mit Komponenten. Der Verdichter ist das Herzstück des Triebwerks und besteht aus mehreren Stufen, die einströmende Luft komprimieren und damit den Druck erhöhen. Dabei werden Kompressionen vom 45-fachen des Eingangsdrucks erreicht. "Je stärker die Verdichtung ist, desto effektiver arbeitet das Triebwerk", sagt Metzler. Der Ingenieur studierte an der Universität Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete hier auch einigen Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeit am Institut für Luftfahrtantrieb. 2002 wechselte er zu seinem heutigen Arbeitgeber. Eine klassische Laufbahn. Anfangs berechnete Metzler in seiner Firma Schub und Lebensdauer der Produkte. Später durfte er an der Auslegung eines Triebwerks mitarbeiten und war bereits hier für die Verdichter zuständig. Als die Berechnungen abgeschlossen waren, wurde der Verdichter gebaut, anschließend ging es in den Test. Mit dem Produkt wechselte auch der Ingenieur 2008 in die Prüfabteilung, wo er seither als Tester arbeitet.

Planung, Konzeption, Aufbau und Durchführung dauern etwa zwei Jahre. Der Test findet in einer riesigen Halle statt. Dort ist der Verdichter aufgebaut und wird nachts von Elektromotoren mit 16 Megawatt angetrieben. Nachts deshalb, weil der Strom dann günstiger ist. Die reine Prüfzeit dauert vier bis sechs Wochen. Gemessen wird an rund 1.700 Stellen. Drücke und Temperaturen sind wichtige Parameter. "In den Tests geht es um den Abgleich zwischen theoretischer Berechnung und praktischer Wirklichkeit", erzählt Metzler. Und die Tests sind Bestandteil des Freigabeverfahrens der Triebwerke durch das Luftfahrtbundesamt.

In seinem Job kommt es auf Teamarbeit an: Zwei Versuchsingenieure arbeiten in der Tag-, drei in der Nachtschicht. Mit zum Team gehören Elektriker, Mechatroniker und Mechaniker. Insgesamt besteht das Team aus etwa 20 Männern und Frauen. "Die Daten werden mittels Software gewonnen, wir bereiten sie mit Analysetools so auf, dass sie Kollegen aus der Aerodynamik oder Performance interpretieren können", erzählt der Ingenieur.

Ingenieure brauchen Teamfähigkeit

Gefragt sind im Arbeitsalltag viele Kenntnisse über die Physik von Turbomaschinen. Außerdem kommt es auf Verständnis für Messtechnik an. Und wer meint, Ingenieure müssten nicht gut kommunizieren können, der irrt. Damit alle im Team effizient zusammenarbeiten, sind starke Kommunikationsfähigkeiten gefragt.

Verdichter am Prüfstand ©MTU Aero Engines

Die Universität Stuttgart ist bisher die einzige zivile Universität Deutschlands, die einen Bachelorstudiengang in Luft- und Raumfahrttechnik anbietet. "Meist haben Luft- und Raumfahrtingenieure zuerst Maschinenbau auf Bachelor studiert, dann einen Master in Luft- und Raumfahrt abgeschlossen", sagt Ewald Krämer. Er  ist Studiendekan in Stuttgart und in dieser Funktion für die Qualität der Lehre in dieser Disziplin zuständig. Und wie sind die Chancen, als Bachelor einen Job zu finden? Zwar hat die Wirtschaft ein großes Interesse an dem Ingenieursnachwuchs. Neun von zehn der Bachelorabsolventen machen allerdings einen Masterabschluss. Etwa 180 Absolventen schließen ihr Studium jährlich in Stuttgart ab. 

Krämer kann dem Nachwuchs nur zu diesem Fach raten: "Die Arbeitsmarktchancen sind hervorragend. Etwa die Hälfte geht in die Luft- und Raumfahrt, die andere in Branchen, in denen hohe Qualitätsstandards herrschen, wie im Maschinenbau, der Energietechnik, im Fahrzeugbau." Timo Metzler jedenfalls hat seine Berufswahl noch nie bereut.