ZEIT ONLINE: Gerade wird wieder viel über das Thema Arbeitszeit gesprochen. Erinnert Sie die Diskussion an die Achtzigerjahre?

Christina Schildmann: Es ist eine Renaissance. Aber wir führen nicht die gleiche Diskussion wie damals, als es um die 35-Stunden-Woche ging. Da wollte man eine Verkürzung für Alle. Heute sprechen wir über anlassbezogene Verkürzungen im Lebenslauf: wir brauchen Zeit für die Kinderbetreuung, Zeit für die Pflege von Angehörigen und Zeit für Weiterbildungen. Deswegen wollen wir flexibler arbeiten. Und dafür benötigen wir atmendere Arbeitszeitmodelle.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Schildmann: Starrheit macht leider immer noch das Arbeitsleben in Deutschland aus. Wir brauchen eine stärkere Arbeitszeitsouveränität, also mehr Selbstbestimmung um den Einsatz der Zeit. Jeder sollte sich fragen dürfen: Wo, wann und zu welchen Zeiten will ich arbeiten? Natürlich kann es nicht um absolute Arbeitszeitsouveränität gehen, die betrieblichen Belange sind auch zu berücksichtigen. Vielmehr geht es um Verhandlungen um Zeit. Und das in allen Positionen.

ZEIT ONLINE: Warum wollen denn auf einmal viele flexibler arbeiten?

Schildmann: Wir haben seit einigen Jahren einen rapiden Anstieg von arbeitenden Frauen. Da macht es keinen Sinn mehr, dass sich die Arbeitszeiten und der Arbeitsmarkt immer noch am Alleinernährer ausrichten. Der Alleinernährer, der 40 Stunden plus Überstunden die Woche abreißt und eine Frau zu Hause hat, die ihm den Rücken freihält, der war gestern. Und das spürt man jetzt in der Debatte.

Es gibt aber auch immer mehr Paare mit Kindern, die es probiert haben, in Vollzeit zu arbeiten und die merkten, dass das kaum machbar ist. Der Arbeitsmarkt hat sich intensiviert. Doppelte Vollzeit plus Familie ist extrem Burn-Out-verdächtig. Diese Erkenntnis setzt sich langsam durch. Und drittens, ganz zentral, die Männer diskutieren über das Thema Vereinbarkeit. Sie können sich vorstellen, auch mal kürzer zu treten. Die Arbeitszeitdebatte ist nicht mehr privat, sie ist öffentlich verhandelbar.

ZEIT ONLINE: Also sind es hauptsächlich junge Eltern, die zwischen verschiedenen Modellen wählen möchten?

Schildmann: Nein, es sind nicht nur junge Eltern, sondern es betrifft auch die Sandwichgeneration, also die heute 40-bis 60-Jährigen, deren Eltern pflegebedürftig werden. Auch sie treiben die Debatte massiv voran. Und es gibt eine neue Generation auf dem Arbeitsmarkt, die völlig anders an das Thema Arbeit herangeht. Die Arbeitgeber haben, gerade was die Qualifizierten angeht, mit einer fordernden Generation Y und Z zu tun. Um die müssen sie kämpfen, auch mit interessanten Arbeitszeitmodellen. Die wollen sich nicht wie ihre Eltern vom Arbeitsmarkt verausgaben lassen. Die jüngere Generation verändert die Arbeitskultur in den Unternehmen.

ZEIT ONLINE: Also ist die 40-Stunden-Woche nicht mehr zeitgemäß?

Schildmann: Ich habe nichts gegen die 40-Stunden-Woche. Nur nicht im Lebensverlauf. Es geht nicht darum, den Menschen vorzuschreiben, 30 Stunden zu arbeiten. 40 Stunden sollen möglich sein, nur nicht als Norm. Diese Vollzeitnorm will ich in Frage stellen. Weil die 40-Stunden-Woche immer noch die Norm darstellt, wird alles andere als Störfall gesehen, als Abweichung.

ZEIT ONLINE: Welche Modelle diskutieren Sie in der Kommission Arbeit der Zukunft?

Schildmann: Dort wird zum Beispiel eine sogenannte Wahlarbeitszeit diskutiert. Das Thema hat der Deutsche Juristinnenbund aufgebracht. So ein Wahlarbeitszeitgesetz würde die Ansprüche von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermaßen berücksichtigen.