ZEIT ONLINE: Sie sagen, viel mehr Menschen könnten Unternehmer sein und müssten nicht als abhängige Beschäftigte arbeiten. Sind wirklich viele Menschen dieser großen Herausforderung gewachsen, Frau Bruns?

Catharina Bruns: Viele Arbeitnehmer denken, dass das Angestelltendasein der "normale" Weg und alles andere atypisch ist. Ein Problem ist es, wenn Unternehmertum als etwas Exotisches angesehen wird, zu dem nur wenige überhaupt in der Lage wären. Das Bild vom Unternehmertum hat sich bisher kaum an die Möglichkeiten der Zeit angepasst. Dazu gehört etwa die Vorstellung, man brauche irgendeine risikoaffine Persönlichkeit, stets sehr viel Startkapital und generell sei eine Unternehmensgründung mit hohem Risiko verbunden.

All das kann man getrost vergessen. Heute ist es möglich, relativ risikolos und mit den eigenen Werten zu gründen. Entrepreneurship steht jedem offen – und die Gesellschaft braucht kreative Konzepte. Die meisten Menschen bringen alle Qualitäten, die man als Unternehmer braucht schon mit, sie sehen es nur nicht so.

Wer zum Beispiel, haushalten und das Familienleben organisieren, große Feiern oder Reisen planen kann oder sich für seine Gemeinde, Stadt oder ähnlichem engagiert, wer andere begeistern kann, der verfügt bereits über wichtige Qualitäten, die man auch in der Selbstständigkeit braucht. Es fehlt den Menschen nicht an unternehmerischen Fähigkeiten, sondern was oft fehlt, ist eine klare Intention und ein kreatives Geschäftskonzept. Und manchen leider auch der Mut, einfach etwas umzusetzen – zu beginnen ohne Anspruch auf Perfektion.

ZEIT ONLINE: Wie findet man denn die richtige Idee?

Bruns: Wichtig ist es, ein Bedürfnis in seinem Umfeld, in der Gesellschaft zu identifizieren. Entrepreneurship bedeutet ein Problem zu erkennen, oder es selbst zu haben, und es nicht nur für sich, sondern unternehmerisch gleich für alle zu lösen. Wer ein Projekt beginnen möchte, muss nicht gleich kündigen und sollte sich auch nicht verschulden, sondern kann sich auch mit vielen kleinen Schritten annähern und die Selbstständigkeit beispielsweise nebenbei angehen – ohne großen wirtschaftlichen Druck.

Es braucht übrigens nicht zwangsläufig der Lieblingsjob sein, mit dem man sich selbstständig macht. Erfolg versprechend ist vielmehr, dass man ein vorhandenes Bedürfnis erkennt und den Menschen Lösungen anbietet für etwas, dass einen selbst auch bewegt. Darin liegt übrigens häufig auch eine große Arbeitszufriedenheit.

ZEIT ONLINE: Hilft die moderne Technik bei dem Vorhaben?

Bruns: Absolut, sie macht es so zugänglich für viele! Man kann durch die technischen Möglichkeiten sehr viel ausprobieren, sich sichtbar machen und den Markt testen. Viele tun das auch. Erst ist eine Idee nur ein Hobby, dann vielleicht ein kleines Nebenprojekt oder eine Nebentätigkeit. Aber daraus kann ein erfolgreiches Unternehmen werden. Heute kann man ohne Büro, auch wenn man abseits der Großstädte lebt seine Produkte oder Dienstleistung online anbieten und mit der ganzen Welt zusammenarbeiten.

ZEIT ONLINE: Ganz ohne Geld geht es meistens nicht. Wie stellt man eine Finanzierung auf die Beine?

Bruns: Man muss für sich ein paar Dinge klären. Etwa, wie viel  Geld brauche ich wirklich und wofür genau? Und von wem soll dieses Geld kommen? Ob dabei Crowdfunding, ein Business Angel, Fördermittel, oder ein Kredit sinnvoll sind, hängt einerseits vom Konzept und der Vision ab, andererseits vom Gründertyp. Eines aber ist sicher: Finanzierungswege sind in Deutschland reichlich vorhanden, es fehlt vielmehr an kreativen Konzepten. Ohne Konzept funktioniert die beste Idee nicht. Gute Konzepte brauchen zum Start nicht viel Geld, aber sie erwirtschaften schnell welches. Ich persönlich finde wichtig, unabhängig zu bleiben – daher ist der eigene Kunde immer noch der beste Investor. 

ZEIT ONLINE: Was ist Ihr ultimativer Tipp für Gründer?

Bruns: Klein anfangen, bei sich bleiben und nicht die Großen kopieren wollen. Sich für etwas zuständig machen, dass anderen das Leben auf irgendeine Weise besser macht. Entrepreneurship ist keine Wissenschaft – es ist eine Kunst!