Handtaschendoktor – bei dem Wort muss David Usadel selbst grinsen. Aber es trifft ziemlich genau das, was er beruflich macht: Er ist Arzt und designt Handtaschen. "Den Grundstein dazu hat wahrscheinlich mein Studium gelegt", mutmaßt der 34-jährige Mediziner.

Und so fing alles an: Er studierte an der Privat-Uni in Witten-Herdecke und spezialisierte sich auf die Fachrichtung Allgemeinmedizin und Diabetologie. Einmal in der Woche durfte er sich fachfremd weiterbilden – etwa als Steinmetz oder Sänger im Chor. Studium fundamentale nannte die Uni das. "Ich habe vor allem kunstgeschichtliche Sachen gemacht wie Bildhauerei. Ein Ausgleich, den ich immer sehr genossen habe. Ich glaube, dass ich deshalb auch offen geblieben bin für Dinge außerhalb meiner Fachrichtung."

Als seine Facharztausbildung fast zu Ende war, merkte Usadel, dass er sich mit dem Gedanken, bis zur Rente ausschließlich Mediziner zu sein, nicht anfreunden konnte. "Eine kreative Ader habe ich schon immer gehabt. Dass ich die zum Leben brauche, habe ich aber erst im Praxisalltag realisiert." Zunächst habe er geglaubt, als Hausarzt viele Freiheiten zu haben. Doch dem war nicht so.

Im Gespräch mit Freunden kam er auf das Thema Handtaschen – Mode hatte den 34-Jährigen schon immer interessiert – eine Idee, die er verfeinerte. Schon bald zeichnete er erste Skizzen und fertigte Entwürfe und Schnittmuster neben seiner Tätigkeit als Arzt in einer Wittneer Praxis selbst an. Knapp drei Jahre habe es gedauert, bis die Taschen seinen Vorstellungen entsprochen hätten und jedes Detail für ihn perfekt war, erzählt der Quereinsteiger. Dann fand er einen Produzenten in Italien.

Seit vier Jahren entwirft er bereits für sein Modelabel Flamindigo Damenhandtaschen – von der kleinen Clutch bis hin zum großen Raumwunder. Fünf Modelle stehen zur Auswahl, die er über seine Internetplattform und mittlerweile auch in einigen Boutiquen vertreibt. Für Usadel ist die Verbindung seiner zwei Berufe perfekt: "Die Tätigkeit als Arzt macht mir Spaß, aber ohne meinen kreativen Ausgleich wäre ich todunglücklich. Außerdem redet mir da keiner rein."

Ein Händchen für Finanzen

Eine ähnliche Erfahrung mit dem Dasein als Mediziner machte Anästhesist Holger Grethe. "Eigentlich war ich mit dem Job nie hundertprozentig glücklich, mir hat immer etwas gefehlt. Vor allem das Kreative", erinnert sich der 41-Jährige. Diese Erkenntnis habe aber ein bisschen auf sich warten lassen. Er arbeitete schon viele Jahre als Mediziner, als er beim Lesen von Blogs 2012 dann einen Wunsch verspürte: Autor sein, Publizist sein, irgendwo auf der Welt mit einem Laptop sitzen und kreativ arbeiten können. Das schien ihm die Idealvorstellung zu sein.

"Um aus dem Medizindunst mal rauszukommen, habe ich viele Bücher gelesen über Kunst, Politik, Unternehmertum, Marketing, Design – ich habe quasi mein eigenes Studium universale aufgezogen, um ein Thema zu finden, in dem ich mich selbst ausdrücken kann", erzählt er. Doch das kam nicht auf Anhieb. "In den USA habe ich gesehen, dass es Onlinepublisher gibt, die ihr Wissen in bestimmten Themenbereichen weitergeben, via Blog oder Podcast. Dann geben sie noch Kurse und verkaufen Bücher und finanzieren sich so. Das fand ich interessant und habe mich gefragt, ob das in Deutschland auch funktionieren würde."

Für Grethe ging es also zunächst um die Frage: Wofür würden Leute Geld bezahlen? In seinem Freundeskreis drehte sich alles immer wieder um das Thema Hauskauf – aber keiner hatte wirklich Ahnung von Geldanlagen und Vermögensbildung. Grethe schon, denn er hatte sich schon oft und sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt. Aus Eigennutz und weil er es spannend fand. "Der Finanzbereich ist sehr komplex und wird nie langweilig, weil er sowohl fachliche als auch psychologische Aspekte beinhaltet. Je mehr ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir, ein Thema für meine Website gefunden zu haben. Zendepot war geboren."

Ein Arzt, der über Geldanlagen schreibt? Grethes Freundeskreis reagierte skeptisch. Für viele war seine Idee nicht nachvollziehbar.

Doch der Quereinsteiger hatte Erfolg, nach einem Jahr war sein Ein-Mann-Unternehmen profitabel. Mittlerweile besuchen rund 40.000 Menschen monatlich seine Website, mehr als 600 zahlende Teilnehmer buchten seine Onlinekurse bislang. Von den Einnahmen könnte Grethe leben – will er aber nicht. "Je mehr ich den Arztberuf zurückgeschraubt habe, desto mehr fehlte mir seine Bodenständigkeit. Warum also nicht zweigleisig fahren?"