ZEIT ONLINE: Frau Wilming, Ihr Unternehmen hat schon den Spiegelsaal in Versailles mit Baustoffen ausgestattet. Aber wie begeistert man im digitalen Wandel Berufsanfänger für gänzlich analoge Produkte wie Baustoffe?

Nicole Wilming: Wir sind vielleicht kein Start-up. Aber wir haben in 350 Jahren eben eines bewiesen: dass wir durch unsere Innovationskraft die Jahrhunderte erfolgreich überdauern. Wir sind ein Traditionsunternehmen, das aufgrund seiner Größe und Produkte den Menschen eine Zukunft bietet. Gebaut wird schließlich immer. Baustoffe sind daher ein Produkt, das zu jeder Zeit benötigt wird. Und wir suchen gezielt Mitarbeiter, die langfristig ihre Karriere mit uns gestalten wollen. Dies ist für viele Berufsanfänger attraktiv. Man muss aber noch mehr bieten: Abwechslung und gute Karrierechancen! Und natürlich – wir haben mit unseren 170.000 Mitarbeitern in 66 Ländern eine gewisse Größe, da ist es einfacher, Entwicklungschancen zu ermöglichen wie zum Beispiel Auslandsaufenthalte. Und Baustoffe sind wirklich vielfältig. Wenn man anfängt, sich inhaltlich damit zu beschäftigen, stellt man fest, wie spannend Glas, Hochleistungswerkstoffe und auch Gipskartonplatten sein können. (lacht) 

ZEIT ONLINE: Interessieren sich auch Frauen für Baustoffe?

Wilming: Natürlich. Aber auch wir stehen vor der Herausforderung, Frauen zu finden. Die Branche gilt nach wie vor als männerlastig. Darum bemühen wir uns gezielt darum, weibliche Fach- und Führungskräfte zu finden und haben für die Branche auch einen recht hohen Frauenanteil – und zwar auf allen Ebenen im Unternehmen. Leider ist der Anteil an Frauen in den Ingenieurswissenschaften noch immer nicht so hoch, wie man sich das wünschen würde – aber wir bieten auch Frauen, die kein MINT-Studium absolviert haben, gute Karrieremöglichkeiten. Ich selbst bin ein gutes Beispiel dafür.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Wilming: Ich bin von Hause aus Personalerin, habe also nicht Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften oder Technik studiert. Als ich im Jahr 2000 bei Saint-Gobain eingestiegen bin, kam ich von einem der Textilmaschinenzulieferer. Ich fand es faszinierend, wie vielfältig Baustoffe sind und dass Saint-Gobain ständig neue Entwicklungen hervorbringt. Dies stellen wir unter Beweis, indem wir nun zum sechsten Mal in Folge zu den 100 innovativsten Unternehmen der Welt gehören. Mittlerweile bin ich bald fast 17 Jahre im Unternehmen. Langweilig wurde mir nie, denn etwa alle vier Jahre habe ich mich weiterentwickelt und bin mittlerweile Geschäftsführerin und HR-Direktorin. Auch Mutter zu werden, Elternzeit zu nehmen und eine Weile Teilzeit zu arbeiten, war möglich und hat meiner Karriere nicht geschadet. Saint-Gobain bietet viel Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf an – etwa Betriebskindergärten oder eine Kinderbetreuung in der Ferienzeit, bei denen die Kinder sich in Ski-, Fußballcamps oder auch auf dem Reiterhof austoben können. Auch meine eigene Tochter fährt begeistert mit. Kurzum: Ich persönlich würde nicht daran denken, noch mal den Arbeitgeber zu wechseln.

ZEIT ONLINE: Es heißt, zu lange bei einem Arbeitgeber zu sein, schade der Karriere. Gerade in Zeiten der Digitalisierung sei es nötig, häufiger zu wechseln.

Wilming: Das sehe ich nicht so. Wir suchen gezielt Leute, die sich eine langfristige Perspektive bei uns vorstellen können. Das heißt nicht, dass keine Entwicklung und keine Wechsel stattfinden – aber eben innerhalb der vielfältigen Unternehmensgruppe. Wir erwarten hier durchaus eine hohe Mobilität, im Sinne von der Bereitschaft, auch mal den Bereich zu wechseln, eine Weile an einem anderen Standort oder im Ausland zu arbeiten und den Austausch über die verschiedenen Standorte, Bereiche und Länder zu pflegen. Aber, anders vielleicht als andere Arbeitgeber, eben auch keine Mobilität um jeden Preis. Das hängt klar von der Lebensphase unserer Mitarbeiter ab. Meiner Meinung nach setzen noch zu viele Unternehmen auf starre Kriterien und Bausteine, die Führungskräfte erfüllt haben müssen – dabei geraten gerade die Frauen unter die Räder, weil sie häufig wegen der Familie nicht so mobil sind und weil der Partner weniger bereit ist, mitzuziehen. Dann fehlen tollen Frauen aber die entscheidenden Bausteine, um den Schritt auf die nächste Ebene machen zu können – und so fehlen sie dann auf Leitungsebenen.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie sich selbst auch als Vorbild? 

Wilming: Ja, denn jede Führungskraft ist auch Vorbild. Gerade dann, wenn man Veränderungen umsetzen möchte, müssen Führungskräfte Beispiele sein. Natürlich ist ein Unternehmen mit einer Chefin, die Kinder hat und Teilzeiterfahrungen gemacht hat, viel glaubwürdiger, wenn es um Frauenförderung geht. Und zum Glück ändert sich hier gerade einiges.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist Vielfalt?

Wilming: Sie ist der Schlüssel für Erfolg, davon sind wir überzeugt. Diversity ist daher einer unserer wichtigsten Werte und ein wichtiger Bestandteil unserer Personalstrategie. Unter Vielfalt verstehen wir als internationales Unternehmen neben Gleichberechtigung der Geschlechter interkulturelle Vielfalt, aber eben auch Verschiedenheit von Qualifikationen, eine gut gemischte Altersstruktur und Vielfalt der Persönlichkeiten, Gedanken und Anschauungen. Vielfalt gelingt nur, wenn überall auf allen Ebenen und in allen Teams eine Atmosphäre der Offenheit und Toleranz gelebt wird.