Zuerst war es eine Kaserne für die Deutschen, dann besetzten sie Amerikaner. Heute ist das Areal in der Oststadt von Schwäbisch Gmünd ein Universitätspark. Prominentester Mieter: das Landesgymnasium für Hochbegabte. Wissen statt Waffen, eine Schule für Genies – und auch ein Internat. Sie ist die einzige staatliche Schule in Baden-Württemberg für Menschen mit weit überdurchschnittlicher Intelligenz. Vier weitere gibt es in anderen Bundesländern. Aber nur in Schwäbisch Gmünd wird die Intelligenz der Bewerber gemessen, bevor sie aufgenommen werden. Der durchschnittliche Intelligenzquotient (IQ) ist auf den Mittelwert 100 festgelegt. Am Landesgymnasium ist ein IQ von 130 das geistige Mindestmaß. Nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung liegt über diesem Niveau. Das sind die Hochbegabten.

Soraya Ahmad, 15, gehört zur geistigen Elite. Die Mutter Deutsche, der Vater stammt aus Pakistan, beide arbeiten in der Gastronomie. Die Familie lebt in Stuttgart. Nach der neunten Klasse an einem Mädchengymnasium wechselte sie nach Schwäbisch Gmünd. "In meiner alten Schule war ich stark unterfordert, es wurde mir langweilig und ich verschlechterte mich im Gesamtdurchschnitt aller Noten von 1,0 auf 1,5", sagt sie und es ist keineswegs arrogant gemeint. Dass das Mädchen überdurchschnittlich intelligent ist, fiel früh auf. "Mathematik mache ich sehr gern und immer mehr Aufgaben, als eigentlich gefordert", erzählt die Schülerin, bei der schon nach der Grundschule die Intelligenz gemessen wurde.

Soraya sitzt für das Interview etwas schüchtern auf ihrem Stuhl im Zimmer des Rektors. Ihre Antworten sind leise aber äußerst präzise. Nachfragen muss man bei ihr nicht. Auf die Frage, welche fünf Punkte ihre Schule von gewöhnlichen Gymnasien unterscheidet, antwortet sie: "Die Lehrer haben einen höheren Anspruch, bieten aber auch mehr. Die Schüler sind motiviert, was die Qualität der Schulstunden hebt. Ich kann meine Interessen fördern, etwa durch Debattieren auf Englisch. Das Internat stärkt meine soziale Kompetenz und fördert meine Selbstständigkeit. Und ich erlebe die Lehrer hier ja auch als Privatpersonen im Internat, da hat man eine andere Beziehung zu ihnen." Dass sie mehr lernen muss als an ihrer alten Schule, ist ihr recht. Nach dem Abitur will Soraya Medizin studieren.

Der Schulleiter des Hochbegabten-Gymnasiums: Dr. Christoph Sauer © Peter Ilg

Der Schuldirektor Christoph Sauer, 45, sitzt mit am runden Tisch. Seine Augen strahlen, als Soraya erzählt. Es freut ihn, wenn Schüler gerne bei ihm an der Schule sind. "Weil die Landesverfassung den Bürgern ein Recht auf individuelle Förderung gibt, wurde unsere Schule gegründet, um auch die Hochbegabtenförderung zu ermöglichen", sagt Sauer. Mit 40 Schülern nahm das Landesgymnasium zum Schuljahr 2004/05 seinen Betrieb auf. Inzwischen sind es 240. Die meisten davon leben im Internat.

Den eigenen IQ kennen viele Lehrer nicht

Die Schule fördert die Jugendlichen individuell, alle Lehrer haben eine besondere Weiterbildung für hochbegabte Kinder. Das Gymnasium folgt ansonsten dem Bildungsplan des achtjährigen Gymnasiums und schließt mit dem Zentralabitur Baden-Württembergs ab. Möglich ist aber auch, den Bildungsplan in verkürzter und individualisierter Form vermittelt zu bekommen. Und es gibt zahlreiche Zusatzangebote für die Schüler, die vertiefendes Lernen im kognitiv-intellektuellen, im musisch-künstlerischen und im sportlichen Bereich ermöglichen sollen. Die Schule hat außerdem Werkstätten, einen Schulgarten, ein Küche und es gibt zahlreiche soziale Dienste – an all diesen Angeboten müssen die Jugendlichen verpflichtend mitarbeiten.

Aufgenommen werden Schüler ab der 7. Klasse, darunter ist kein Übertritt von anderen Schulen möglich, darüber schon. Häufige Wechsel finden nach Klasse 9 statt, weil die Schüler in diesem Stadium bereits eine höhere Reife besitzen. Viele Gymnasien bieten bis zur 10. Klasse eine Hochbegabtenförderung an, die danach an diesen Schulen endet.