Den Ausspruch "geht nicht" gibt es im Wortschatz von Verena Bentele nicht. Und das, obwohl oder gerade weil sie oft mit Unwägbarkeiten zu kämpfen hat: Die 35-Jährige ist von Geburt an blind. Dennoch hätten ihre Eltern ihr nie das Gefühl vermittelt, etwas nicht zu können, erzählt die gebürtige Baden-Württembergerin. Mit ihren Brüdern, von denen einer ebenfalls blind ist, kletterte sie als Kind auf Bäume oder Scheunendächer und suchte ihre Grenzen vor allem in sportlichen Herausforderungen. "Die beiden haben meinen Wettkampfgeist angespornt", erinnert sie sich lachend. 

Heute blickt Bentele auf eine der erfolgreichsten deutschen Wintersport-Karrieren zurück: Mit zehn Jahren begann sie mit Skilanglauf und startete auch im Biathlon. Mit 15 war sie Europameisterin, mit 16 gewann sie ihre erste Goldmedaille bei den Paralympics in Nagano, elf weitere folgten, viermal wurde sie Weltmeisterin. "Neben dem Studium war der Sport mein Job, dem ich alles untergeordnet habe", erzählt die studierte Germanistin.

2011 beendete sie ihren Weg als Profisportlerin, schloss ihr Studium ab und begann, als Motivationstrainerin und Coach zu arbeiten. In großen Unternehmen referierte sie über Teamarbeit, Vertrauen und zeigte beispielsweise anhand eines mentalen Übungsprogramms, wie jeder Schritt für Schritt seine Grenzen erweitern kann. Ihre wichtigste Botschaft lautete dabei: Kontrolle ist gut. Vertrauen ist besser. "Ich möchte den Menschen vermitteln, dass sie Hindernisse und Grenzen mit Vertrauen überwinden können. Dass sie daran wachsen können. Ich selbst kenne das aus dem Sport", sagt Bentele und spielt damit auf ihre Begleitläufer an, denen sie als sehbehinderte Athletin vertrauen musste. Das sei nicht immer einfach gewesen, habe Mut und Kraft erfordert. 

Mehr Selbstbestimmung ermöglichen

Doch die Wahlmünchnerin weiß auch, dass Kontrolle unabdingbar ist. Gerade, wenn man wie sie im öffentlichen Fokus steht. Seit 2014 ist die einstige Spitzensportlerin hauptberuflich Politikerin. Bentele ist sich bewusst darüber, welche Macht Bilder haben, deshalb bucht sie regelmäßig eine Gebärdentrainerin, die ihr Hinweise zu ihrer Körpersprache und ihrem Auftreten gibt.

Im politischen Alltag hat sie zwei Assistentinnen, die sie zu Sitzungen und anderen Auftritten begleiten und ihr die Augen ersetzen. Ihr fehle nur das Sehen, nicht die Selbstbestimmung, sagt sie. Deshalb ärgere es sie sehr, wenn Gesprächspartner sie behandelten, wie eine dritte unbeteiligte Person. Manchmal würden ihr Kollegen zum Gruß auch zunicken, erzählt sie. "Denen würde ich am liebsten zurufen: Sag doch einfach hallo, dann habe ich eine echte Chance, deinen Gruß zu erwidern!""

Bentele ist die erste Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, die selbst ein Handicap hat und damit auf ganz andere Erfahrungswerte zurückgreifen kann als ihre fünf parlamentarischen Vorgänger. Sie weiß, dass in vielen Fahrstühlen und an den meisten Türen die erhabene Blindenschrift fehlt, ebenso barrierefreie Zugänge für Rollstuhlfahrer oder Informationen in leichter Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten. 

Den drängendsten Änderungsbedarf sieht sie aber darin, dass die meisten behinderten Menschen nicht so selbstbestimmt leben können, wie sie es gern würden. "Wer alleine leben möchte und 24 Stunden Assistenz benötigt, soll diese auch bekommen – und nicht nachts in einer Wohnung mit fünf anderen schlafen müssen", formuliert die Politikerin eine der wichtigsten Forderungen von Behindertenverbänden. Das Bundesteilhabegesetz sollte ein Schritt in diese Richtung sein. Doch der Politikerin fehlt darin genau dieses "Bekenntnis, dass Menschen ein Recht auf eine individuelle Assistenz haben, vor allem in den Bereichen Wohnen und Freizeit."

Bentele, die seit 2012 der SPD angehört und für die Sozialdemokraten auch schon im Stadtrat von München saß, musste bei der Gestaltung des Bundesteilhabegesetzes lernen, dass Politik mitunter so sperrig sein kann wie der Titel, den sie trägt: Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.

Außerdem hingen viele Entscheidungen in der Politik vom Geld ab und nicht vom Menschen. Und sie könne nicht so klare Erfolge erzielen wie im Sport – der immer noch ein wichtiger Teil ihres Lebens sei: "Ich brauche ihn zum Ausgleich und, um physisch wie mental immer wieder meine Grenzen zu testen", sagt sie. Gern joggt sie, bevor sie morgens ihren Arbeitstag im dritten Stock des Kleisthauses beginnt, nimmt an Marathonläufen teil oder radelt am Wochenende in der bayerischen Heimat auch schon mal mehr als hundert Kilometer am Stück. Ihr Motto: "Je größer die Herausforderung, desto besser!"