"Niemand hat die Qualifikation für diesen Job", sagt Peter Bellerby, "absolut niemand!" Bellerby macht es Bewerbern nicht leicht, aber er hat natürlich Recht. Oder kennen Sie jemanden, der bereits Erfahrungen im Bemalen von Erdkugeln gesammelt hat, gut Seemonster zeichnen kann und geschickt ist, wenn es darum geht, millimetergenau feuchte Kartenschnipsel aufzukleben?

"Es hilft, wenn der Bewerber oder die Bewerberin gut darin ist, etwas mit seinen Händen herzustellen, wenn er penibel und dabei leidenschaftlich ist, endlose Geduld hat und nicht leicht aufgibt", sagt der schmale Mann im Wollpulli. Bellerby sucht schon seit Monaten, hat aber den oder die Richtige noch nicht gefunden. Dabei ist es eigentlich der perfekte Job für digitalmüde Kosmopoliten: in einem gemütlichen Backsteinloft im Nordlondoner Stadtteil Stoke Newington wunderschöne Luxusgloben in monatelanger Handarbeit herzustellen. Das Problem an der Sache: Es ist sauschwer!

Vor sieben Jahren hat Peter Bellerby, 51, seine Firma Bellerby & Co. gegründet, eine der weltweit ganz wenigen Globusbauerwerkstätten, die in Handarbeit Erdkugeln herstellen.

Es sollte nur ein Geburtstagsgeschenk sein

Es hatte damit begonnen, dass Bellerby seinem Vater zum 80. Geburtstag einen schönen Globus schenken wollte. "Aber es gab nur diesen billige Plastikkram oder antike Globen", erinnert er sich. Kurzerhand entschloss er sich, eben selbst einen zu bauen. Nach Jahren als Filmrechtevermarkter, Nachtclub- und Bowlingbahnbetreiber hatte Bellerby ein viktorianisches Haus renoviert und mit gutem Gewinn verkauft. Er hatte Zeit. Und Geld. So ging er ans Werk. Eigentlich wollte er den Globus nach drei Monaten und 10.000 Pfund fertighaben. "Doch dann", sagt er heute noch mit einem bitteren Schmunzeln, "dann lief das Ganze irgendwie aus dem Ruder."

Er verbiss sich. Nichts passte, das Kartenmaterial war veraltet, das Werkzeug nicht gut genug, vor allem aber gelang es ihm nicht, die zweidimensionalen Karten auf die dreidimensionale Kugel zu bringen. "Nach einem Jahr hatte ich 100.000 Pfund verbrannt, warf jede Woche drei, vier schlechte Globen weg und kam meinem Ziel kaum näher."

Als endlich, nach zwei Jahren, alles passte – zum 80. Geburtstag musste sein Vater noch mit Socken als Geschenk vorlieb nehmen – machte Bellerby die Passion zum Beruf und gründete sein eigenes Unternehmen. "Ich merkte, dass Menschen das tiefe Bedürfnis haben, sich selbst zu verorten", sagt Bellerby, "und das fällt leichter auf einem Globus als auf dem Navi oder bei Google Maps." Seit 2010 ist die Globusmacherei rasch gewachsen. 15 Leute sind heute bei Bellerby & Co. beschäftigt. Eine Kartografin, Künstler, Designer, Handwerker.

Museen, Hollywoodfilmer, wohlhabende Privatpersonen leisten sich einen Bellerby. Die teuerste Erdkugel kostet 80.000 Euro und hat einen Durchmesser von 1,27 Meter, billigere gibt es ab 1.200 Euro, die Wartelisten sind bis zu 18 Monate lang.  

Ein winziger Fehler macht wochenlange Arbeit zunichte

Samantha Clinch ist 26. Sie hat Fotografie studiert, arbeitete dann als Schreinerin. Seit eineinhalb Jahren ist sie Globusmacherin. "Ich erschaffe Welten", sagt sie schon mal zum Spaß, wenn sie jemand nach ihrem Job fragt. "Im ersten Jahr war das Ganze Frust pur", sagt sie, "die feuchten handgemalten Kartenteile rissen ständig, wenn ich sie auf die Kugel kleben wollte. Mit dem Skalpell muss man auf einen Zehntel Millimeter genau schneiden lernen, damit die 24 oder 48 Kartensegmente genau auf den Globus passen. Ein Millimeter zu viel oder zu wenig? Dann ist die Arbeit der Kartenmalers von Wochen vergebens gewesen, alles wandert in den Müll und man fängt wieder von vorne an."

Häufig, so erzählt Clinch, häufig herrsche absolute Stille im Atelier. Wenn 15 Menschen mit höchster Konzentration arbeiten, die Grenzlinie zwischen Burundi und Tansania ziehen, den Atlantik einfärben, die Oberfläche eines fertigen Globen lackieren, die lappenartigen sphärischen Zweiecke auf einen Globus aufbringen oder eine Hafenstadt in Indien einzeichnen. "Es hat etwas Läuterndes", philosophiert ihr Boss Bellerby, "all diese fokussierte Energie!" 

Als sie ihren ersten fehlerfreien Globus nach fast einem Jahr fertiggestellt hatte, gab es eine Party für Samantha Clinch, einer brachte einen Kuchen mit. "Ich war zu Tränen gerührt", sagt sie.

"Wer bei uns arbeitet, muss drei Dinge haben", sagt Bellerby, "Geduld, Geduld, Geduld." Er sehe in fünf Minuten, ob Bewerber das Zeug dazu hätten oder nicht, sagt der Chef. "Ich beobachte, wie sie sich im Raum bewegen, wie sie ihre Hände benützen, wie sie ein Problem angehen. Das Letzte, was wir nötig haben, ist ein Elefant im Porzellanladen."