Die alte Maschine rattert, die Nadel bewegt sich hundert Male in der Minute auf und ab. Langsam wird ein Muster im Stoff der Fahne sichtbar, es ist das Wappen eines Schützenvereins. Was hier so penibel und auf den Zehntelmillimeter genau in das Textilstück gestickt wird, ist nicht das Werk einer computergesteuerten Maschine, sondern die filigrane Arbeit einer Stickerin. In Handarbeit fertigen Sticker und Stickerinnen Muster, Ornamente, Wappen oder Schriftzüge in Kleidungsstücke, Fahnen, Teppiche oder Paramente ein. Das Handwerk wurde früher auch Nadelmalerei genannt und war lange Zeit eine reine Frauendomäne. Doch das ändert sich langsam.

Heute unterscheidet man die beiden Berufe "Textilgestalter im Handwerk mit Fachrichtung Sticken" und  "Produktgestalter Textil mit Fachrichtung Sticken". Die Produktgestalter bedienen hauptsächlich computergesteuerte Stickmaschinen und veredeln Kleidung, die Textilgestalter sind dagegen klassische Handwerker und fertigen in der Regel eher kunstvolle Verzierungen auf allen möglichen Arten von Textilien.

Beim professionellen Sticken werden in der Regel von Hand betriebene Kurbelmaschinen verwendet. Oft sind sie schon über 100 Jahre alt und ähneln herkömmlichen Nähmaschinen. Die Maschine macht den Stich, während die Stickerin oder der Sticker den Stoff unter der Nadel führt. Aber Handarbeit ist trotzdem gefragt: Immer da, wo es besonders filigran wird und die Arbeit nicht mit der Stickmaschine umsetzbar ist, wird mit Nadel und Faden per Hand gestickt.

Ganz gleich ob mit Maschine oder auf die traditionelle Weise per Hand: Präzision ist bei beiden Arbeitsweisen unabdingbar. Denn ist ein Motiv erst einmal gestickt, können Fehler kaum noch korrigiert werden.

Bei der Bearbeitung eines Textilstücks sind Stickerinnen für den gesamten Bearbeitungsprozess verantwortlich. Sie beraten die Kunden hinsichtlich des Materials, der Farben und des Motivs und helfen bei der Auswahl der Stickart und Garne.

Bis größere Stickereien fertig sind, können schon mal 200 Arbeitsstunden anfallen. Kleine Stickereien können in wenigen Minuten entstehen.

Auch die Restaurierung von alten Fahnen gehört dazu

So oder so ist der Arbeitsablauf meist gleich: Das Motiv wird auf den Stoff gepaust, der Stoff auf einen Rahmen gespannt und das Motiv aufgestickt. Nach und nach entsteht so ein Unikat, das sich meist durch Farbenreichtum, Präzision und Detailtreue auszeichnet und seinesgleichen sucht. Der Job besteht aber nicht nur daraus, neue Stickereien anzufertigen. Immer öfter wird auch die Pflege und Restaurierung kostbarer Textilien, etwa die Ausbesserung von beschädigten Teilen alter Fahnen oder Paramenten, in Auftrag gegeben.

Für die Arbeit als Sticker oder Stickerin ist ausgeprägtes handwerkliches Geschick nötig. Ebenso wichtig sind Kreativität, Präzision, Geduld, Liebe fürs Detail sowie ein Gefühl für Farben und Proportionen. Eine gute Vorstellungskraft und räumliches Denken sollte man ebenfalls mitbringen.

Die Ausbildung ist staatlich anerkannt und dauert drei Jahre. Ein bestimmter Schulabschluss ist keine Voraussetzung. Während der Lehre lernen die Azubis das theoretische Grundwissen über Textilien, also alles über das Material, die Behandlung sowie Weiterverarbeitung und Pflege, wie sie die Maschinen handhaben und welche Sticktechniken es gibt.

Abgeschlossen wird die Ausbildung mit einer Gesellenprüfung, im Anschluss daran, mit einigen Jahren Berufserfahrung, ist der Besuch der Meisterschule möglich. Jobs gibt es in kleinen und mittelständischen Handwerksbetrieben, die oftmals auf Fahnen- und Paramentenstickerei spezialisiert sind. Leider bilden nur noch wenige dieser Betriebe aus.

Für die meisten Stickerinnen und Sticker ist die Kombination von Handwerk und Kunst in ihrem Beruf reizvoll. Oft hat man es mit seltenen Unikaten zu tun, häufig mit sehr alten Textilien. Der Job ist daher etwas für Menschen, die gern künstlerisch tätig sein wollen. Und: Auch Quereinsteiger haben eine gute Chance. 

  • Ausbildung: dreijährige, duale, staatlich anerkannte Ausbildung in Betrieb und Berufsschule
  • Arbeitszeit: 40 Stunden pro Woche
  • Gehalt: Nach der Ausbildung zwischen 1.500 und 2.200 Euro Monatsbrutto, abhängig von der Berufserfahrung sowie vom Arbeitsort