Birgit K. haut in die Tasten. Zehn-Finger-Schreiben ist heute ausgefallen, Frau K. tippt immerhin mit vieren. Es ist nicht der erste Weiterbildungskurs, an dem sie teilnimmt, aber der erste, bei dem sie ein Ziel vor Augen hat. Frau K. ist 55. Sie möchte Büroassistentin werden. "Büass", nennen sie das bei dem Weiterbildungstrainer für Frauen, Inpäd, bei dem Frau K. gerade sitzt. Gemeinsam mit 15 anderen Frauen lernt die Berlinerin, was sie dafür braucht. Warum sie jetzt die Weiterbildung macht? "Na, ich muss ja auch noch zehn Jahre... oder will", Frau K. zwinkert. Dinge positiv zu formulieren, ist ihre Strategie mit ihnen fertig zu werden.

Sie kommen aus typischen Frauenberufen: Frisörinnen, Pflegekräfte, Bäckereiverkäuferinnen. Bis zu 30 Jahre haben sie in ihren Betrieben gearbeitet. Irgendwann ging das nicht mehr. Aus gesundheitlichen, aus familiären oder aus betrieblichen Gründen. Was macht man mit Frauen über 50, viele davon nicht mehr voll belastbar, aber noch zehn Jahre haben, bis sie in Rente gehen können? Man steckt sie in Weiterbildungen. Die Aussichten auf Erfolg sind ungewiss.

In den Fluren des Weiterbildungsträgers für Frauen hängen kopierte Stellenausschreibungen. Die Dozentinnen gehen sie jede Woche durch und hängen passende Stellen aus. "Büass", wie Frau K. eine werden will, werden immer gesucht. Nach sechs Jahren ohne Arbeit hat Frau K. das erste Mal wieder Hoffnung.

Vermittlungschancen: eher mäßig

Etwa 80 Prozent der Frauen, die ihre Weiterbildung bei Inpädmachen, bekommen diese nach einer Krankheit durch die Rentenkasse finanziert. Bewerbungstraining, EDV-Kurs, Buchführung. 14 Monate haben sie dafür Zeit. "Teilhabe am Arbeitsplatz" heißt das bei der Rentenkasse, "Arbeitspolitische Maßnahme" beim Jobcenter. Beide zahlen knapp 7.000 Euro pro Frau und Weiterbildung. Nach einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit von 2015 wird nur jede zweite von ihnen sechs Monate nach Abschluss der Weiterbildung einen Job haben.

Frau K. ist dafür das beste Beispiel. 30 Jahre hat die ausgebildete Reiseverkehrskauffrau in einem Reisebüro gearbeitet. Als das mit der Angst anfing, machte sie weiter – zehn Jahre mit Panikattacken und Depressionen und sie ging trotzdem jeden Tag zur Arbeit.

Irgendwann ging es nicht mehr

Der Druck stieg, denn mit der Digitalisierung veränderte sich auch das Buchungsverhalten der Kunden. Die Leute suchten lieber online einen Flug als sich im Reisebüro beraten zu lassen. Um das aufzuhalten, musste Frau K. besser und schneller werden. "Wir wurden zum Callcenter", sagt sie. Irgendwann ging es nicht mehr. 2011 wurde sie krankgeschrieben und beendete ihr Arbeitsverhältnis.

Sie bezog nun Arbeitslosengeld 1 und begann die erste Weiterbildung zur kaufmännischen Assistenz. Vier Monate. Eine Anstellung fand sie danach nicht. Also erhielt sie einen Bildungsgutschein: sechs Monate lang finanzierte die Agentur für Arbeit die nächste kaufmännische Qualifizierung. Diesmal mit Erfolg: Frau K. wurde bei einem kleineren Reiseveranstalter angestellt.

Doch nach acht Monaten wurde sie rausgemobbt. Zu offen sei sie mit ihrer Krankheit umgegangen, sagt Frau K. "Die wollten mich da weghaben". Wieder saß sie zu Hause. Inzwischen galt sie als langzeiterkrankt. Die Krankenkasse zahlte nun Krankengeld. Nach einer Reha erhielt sie dann Übergangsgeld von der Rentenkasse.