Der Onlineversandhändler Amazon hat in Deutschland ein an die Krankheitstage gekoppeltes Prämienmodell eingeführt. Damit würden Abteilungen belohnt, in denen besonders wenige Mitarbeiter krank gewesen seien, berichtet die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf eine Amazon-Betriebsvereinbarung. Darin heiße es: "Ziel der Neugestaltung ist eine Reduktion der sogenannten paid-sickness-rate" – gemeint ist der Krankenstand.

Laut der Zeitung könnten Mitarbeiter eine Prämie von bis zu zehn Prozent des Bruttolohns erhalten. Vier Prozentpunkte seien an die Leistung gekoppelt, sechs Prozentpunkte an das Kriterium Gesundheit. Bei der Gesundheit gebe es wiederum einen individuellen Teil und einen Gruppenanteil. Sprich: Die Prämie erhöhe sich, wenn der Angestellte selbst wenige Krankheitstage habe – und wenn seine Abteilung insgesamt nur wenige Fehltage habe.

Ver.di: Ungewöhnlich hoher Krankenstand

Anwesenheitsprämien sind seit 1996 gesetzlich geregelt, zahlreiche Unternehmen setzten sie ein. Neu ist allerdings der von Amazon umgesetzte Gruppenbonus. In dem Konzern soll der Krankenstand ungewöhnlich hoch sein, berichtet die SZ unter Berufung auf ver.di. Normal seien Werte um die vier Prozent, bei Amazon liege er zeitweise bei bis zu 20 Prozent. Der Versandhändler bestreite diese Zahlen der Gewerkschaft, wolle aber keine eigenen Werte nennen.

Gewerkschaften und Arbeitsmediziner sind gegen Gesundheitsprämien. "In einem Prämiensystem würde Krankheit als normaler Bestandteil des Lebens negiert", sagte Sabine Voermans, Gesundheitsmanagerin der Techniker Krankenkasse, der SZ. Kranke würden wegen der Prämie nicht zu Hause bleiben, um ihre Krankheit auszukurieren.

Zudem könne sich der Gruppenbonus negativ auf das Betriebsklima auswirken. Dem schloss sich der für Amazon zuständige ver.di-Funktionär Thomas Voss an: Bei dem Gruppenbonus würden die Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt, kritisierte er in der Zeitung.