In London passierte im vergangenen Sommer etwas Ungewöhnliches: Die Fahrer des Lieferdienstes Deliveroo ließen die Essensboxen stehen. Statt Kundenbestellungen abzuarbeiten fuhren sie in einem Korso durch die Stadt, Roller hinter Roller, Fahrrad hinter Fahrrad, bis an die Firmenzentrale, wo sie einen Manager heraushupten. Der versuchte zu beschwichtigen: Man wolle mit jedem Einzelnen reden, der unzufrieden sei. Die Menge brüllte ihn nieder. "No, no, no."

Wir wollen alle das Gleiche, sagte einer der Fahrer. Einen Stundenlohn von 8 Pfund.

Streiks gibt es seit Anbeginn der Arbeiterbewegung. Doch die Deliveroo-Fahrer sind keine klassischen Arbeitnehmer mit Betriebsrat und Mitgliedsausweis einer Gewerkschaft. Sie sind streng genommen noch nicht einmal Kollegen, sondern Geschäftsleute in eigener Sache. Sie alle werden zwar dirigiert von der gleichen App auf dem Handy, aber am Ende radelt jeder seine Strecke allein und auf eigene Rechnung.

Zum Tag der Arbeit rufen die Gewerkschaften auch in diesem Jahr in vielen Ländern Beschäftigte auf die Straßen. Aber ein kleiner, ein wachsender Teil der Menschen arbeitet nicht mehr in klassischen Festanstellungen, sondern in so genannten Gig-Jobs. Sie hangeln sich von einer Essenslieferung zur nächsten, vom Produkttextschreiben zum Telefonnummernrecherchieren, erledigen kurzfristige Aufträge, die Apps und Internetbörsen vermitteln, meist als formal Selbstständige ohne festen Vertrag. Also auch: ohne Mindestlohn, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ohne Urlaubsanspruch oder Kündigungsschutz. Harte Arbeit mit einer Software als Chef: maximal flexibel, maximal vereinzelt. Lässt sich aus miteinander konkurrierenden Arbeitskraftunternehmern überhaupt eine Bewegung machen, die für ihre Rechte einsteht?

Es ist eine Frage, an der sich klassische Arbeitnehmerorganisationen derzeit die Zähne ausbeißen. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di versucht seit Längerem, auch Freiberufler als Mitglieder zu gewinnen. Selbst die mächtige nach Stahl, Betriebsrente und Lebensarbeitszeitvertrag riechende Traditionsgewerkschaft IG Metall hat sich 2015 für Selbstständige geöffnet, ein fast schon historischer Schritt. Mit faircrowdwork.de hat sie ein Portal gestartet, auf dem Klickarbeiter die Bedingungen der Plattformen bewerten können, über die sie an Kleinaufträge gelangen.

Allein: Besonders regen Gebrauch scheinen die neuen Werktätigen da draußen im Netz von dem Angebot der IG Metall nicht zu machen. Für den Anbieter Clickworker etwa, mit nach eigenen Angaben 800.000 Arbeitern auf Abruf einer der Großen auf dem Markt, wurden gerade einmal 14 Bewertungen abgegeben. Da sind die Rezensenten bei Amazon deutlich umtriebiger.

Wie organisiert man ein Billiglöhner-Heer, das in lauter Ein-Mann-Betriebe zerfällt? Können Gewerkschaften mit Ansätzen, die vielleicht noch im Fabrikzeitalter funktionierten, die neuen Solo-Selbstständigen mobilisieren? Der Politikwissenschaftler Ayad Al-Ani, der unter anderem am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin forscht, ist skeptisch. In einer Studie, für die er 165 Crowdworker befragt hatte, zeigte sich: Ein Drittel von ihnen glaubt nicht, dass Gewerkschaften etwas an den Bedingungen verbessern können. Die übrigen hatten eher verhaltene Erwartungen an die Arbeitnehmervertretungen alter Schule. Beratung: ja. Arbeitskampf: naja. "In einer digitalen Gesellschaft entwickelt sich Solidarität generell anders", sagt Al-Ani. Nämlich von unten, von der Basis aus, selten aus dem Büro eines Gewerkschaftssekretärs. 

Crowdworker organisieren sich, wenn überhaupt, von unten

Wie die Tagelöhner aus dem Netz trotz aller Vereinzelung durchaus für sich einstehen können, das lässt sich inzwischen an einigen Beispielen studieren.

Etwa an Amazon Mechanical Turk, der Mutter aller Microtasking-Plattformen. Bei Mechanical Turk konkurrieren Klickarbeiter um digitale Kleinstjobs wie: Bilder verschlagworten, Produkttexte verfassen, Telefonnummern recherchieren. Parallel zu Mechanical Turk sind aber auch Foren entstanden, in denen sich die Jobber austauschen. Eines der prominentesten: Turknation.com. Die Kanadierin Kristy Milland, die das Forum betreibt, hat selbst über zehn Jahre lang Hunderttausende Kleinstjobs für das Amazon-Angebot abgearbeitet. Inzwischen ist sie zur Aktivistin und zu einer inoffiziellen Sprecherin der Crowdworker aufgestiegen: Zu Weihnachten vor drei Jahren bombardierten sie auf Millands Initiative hin Amazon-Boss Jeff Bezos mit E-Mails. Die Botschaft der Digitalarbeiter: Wir sind echte Menschen, keine Algorithmen.