Im nahen Tod verlieren selbst die Geschmacksnerven an Kraft. "Deshalb würze ich die Essen kräftiger", sagt Jörg Ilzhöfer, 47.  Er ist Koch – und er kocht für Sterbende, die sich ein Essen von ihm wünschen. "Beim letzten Mahl geht es nicht ums satt werden, sondern darum, ein letztes Mal seine Leibspeise zu riechen und zu schmecken", sagt der Koch. Denn in der Regel haben Sterbende kaum noch Appetit. Aber es geht noch einmal um die Erinnerung – etwa das Lieblingsessen, das die Mutter in Kindheitstagen für den Sterbenden gekocht hat. "Fleischküchle mit Kartoffelsalat und Soße, saure Kutteln mit Röstkartoffeln, das wird oft gewünscht." Oder auch Linsen und Spätzle als Nahrung für die sterbende Seele.

Ilzhöfer ist gelernter Koch und studierter Betriebswirt der Fachrichtung Hotel- und Gaststättengewerbe. "Nur kochen allein war mir zu langweilig", erzählt er. Bevor er begann, Menschen das letzte Mahl zu kochen, machte er eine Bilderbuch-Gastronomie-Karriere: Der Stuttgarter hat in Argentinien gekocht, bei den Richard Wagner Festspielen in Bayreuth und in einem Sternerestaurant seiner Heimatstadt. Später war er Vertriebs- und Marketingleiter im 5-Sterne-Hotel Graf Zeppelin in Stuttgart. Zuletzt Betriebsleiter eines Boardinghouse-Unternehmens mit 300 Apartements. 2010 hat er sich mit einer Kochschule in Esslingen selbstständig gemacht. "Die Anstellung hat einfach keinen Spaß mehr gemacht", sagt Ilzhöfer. Er wollte mehr Lebensfreude und Lebensqualität.

Und so eröffnete er die Event-Kochschule in Esslingen am Hafenmarkt, einem Teil der Altstadt. Seine Schule hat eine große Glasfront in Richtung Markt. Die Kulisse ist malerisch: Man sieht alte Bäume, historische Gebäude, steinerner Brunnen. "Hier gefällt es mir, hier fühle ich mich wohl." Für die Geschäftsidee wurde er noch im Jahr der Eröffnung mit dem ersten Platz beim Gründerpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. 2014 ist er, ebenfalls von Baden-Württemberg, als eines der zehn besten Unternehmen im Ländle ausgezeichnet worden. Ilzhöfer bietet klassische Kochkurse für jedermann zu bestimmten Themen: Fleisch, Fisch, Pasta. Und es finden Koch-Events für Singles, Paare und Firmen statt mit bis zu 22 Personen. Die dienen zugleich dem Kennenlernen, Beziehung leben und dem Zusammenschweißen von Abteilungen. Seine Frau arbeitet in der Kochschule mit, außerdem Reinigungs- und Spülkräfte. Und eine dieser Aushilfen hat seinen ehrenamtlichen Dienst im Hospiz ausgelöst, erzählt er.

Einfach eine Freude machen

Die Mitarbeiterin stand abends traurig an der Spüle und als Ilzhöfer sie nach dem Grund fragte, erzählt sie vom Tod eines Gastes im Hospiz in Esslingen, wo sie zuvor gearbeitet hatte. "Er wollte noch einmal geröstete Zwiebeln riechen, aber ich habe es nicht mehr rechtzeitig geschafft, sie zu bringen", erzählte die Frau. Die Geschichte bewegte den Koch. Er entschied kurzerhand, seine Dienste dem örtlichen Hospiz anzubieten und Sterbenden das letzte Mahl zu kochen. Seither kocht er etwa ein- bis dreimal für Schwerkranke, die im Sterben liegen. Und er kocht zu bestimmten Anlässen: an Fasching, in der Spargelsaison und zu Weihnachten.

Warum macht er das? "Ich habe keine Kinder und falls ich mal im Hospiz läge, wäre der Besucherkreis ziemlich klein", sagt Ilzhöfer. Wenn ihm in einer solchen Situation jemand eine Freude machen würde, wäre er glücklich darüber.

Das Hospiz Esslingen ist eine Einrichtung der evangelischen Kirchengemeinde mit ambulanter und stationärer Betreuung. Ilzhöfer kocht für die stationären Gäste. So werden die Patienten dort genannt. Acht Betten gibt es und die sind meist belegt. Darin liegen schwerst Kranke, häufig mit Tumor, denen medizinisch nicht mehr zu helfen ist. "Wir arbeiten für deren Symptomlinderung, eine möglichst hohe Lebensqualität und lange Selbstbestimmtheit", sagt Susanne Kränzle, 50. Sie ist gelernte Kinderkrankenschwester, hat ein Master-Studium in Palliative-Care abgeschlossen und leitet die Einrichtung seit ihrer Eröffnung im Jahr 2012.

Ein Essen, ein Plausch, ein Abschied

Die Gäste sind im Durchschnitt 65 Jahre, die Verweildauer lag im vergangenen Jahr bei 14 Tagen und der Zustand der Sterbenden ist oft sehr unterschiedlich: manche sind mobil, andere komatös. "Wenn die Leute zu uns kommen, darf der Tod sein", sagt Kränzle. Zuvor wurde im Krankenhaus gegen ihn und für das Leben gekämpft. Kränzle hat es im Hospiz gelernt, Sterben und Tod im Leben zu integrieren. Das tun auch die etwa 20 Pflegekräfte auf der Station.

Neuen Gästen berichten sie von Ilzhöfers Angebot. "Es geht nicht um die Menge, weil die meisten ohnehin nur noch reduziert essen. Ganz wichtig ist der Duft des Essens, manchmal macht der sie schon satt", sagt Kränzle. Je kleiner der eigene Aktionsradius, umso gewichtiger werden Kleinigkeiten, stellt sie immer wieder fest. "Manche Sterbenden schimpfen auf das Essen, meinen aber das nicht wirklich, sondern das Leben oder das Sterben, das sie als so ungerecht empfinden." Wenn dann jemand extra für sie in die Küche steht, fühlen sie sich geehrt und gewürdigt. 

"Machen Sie es gut!"

Wünscht sich ein Gast ein Essen, wird Ilzhöfer das per Mail mitgeteilt. Weil es schnell gehen muss, macht er mit dem Hospiz einen Termin innerhalb den folgenden drei Tage aus. An diesem Tag bereitet er das Essen in seiner Kochschule zu und bringt es um die Mittagszeit ins Hospiz, das nur zehn Minuten von seiner Schule entfernt liegt. Meist besucht Ilzhöfer den Sterbenden auch – sofern dieser das möchte. "Wir plauschen fünf, zehn Minuten. Meist erzählen die Leute, was sie beruflich gemacht haben", sagt der Koch. Zum Abschied drückt er dem Gast fest die Hand und verabschiedet sich mit dem Satz: "Machen Sie es gut!" So kann sich jeder selbst aussuchen, wo das ist.

Dann wärmt er die Mahlzeit in der Hospiz-Küche auf und richtet das Essen schön an. Wenn der Gast aufstehen kann, geht er an den Tisch zu den anderen. Ansonsten wird ihm das Essen gebracht. Nach einer halben, dreiviertel Stunde geht Ilzhöfer. Er isst nicht mit. "Im Auto brauche ich fünf, zehn Minuten. Manchmal weine ich, um abzuschließen." Denn gleich danach muss es in seiner Kochschule weitergehen. Dann kommen seine Gäste. Das Leben geht weiter.