Ihre Geschäftsidee hatte Maria Sebregondi vor 22 Jahren auf einem Segelschiff im Mittelmeer. Heute ist Moleskine ein weltweit bekannter Markenname für Notizbücher und Kalender aus Papier in simplem einfarbigen Design mit einem Gummiband als Verschluss. Der börsennotierte Konzern ist mit 450 Angestellten in 90 Ländern aktiv und hat einen jährlichen Umsatz von etwa 150 Millionen Euro. Maria Sebregondi gehört zu den Gründern. Der Erfolg des Unternehmens basiert auf einer schlauen Marketingidee.

ZEIT ONLINE: Smartphone, Tablet, Notebook … unsere heutige Kommunikation ist von digitaler Elektronik geprägt. Warum sind Sie mit Papierprodukten so erfolgreich?

Maria Sebregondi: Unser Leben mag von einer standardisierten Technologie erfüllt sein, aber wir Menschen brauchen auch gleichzeitig körperliche Erfahrungen. Einen Stift in die Hand zu nehmen und die eigene Handschrift zu erleben und zu sehen, ist eine einzigartige und individuelle Handlung. Wir müssen unsere eigenen Gesten bewahren oder vielleicht sogar wieder zurückgewinnen, weil sie unsere Persönlichkeit repräsentieren. Sonst entfremden wir uns von uns selbst. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein größerer Teil unseres Gehirn betroffen ist, wenn wir körperlich aktiv sind. Schüler und Studenten können sich zum Beispiel Inhalte besser merken, wenn sie sie handschriftlich festgehalten haben, weil dabei der Teil des Gehirns aktiviert wird, der mit Gefühlen in Verbindung steht.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet Notizbücher zu vermarkten?

Sebregondi: Als ich 1995 mit Freunden auf dem Mittelmeer segeln war, las ich das Buch Traumpfade von Bruce Chatwin. Er schrieb darin, wie wichtig ihm seine Notizbücher waren und dass er sie in Paris kaufte. Sie waren ihm wichtiger als sein Pass. Wir hatten dann den Einfall, dass die modernen Nomaden, die viel reisen und unterwegs auch arbeiten, vielleicht genau solche Notizbücher brauchen könnten, praktisch und stilsicher. Derartige Ideen weiter zu verfolgen und zu entwickeln, gehörte damals zu meinem Beruf als strategische Kommunikationsexpertin und Universitätslektorin für kreative Trends.

ZEIT ONLINE: Also war auch die Geschichte, die sie für die Vermarktung der Notizbücher erfanden, keine zufällige Idee, sondern eine bewusste Marketingstrategie …

Sebregondi: Es war in der Tat eine bewusste Strategie, aber die Marketingstory an sich war nicht erfunden: Schon Pablo Picasso, Ernest Hemingway und Vincent van Gogh haben diese Art von Büchern, wie wir sie vermarkten, benutzt – das haben wir erzählt. Offensichtlich natürlich nicht die von der Firma Moleskine, weil es diese damals noch nicht gab. Der Nutzer soll sich in der Reihe der großen Kreativen fühlen, inspiriert, gestärkt, geistig aufgetankt – und das ganz ohne Batterien. Den Namen Moleskine mit der Bedeutung Maulwurfsfell haben wir in Anlehnung an das ursprünglich schwarze Cover gewählt, das die ästhetische Verbindung zu dem damals meist schwarzen schlichten Design der neuen technischen Geräte herstellen sollte.