Viele Landwirte kämpfen wegen der niedrigen Milch- und Getreidepreise um das Überleben ihrer Höfe. Um diese ständige Ungewissheit zu vermeiden, führen immer mehr junge Bauern und Bäuerinnen auf ihren Betrieben nun das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) ein. Sie gründen also einen Verein oder eine Genossenschaft und werben Mitglieder dafür. Diese zahlen pro Monat einen bestimmten Beitrag und erhalten im Gegenzug regelmäßig einen Ernteanteil. Damit ist das Einkommen des Landwirts gesichert. Und die Mitglieder wissen, woher ihre Lebensmittel stammen. Sie unterstützen damit auch die regionalen Betriebe.

Martin Schulze Schleithoff hat seinen Bauernhof in Gelsenkirchen nach der Übernahme vor zwei Jahren schon nach wenigen Monaten auf Solawi eingerichtet. "Als ich die Rechnungen sah, wusste ich gleich, dass sich der Betrieb sonst nicht selbst tragen kann", sagt er. Große Gewinne erwartet er daher keine. Das Ziel und den Ehrgeiz der älteren Bauerngenerationen, einen Betrieb stetig wachsen zu lassen, das teilt er nicht. Für ihn geht die Rechnung auf, wenn die Kosten gedeckt sind.

Und das klappte auf Anhieb: Schon jetzt hat der 33-jährige Nachwuchslandwirt 150 genossenschaftliche Verträge mit Kunden in der Tasche. Etwa 30 können noch dazukommen, dann sind die Kapazitäten von ihm und seinem Hof erschöpft. Schulze Schleithoff ist stolz: "Nicht die Großhandelsunternehmen bestimmen jetzt mehr den Wert unserer Arbeit. Unsere Mitglieder erkennen unsere Arbeit an und entlohnen sie entsprechend." Und das sind pro Monat 80 Euro für einen Ernteanteil Gemüse, 65 Euro für Fleisch und 16 Euro für Eier.

Der wöchentliche Hofbrief per E-Mail hält alle mit anstehenden Terminen und dem, was auf dem Hof geschieht, auf dem Laufenden. Freitag und Samstag sind Abholtage. Gleiche Anteile Fleisch, Eier und Gemüse der Saison, in Kisten gepackt, übergeben er und seine Frau Steffi auf dem Hof an ihre Kunden: "Was da ist, wird geteilt, mal ist es weniger, mal mehr."

An den Abholtagen wird sein Lindenhof zu einer Art Marktplatz. Aus einem Umkreis von etwa zehn bis fünfzehn Kilometern kommen sie angefahren: Postboten, Informatiker, Lehrer, Bankmanager, Verkäuferinnen. Menschen mit unterschiedlichstem sozialen und beruflichen Hintergrund stehen dann auf dem Hof zusammen und tauschen sich aus. Die Mitglieder haben mit der Zeit auch ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt.

Die Verantwortung teilen

"Wir leben in einem Ballungsgebiet. Bei unseren Kunden aus den Großstädten gibt es einen regelrechten emotionalen Hunger nach verbindlicher Kommunikation und einem Zugehörigkeitsgefühl", erzählt Schulze Schleithoff. Das wird auch an den sogenannten Mitmach-Tagen deutlich. Etwa acht Mal im Jahr lädt der Bauer seine Kunden ein, ihm ein paar Stunden bei der Arbeit zu helfen. Obwohl der Dienst freiwillig ist, kommen viele. "Wer mitmacht, will neue Erfahrungen sammeln, direkt mit den Lebensmitteln in Kontakt kommen, unsere Arbeit auf dem Hof besser kennen lernen und die Geselligkeit, wenn alle gemeinsam anpacken, genießen", erzählt der Landwirt.

Dabei betreibt Schulze Schleithoff konventionelle Landwirtschaft, Bio ist für ihn kein Thema. Trotzdem vertrauen ihm die Mitglieder. "Wir müssen unseren Kunden jedes Wochenende in die Augen schauen. Erst wenn es schwierig würde, ihnen erklären zu können, wie ich wirtschafte, müsste ich meine Anbaumethoden überdenken. Ich wende das an, was ich für gut erachte. Mein Zertifikat sind meine Kunden", sagt der Landwirt.

Von einem guten Jahr profitieren alle gleichermaßen und nach dem solidarischen Prinzip wird das Risiko von schlechteren Ernten auf viele Schultern verteilt. Auch für den Bauern hat die Solawi zwei Seiten: "Es ist beruhigend, finanziell abgesichert zu sein, andererseits habe ich auch die Verantwortung, das Vertrauen der Mitglieder zu erfüllen."