Viele Hotelgäste denken nicht an jene, die jeden Tag das Bett machen, das Klo putzen oder das Zimmer saugen. Davon ist Dorit Pawan* überzeugt. Die 53-jährige arbeitet seit vielen Jahren als Zimmermädchen und Reinigungskraft. Zuletzt war sie als Minijobberin in einem renommierten Hotel in Nordrhein-Westfalen tätig. Bezahlt wurde sie mit acht Euro pro Stunde – eine Übernachtung an den günstigsten Tagen und im günstigsten Zimmer zum Hinterhof kostet in dem Haus mindestens 100 Euro pro Nacht.

Möglichst schnell zu sein – das war die morgendliche Ansage der Hausdame, erinnert sich Pawan. Maximal eine halbe Stunde für ein Zimmer sei die Vorgabe gewesen. Wer das nicht schafft, gerät rasch unter Druck. "Es geht jeden Tag nur um das Fertigmachen von Zimmern zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Mitarbeiter sind dem Management egal", erzählt das Zimmermädchen. Oft schaffen die Beschäftigten das nur, wenn sie sich nicht an die Hygienevorschriften halten. In vielen Hotels herrsche zudem eine Hierarchie "wie beim Militär". Ganz unten stünden die Mitarbeiter des Zimmerservice, insbesondere die mit Migrationshintergrund. Im Nobelhotel am Rhein seien sie und ihre Kollegen wenig respektvoll mit Du und Nachnamen angesprochen worden.

Die schlechten Arbeitsbedingungen hätten auch Auswirkungen auf die Stimmung im Team gehabt. Das Putzpersonal habe sich regelmäßig um die Eimer, genügend Tücher und ausreichend Wäsche gestritten. "Statt Teamarbeit gab es unter den Kolleginnen den Kampf um die besten Zimmer und das meiste Trinkgeld", sagt Pawan. Manchmal sei es vorgekommen, dass eine Kollegin mit dem Etagenschlüssel heimlich in allen Zimmern das Trinkgeld abgeräumt habe. 

Ausbeutung gehöre ihrer Beobachtung nach zum Job dazu – und zwar quer durch die Branche vom billigen Hostel bis zum noblen Fünf-Sterne-Hotel. Dabei ist Pawan Regel und Ausnahme zugleich. In vielen Hotels sei sie häufig eine der wenigen deutschen Mitarbeiterinnen gewesen. Tatsächlich arbeiten in den Jobs vor allem Frauen aus Osteuropa. Polinnen, Bulgarinnen und Rumäninnen, die über die Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Deutschland kommen und als Reinigungskraft im Hotelgewerbe zu Dumpinglöhnen arbeiten. In der Regel sind die Beschäftigten nicht in den Hotels direkt angestellt sondern bei Fremdfirmen, die für das Housekeeping beauftragt werden.

"Zum Teil werden gezielt Menschen angeworben, die man wegen ihrer persönlichen Situation leicht ausbeuten kann", sagt Rüdiger Winter. Er ist Projektleiter der Beratungsstelle Arbeitnehmerfreizügigkeit des Vereins Arbeit und Leben Hamburg und berät vor allem osteuropäische Migrantinnen, die in Deutschland arbeiten. "Viele Frauen kennen ihre Rechte nicht und verfügen nur über geringe Sprachkenntnisse. Wir befürchten, dass wir es bald auch mit Geflüchteten zu tun haben, die ebenfalls gefährdet sind." Weil die meisten Hotels das Housekeeping an Reinigungsunternehmen outgesourct haben, geben viele Häuser an, sie könnten die Arbeitsbedingungen ihrer Dienstleister kaum überprüfen. "Wir vermuten, sie wollen es in vielen Fällen auch gar nicht so genau wissen und schauen weg", sagt Winter.

Häufig würden weder Arbeitsschutz noch das Arbeitszeitgesetz eingehalten, oft bekommen die Beschäftigten nicht den geltenden Mindestlohn. Viele arbeiten gänzlich ohne Arbeitsvertrag. Gängig sei Winter zufolge folgende Masche: "Oftmals erfolgt die Zahlung nach Zimmern und nicht nach geleisteter Arbeitszeit und auch Wege- oder Wartezeiten werden nicht bezahlt."

So war es auch bei der Spanierin Bianca Torrez*. Sie kam 2011 nach Hamburg, wo sie als Reinigungskraft in einem Hotel einen Job fand. Vertraglich wurden mit ihr als Teilzeitbeschäftigter 15 Wochenstunden vereinbart, tatsächlich arbeitete sie in der Regel 25 Stunden in der Woche. Die Bezahlung erfolgte nach Zimmern – 1,80 Euro für ein Einzelzimmer und 2,00 Euro für ein Doppelzimmer. Torrez wurde so auch noch nach der Einführung des Mindestlohns bezahlt. Dass es diesen gibt, erfuhr das Zimmermädchen erst, als der Zoll eine Kontrolle in Hotel durchführte, in dem sie eingesetzt wurde. Torrez wandte sich an die Beratungsstelle und reichte im Juni 2013 beim Arbeitsgericht Hamburg Klage ein. Sie wollte rückwirkend die ihr zustehende Zahlung des Mindestlohns. Nur kurz darauf erhielt sie ihre Kündigung.

Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bestätigt, dass trotz Mindestlohn viele Beschäftigte in der Branche diesen nicht bekommen und außerdem unter Ausbeutung leiden. "Die Zeiten, die für die Reinigung eines Zimmers veranschlagt werden, sind häufig völlig unrealistisch. Dieses Tempo ist auf Dauer nicht haltbar", sagt Jonas Bohl, Sprecher der Gewerkschaft. Die NGG nimmt an, dass sich allein in Nordrhein-Westfalen 80 Prozent der Hotels nicht an die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit halten. Unbezahlte Überstunden, kein bezahlter Urlaub und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kämen immer wieder vor.

Gerade ausländische Arbeitnehmer arbeiten trotz Krankheit oder Schwangerschaft weiter – aus Angst ihren Job zu verlieren. "Wir kennen Fälle von Frauen, die ihren Job verloren haben, als sie schwanger wurden", erzählt Rüdiger Winter. Auch Dorit Pawan hat erlebt, dass schwangeren Mitarbeiterinnen die gesetzlichen Schutzbestimmungen für werdende Mütter verweigert wurden. Und dabei ist das Housekeeping eine körperlich anstrengende Arbeit, wie Dorit Pawan berichten kann: "Einige meiner Kolleginnen im Hotel arbeiten schon über 20 Jahre im Housekeeping. Sie plagen sich jetzt mit verkrümmten Wirbelsäulen, rheumatischen Gelenken, wiederkehrenden Infektionen, Migräne, Allergien, Stoffwechselproblemen. Die Liste könnte ich endlos fortsetzen." In der Branche komme es oft vor, dass die Beschäftigten sich krank zur Arbeit schleppen – denn wenn jemand krankheitsbedingt ausfällt, heißt das: "Die Kollegen müssen zu ihrem hohen Pensum noch die Zimmer der kranken Kollegin mitputzen." Das sei auch in dem Luxushotel am Rhein regelmäßig der Fall gewesen. "Reiß dich zusammen", habe man ihr gesagt, als sie sich krankmelden wollte.

Auf Anfrage weist der Hotelinhaber die Vorwürfe, die laut ihm "jeglicher Wahrheit widersprechen",  zurück.