Vor vier Jahren flog die FDP aus dem Bundestag. Ein Schock nicht nur für viele Parteimitglieder, sondern auch ein Karriereende für all diejenigen, die politische Ämter innehatten – immerhin 93 Abgeordnete zählte die Fraktion. Pascal Kober war einer von ihnen. Über die Landesliste Baden-Württemberg war er 2009 in den Bundestag eingezogen; jetzt verlor er seinen Lebensunterhalt und musste plötzlich entscheiden, wie es beruflich für ihn weitergehen sollte.

"Es war zunächst gar nicht mein Plan gewesen, Berufspolitiker zu werden, sondern eher eine schöne Fügung", sagt der 45-Jährige. "Deshalb war für mich auch klar, wenn damit einmal Schluss sein sollte, würde ich wieder in meinem bisherigen Beruf arbeiten. Als Pfarrer."

Schon als junger Mensch fand Kober Gerechtigkeit und Menschenrechte wichtig. "Ich wollte die Verhältnisse auf der Welt positiv verändern und wünschte mir, dazu beizutragen, dass jeder Mensch zufrieden, dankbar und glücklich wäre." Große Worte. Daraus wurde später sein Berufswunsch Pfarrer. "Ich wuchs in einem Neubaugebiet auf, wo Menschen gemeinsam eine Gemeinde aufbauten", sagt er. Das habe ihn geprägt: "Ich habe gesehen, was Menschen gemeinsam erreichen können."

Hinzu kam der politische Einfluss seiner Mutter, die in der SPD aktiv war. Dass Menschen sich in Parteien engagieren, war für ihn wegen ihr selbstverständlich – obgleich er sich später für ein anderes politisches Lager entschied. "Während meines Theologiestudiums wurde mir bewusst, wie wertvoll unsere Demokratie ist. Als Bekenntnis zu ihr trat ich 1998 in die FDP ein", erzählt er. Kurz zuvor hatte er Hildegard Hamm-Brüchers Biografie Freiheit ist mehr als ein Wort gelesen. "Ihre Begeisterung und gleichzeitige Ernsthaftigkeit, mit der sie unser Engagement für die Demokratie einfordert und alles mit dem großen Thema Freiheit und Verantwortung kombiniert, überzeugte mich: Wir brauchen Menschen, die sich für die Gesellschaft einsetzen."

Vier Jahre im Bundestag

Das wollte Kober in seinem Beruf als evangelischer Pfarrer tun. Doch dann kam die vorgezogene Bundestagswahl 2005, bei der der Vorgänger in seinem Wahlkreis Reutlingen – der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann – nicht mehr antrat. Kober rückte nach. Als er 2009 zum zweiten Mal kandidierte, landete er im Bundestag. "Das war für mich ebenso unerwartet wie bei der dritten Kandidatur wieder aus dem Bundestag auszuscheiden", sagt er.

Viel Zeit, um über die FDP-Blamage nachzudenken, blieb ihm nicht: Die württembergische Landeskirche bot ihm an, für maximal acht Jahre als Militärpfarrer in Stetten am kalten Markt und Pfullendorf zu arbeiten. An beiden Standorten zusammen betreut Kober zurzeit 3.800 Soldaten. "Ich war nie bei der Bundeswehr, weil ich als angehender Pfarrer vom Wehrdienst befreit war, aber während meiner Abgeordnetenzeit Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe." In dieser Funktion habe er im Frühjahr 2011 eine Reise des damaligen Entwicklungshilfeministers Dirk Niebel nach Afghanistan begleitet, was ihn sehr beeindruckte. "Ich hatte Zeit, mit einem Pfarrerskollegen und den Soldaten zu sprechen – vor allem über ihre Sorgen und Probleme im Einsatz." Und das im Bewusstsein, dass er als Abgeordneter mit über den Einsatz der Soldaten in Afghanistan entschieden hatte.

Als Militärseelsorger setzt Kober sich nun anders mit den Einsätzen der Soldaten auseinander. "Jetzt stehen die Menschen im Mittelpunkt. Menschen, die sich nach dem Sinn des Lebens fragen und in Einsätzen unter extremen Bedingungen leben müssen. Jeden Tag erlebe ich bewegende Gespräche. Und ich bin dankbar, dass sich alles so gefügt hat."

Bereicherndes Berufe-Hopping

Damit meint Kober auch, dass er mit seiner Anstellung als Pfarrer wieder in seinen angestammten Wahlkreis zurückkehren konnte. Denn der Politik hat er keineswegs abgeschworen: Er kandidiert erneut und hat als stellvertretender Landesvorsitzender der FDP in Baden-Württemberg bereits einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl im September. Kommt die FDP rein ins Parlament, ist auch Kober wieder dabei.

Ein Berufs-On-Off-Hopping, das der Geistliche nicht als anstrengend, sondern bereichernd empfindet: "Beide Berufe erfüllen mich. Gehe ich wieder in die Politik, ist das keine Entscheidung gegen die Militärseelsorge, sondern eine Entscheidung für eine andere Funktion, in der ich die Welt verändern kann. In dem Fall durch meinen Einfluss bei der Gesetzgebung." Seine Sicht auf die Politik hat sich in den außerparlamentarischen Jahren nicht verändert: "Aber meine Perspektive ist breiter geworden. Die Erfahrungen mit Entbehrungen im Ausland haben mich dankbar für den Frieden, den Wohlstand und das Leben, das wir in Deutschland haben, gemacht."