Neulich berichtete mir ein Freund von Frust in seinem Job. Er hatte vor Kurzem das Unternehmen gewechselt, von einer Beratungsfirma zu einer Bank. Seine neuen Vorgesetzten änderten ihre Vorstellungen offenbar täglich, sodass er ständig das Gefühl hatte, umsonst zu arbeiten. So etwas nervt, klar.

"Ich hätte mich vielleicht doch lieber direkt für eine AL-Stelle bewerben sollen", sagt er dann. Vergrämter Blick ins Bierglas, die Schaumkrone zusammengefallen wie die einstige Freude über den neuen Job. "AL?", fragte ich. Ich ratterte im Kopf die Möglichkeiten durch. Abwasserlaborant? Angellehrer? Arbeitslos? Er erklärte: "Abteilungsleiter". Ich war erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit er glaubte, einen Führungsposten für sich reklamieren zu können. Aber zugleich wunderte es mich nicht. Denn Chef-Positionen scheinen derzeit ein wachsendes Berufsfeld zu sein.

Ich selbst habe eine Weile in einem Team gearbeitet, das zu annähernd zur Hälfte aus Führungskräften bestand. Es war nicht unbedingt die ergiebigste Arbeitsteilung. Ich erlebte Verlage, in denen in der Anzeigenabteilung eine einzelne Person saß: Zum Beispiel eine sich als Anzeigenleiterin titulierende Dame, die genau genommen einzig sich selbst gegenüber weisungsbefugt war. Schneller als echte Stellen geschaffen werden können, entstehen in den Unternehmen immer neue Posten für skurrile Oberindianer.

T-Mobile etwa leistet sich einen "Chief Twitter Officer". Ein Herr bei Google bekleidet das hohe Amt des "Chief Internet Evangelists", was bei Dienstreisen bereits zur Frage geführt haben soll, wie er es denn mit der Religion halte. Und diverse spaßige Tech-Unternehmen halten sich mittlerweile einen "Chief Happiness Officer". Die Liste ließe sich fortsetzen. An jeder Ecke wacht heute ein Häuptling.

Kriselt es, kreiert man schnell einen künftig Verantwortlichen

Im Magazin Forbes hatte der amerikanische Management-Professor Peter Cappelli vor einigen Jahren eine Erklärung für die Verchefung der Arbeitswelt gegeben: Firmen signalisieren mit den Boss-Titeln nach innen und außen, dass ihnen ein bestimmtes Themenfeld wichtig ist. Nach dem Motto: Wo man einen Leiter platziert, muss sich früher oder später was bewegen.

Diese Denke entfaltet mitunter eine absurde Eigenlogik. Kriselt irgendwo das Geschäft, installiert man schnell einen Heroen, der es allein mit seiner Großartigkeit zu neuem Glanz führen soll. Einen Strategiechef zum Beispiel. Sobald man erkennt, dass der es mit seiner Großartigkeit als Strategiechef allein natürlich auch nicht reißen kann, beruft man einfach einen weiteren großartigen Häuptling. Zum Beispiel einen Chefstrategen. Und dann noch einen. Vielleicht einen Head of Strategy. Und dann noch einen.

Es ist ja auch nicht so, dass man die vielen Chefs nicht irgendwie beschäftigt bekäme. Die Frage ist nur, wie lange ein Konstrukt hält, bei dem ein zunehmender Teil der Arbeitskräfte zur Bestätigung ihrer Wichtigkeit in Meeting-Dauerschleifen gebunden ist und ein anderer mehr und mehr mit Ellenbogenkämpfen abgelenkt ist, weil die Machtpositionen erreichbarer erscheinen. Wenn in modernen Unternehmen so viele plötzlich head für irgendwas sind, wer will dann eigentlich noch ass sein?

Man muss allerdings sagen: Die Datenlage belegt eine flächendeckende Inflation der Chefs nicht wirklich. Das Statistische Bundesamt verzeichnet zwar eine steigende Zahl der Angestellten "in verantwortlicher Tätigkeit oder mit begrenzter Verantwortung für andere", von 3,5 Millionen im Jahr 1996 auf 4,3 Millionen im Jahr 2015. Auf alle Beschäftigten gerechnet ist der Anteil der Menschen im Mittelmanagement hingegen relativ konstant geblieben. Einen Sprung gab es bei den Top-Entscheidern, deren Zahl lange Jahre unverdächtig um einen Wert von rund 800.000 pendelte und dann schlagartig explodierte – auf 1,3 Millionen im Jahr 2015.

Die Statistiker mahnen aber zur Vorsicht: 2011 haben sie den Fragebogen umformuliert. Statt von "umfassenden Führungsaufgaben und Entscheidungsbefugnissen" war nur noch von "Führungsaufgaben und Entscheidungsbefugnissen" die Rede. Die Chefinflation könnte also ein statistisches Artefakt sein. Dass die Zahl aber mit einem einzigen Wort so gewaltig schwankt, wirft die Frage auf: Wie viel Chef steckt wirklich in den neuen Anführern?