Beinahe ein Jahrzehnt lag Verena Schlüters* Tiermedizin-Examen im Jahr 2015 zurück. Es wurde das erste Jahr im Berufsleben der promovierten Tierärztin, in dem sie genau den Mindestlohn verdiente. In den Jahren zuvor hatte Schlüters Gehalt immer deutlich darunter gelegen. Doch nachdem das Mindestlohngesetz in Kraft getreten war, schrieb sie ihrem Arbeitgeber, dem Inhaber einer renommierten Tierklinik, eine E-Mail, in der sie sachlich darauf hinwies, dass ihr seit dem 1. Januar 8,50 Euro gesetzlich zustanden. Ihr Stundenlohn wurde daraufhin auf genau 8,50 Euro erhöht.

"Getraut habe ich mich nur, meinen Chef auf das neue Gesetz hinzuweisen, weil ich zu dem Zeitpunkt schon schwanger war und ohnehin nicht vorhatte, nach der Elternzeit zurückzukehren", erzählt Schlüter, die inzwischen Ende 30 ist. "Außer mir hat soweit ich weiß niemand diese Möglichkeit wahrgenommen. In der Klinik arbeiten wahrscheinlich heute noch Kollegen unterhalb des Mindestlohns." 

Was Verena Schlüter erzählt, gilt nicht nur für die Tierklinik, in der sie tätig gewesen ist. 14 Prozent der in Praxen und Kliniken angestellten Tierärzte in Deutschland werden unterhalb des Mindestlohns bezahlt. Bei Berufsanfängern – in den ersten drei Jahren – sind es sogar 27 Prozent. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie im Fachmagazin Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift, die auf der Befragung von 1.200 angestellten Tierärzten in Deutschland beruht.

Für die Befragung ließ die Veterinärmedizinerin Johanna Kersebohm von der FU Berlin die Teilnehmer online detailliert über ihre Arbeitsbedingungen Auskunft geben. 88 Prozent der Teilnehmer waren Frauen. Das entspricht in etwa auch dem Anteil der Frauen an Tierärzten, die in Praxen angestellt sind. Von insgesamt 7.600 deutschen Tierärzten, die angestellt in Praxen arbeiten, sind 82 Prozent Frauen.

Unzufrieden mit dem Lebensstandard

Im Mittel liegt der Bruttojahresverdienst der angestellten Veterinäre in den ersten drei Berufsjahren der Studie zufolge bei 30.000 Euro; wer zehn bis zwanzig Jahre Berufserfahrung hat, steigert sein Gehalt auf etwa 43.000 Euro; einen Tarifvertrag gibt es nicht. Am schlechtesten verdienen angestellte Kleintier- und Pferdeärzte, am besten Nutztierpraktiker. Aber für alle Tierärzte gilt: "Die Arbeitszeiten sind extrem lang und belasten die Teilnehmer der Studie sehr", sagt die 26 Jahre alte Studienautorin Kersebohm. 42 Prozent der angestellten Tierärzte arbeiten mehr als 48 Stunden pro Woche, ein Viertel überschreitet täglich die Zehnstundengrenze. In der Folge sind die Veterinäre mit fast allen Bereichen ihres Alltagslebens – Einkommen, Lebensstandard, Freizeit oder Familienleben – deutlich unzufriedener als eine Vergleichsgruppe aus der Bevölkerung, von der Kersebohm ebenfalls Daten vorlagen.

Für die Studienautorin selbst ist klar, wo der Hauptgrund für die Schwierigkeiten liegt: "Für mich ist die Persönlichkeitsstruktur der Tierärzte ausschlaggebend. Es sind oft Menschen, die gern Tieren helfen und darüber sich selbst vergessen." Das gilt offenbar auch für die Selbstständigen, von denen sich 650 an der Studie beteiligten. Demnach verdienen auch acht Prozent der Praxisinhaber selbst unterhalb des Mindestlohns.

"Zum Arbeitsverhältnis gehören zwei"

Nach Ansicht des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte (BPT) in Frankfurt ist die Tatsache, dass im Studium das Fach Betriebswirtschaft fehlt, mit für die Misere verantwortlich. Der Berufsverband erarbeitet deshalb derzeit ein Curriculum für ein Fach "Ökonomie für Tierärzte", das bald an einer der fünf tiermedizinischen Fakultäten in Deutschland erprobt werden soll.

Für Heiko Färber, den Geschäftsführer des BPT, stellt sich angesichts der neuen Daten aber vor allem eine Frage: "Warum gibt es denn Angestellte, die das mitmachen? Zu einem Arbeitsverhältnis gehören ja immer zwei." Als studierter Betriebswirt findet Färber es vor allem rätselhaft, dass sich solche Bedingungen etablieren konnten, obwohl die Niedergelassenen zunehmend darüber klagen, keine Mitarbeiter zu finden. Tierärzte sind knapp – und lassen sich offenbar trotzdem ausbeuten. Eine paradoxe Situation, die sich allein durch Tierliebe und betriebswirtschaftliche Naivität wohl kaum erklären lässt.

* Name von der Redaktion geändert