Silvia Hohl, 35, hatte nicht vor, die Meisterprüfung abzulegen. Nach der Hauptschule hatte sie zunächst nur ihre Lehre zur Maler- und Lackiererin abgeschlossen und dann drei Jahre als Gesellin gearbeitet. Tapezieren, verputzen und anstreichen. Außen und innen. Doch dann entschied sich Silvia Hohl, für ein Jahr die Meisterschule zu besuchen. 2012 eröffnete sie ihr eigenes Maler- und Lackiergeschäft in Heiligkreuztal, zwischen Ulm und Tuttlingen. Hohl hat in ihrem Betrieb einen Gesellen: ihren Mann. Und eine Praktikantin, die im September bei ihr eine Lehre zur Maler- und Lackiererin anfängt.

"An die schwere Arbeit gewöhnt man sich", sagt Hohl. Säcke mit Putz, Eimer mit Farbe, Metallstangen und Holzdielen fürs Gerüst. Womit sie sich aber immer wieder schwer tut, ist das Misstrauen, insbesondere von Älteren, die daran zweifeln, dass sie als Frau ihr Handwerk versteht. "Das muss ich regelmäßig beweisen." Doch nicht nur ihre Kunden werden erleben, dass immer öfter eine Frau kommt, wenn sie einen Handwerker brauchen. Denn das Handwerk wird zunehmend weiblicher.

Die Männerberufe werden weniger männlich

Das Bundesinstitut für Berufsbildung hatte zum diesjährigen Girls' Day untersucht, wie sich der Anteil junger Frauen in für Männer typischen Ausbildungsberufen in den vergangenen zwölf Jahren entwickelt hat. Männerberufe liegen nach der Definition des Instituts dann vor, wenn der Männeranteil mehr als 80 Prozent beträgt. Der Studie zufolge stieg in rund vier Fünfteln aller untersuchten 105 typischen Männerberufe der Anteil weiblicher Auszubildenden an: Bei Bäckern in den vergangenen zwölf Jahren um 7,7 Prozent, bei Malern und Lackierern um 6,5 Prozent und bei Tischlern um fünf Prozent. Der von Frauen am häufigsten gewählte Ausbildungsberuf im Handwerk ist Friseurin, dann folgen Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk und Augenoptikerin. Maler und Lackiererin liegt auf Platz sechs.

Jeder vierte neue Ausbildungsvertrag im Bezirk der Handwerkskammer Ulm wurde 2016 mit einer Frau geschlossen. "Wir gehen davon aus, dass in drei bis fünf Jahren ein Drittel aller Ausbildungsplätze im Handwerk von Frauen besetzt werden", sagt Karine Gaule, Geschäftsbereichsleiterin Zentrale Dienste und für Frauen im Handwerk zuständig. Als Grund für den Anstieg nennt sie "zunehmendes Interesse von Frauen für einen Handwerksberuf". Den sollen Aktionen wie der Girls' Day auch wecken. An diesem Tag zeigen Unternehmen, Betriebe und Hochschulen in ganz Deutschland Schülerinnen ab der fünften Klasse Ausbildungsberufe und Studiengänge in den Bereichen Informatik, Handwerk, Naturwissenschaft und Technik.

Bei dem Blazer an der Puppe prüft Tanja Pfau die Passform und markiert die vordere Mitte, um die Knopflöcher richtig zu positionieren. © privat

Fast jeder fünfte Handwerksbetrieb zwischen Ulm und Bodensee wird bereits von einer Frau geführt. Tendenz steigend. "Unter den 2016 gegründeten Handwerksbetrieben wurde jeder vierte von einer Frau eröffnet", sagt Gaule von der Handwerkskammer. Wenn das Interesse von Frauen am Handwerk steigt, sei die logische Konsequenz, dass auch immer mehr Frauen einen Betrieb führen.

Auch Tanja Pfau, 46, will sich als Handwerkerin selbstständig machen. Derzeit legt sie noch ihre Gesellenprüfung als Maßschneiderin mit Schwerpunkt Damenmode in einem Modeatelier in Immenstaad am Bodensee ab. Nach der Ausbildung wird sie von ihrem Betrieb übernommen. "Ich habe vor, anschließend noch ein, zwei Gesellenjahre dort zu bleiben." Dann will sie ihren eigenen Betrieb eröffnen. Anders als Maler oder Lackierer benötigt sie als Schneiderin dafür keinen Meisterbrief.

In den 1980er Jahren hatte Pfau eigentlich eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen, zuletzt arbeitete sie an einem Infostand am Flughafen Friedrichshafen. Auch weil Schneidern und Nähen immer schon ihr Hobby war, entschloss sie sich dann vor drei Jahren, ihre zweite Ausbildung zu beginnen. "Bis zur Rente muss ich noch 20 Jahre arbeiten. Das ist eine lange Zeit, und in der will ich etwas tun, das mir Spaß macht."

"Die Zahlen der Handwerkskammer Ulm sind keine Ausreißer in diesem Kammerbezirk, sondern spiegeln die bundesweite Entwicklung wider", teilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks in Berlin mit. Verbandspräsident Hans Peter Wollseifer sagt: "Etwa jede fünfte Meisterprüfung wird von Frauen abgelegt." Das ist eine Verdoppelung innerhalb der vergangenen 25 Jahre.