Thomas Schulze zur Wiesch ist 34 Jahre alt. Als Kleinkind konnte er noch ein bisschen laufen – doch seine Arm-, Bein- und Rückenmuskulatur baut sich nach und nach ab. Deshalb ist Schulze zur Wiesch seit der Grundschule auf einen Rollstuhl angewiesen. Er arbeitet als Projektleiter, Entwickler und Trainer bei einer großen deutschen Softwarefirma. Das ist seine Geschichte:

"Meine Eltern mussten kämpfen, damit ich in die gleichen Schulen gehen konnte, in die auch alle meine Freunde aus der Nachbarschaft gingen. Es gab bauliche Herausforderungen: Rampen fehlten, die Toiletten waren nicht rollstuhlgerecht. Hinzu kamen die Barrieren in den Köpfen von Lehrern und Beamten. Das war in den Neunzigern, da gab es das Wort 'Inklusion' noch gar nicht. Obwohl es hart war, haben meine Eltern nicht aufgegeben. Heute bin ich ihnen sehr dankbar dafür.

2002 habe ich Abitur gemacht und habe mir eine Lehrstelle gesucht. In meinem Fall war das kein Problem. Das war ein kleiner Softwarehersteller in Soest, bei dem ich vorher schon ein Praktikum gemacht hatte, und dort habe ich meine Ausbildung zum Fachinformatiker machen können. Da gab es keine Vorbehalte gegen mich.

Während der Arbeitszeit brauchte ich wenig Hilfe. Beispielsweise, um meine Jacke anzuziehen, oder wenn mir mal was runtergefallen ist. Nach der Ausbildung bin ich nach Paderborn gegangen, zum Studieren. Auch da gab es einige Fragen, die ich zusammen mit der Uni klären musste, weil ich der erste Rollifahrer dort war. Aber es hat funktioniert. Ich habe angewandte Informatik studiert und dazu Betriebswirtschaftslehre in einem Fernstudium an der FH Südwestfalen.

Meine Behinderung war gar kein Thema

Thomas Schulze zur Wiesch © privat

Dann habe ich mich beworben. Bei vier Arbeitgebern, mit vier Einladungen. Bei SAP habe ich es einfach versucht. Ich dachte nicht, dass es was werden würde. Aber anscheinend  habe ich die überzeugt. Meine Behinderung war in den Bewerbungsgesprächen bei SAP überhaupt kein Thema. Es ging nur um meine fachliche Qualifikation und darum, ob ich in das Team passe. Diese Offenheit und das Gefühl, dass meine Behinderung als etwas Nebensächliches angesehen wird, das hat mich damals sehr beeindruckt.

Nachdem feststand, dass ich bei dem Unternehmen anfange, wurden dann alle Fragen zur der Barrierefreiheit und meiner Unterstützung geklärt. Alles nach der Devise 'Sag wie du es brauchst und wir machen es dann passend'. In meinem Team spüre ich keine Herabsetzung oder Vorurteile. Wenn ich Hilfe benötige, frage ich, und bisher wurde mir immer geholfen.

Ich spüre im Unternehmen keine gläserne Decke, die einen weiteren beruflichen Aufstieg verhindern würde. Aber je mehr ich verdiene, desto mehr behält der Staat ein, um meine Assistenz zu finanzieren. Das dämpft meine Ambitionen, weiter aufzusteigen.

Meine Assistenz, also die Helferinnen und Helfer, die mich täglich in meinem Alltag begleiten, wird über Hilfe zur Pflege nach SGB XII finanziert. Was ich zahle, ist vermögens- und einkommensabhängig.

Im Gegensatz zu allen meinen Kollegen darf ich mit meinem Gehalt nicht machen, was ich will. Von meinem Einkommen muss ich einen großen Teil für die Assistenz aufbringen – zusätzlich zu Steuern und Sozialabgaben, die ich wie jeder andere Arbeitnehmer in Deutschland zahle. Damit bin ich finanziell deutlich schlechter gestellt als meine Kollegen, die die gleiche Arbeit machen wie ich. Dabei ist es die Assistenz, die es mir überhaupt ermöglicht, berufstätig zu sein."

Harry Hieb, Softwarearchitekt, 47

Als Harry Hieb mit 17 in der Berufsschule zum ersten Mal gemeinsam mit nicht behinderten Schülern lernt, wird ihm klar: "Auch ich bin leistungsfähig. Ich will studieren." Bis dahin besuchte der 47-Jährige eine Körperbehindertenschule, auf der er nur einen Hauptschulabschluss machen konnte.

Heute hat Hieb, dessen Muskelkraft in Armen, Beinen und Händen geschwächt ist und der sich in einem Rollstuhl fortbewegt, alles nachgeholt: Abitur, Studium der Physik und Festanstellung – derzeit bei der Hensoldt Sensors GmbH. Außerdem ist er Vorstandsmitglied im Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz Nitsa e. V. Das ist seine Geschichte:

"Ich bin als Softwarearchitekt und im Bereich der Radarentwicklung tätig. Mein Arbeitgeber kennt meine Stärken. Er weiß aber auch, was ich nicht zu leisten vermag. Kurzfristige Dienstreisen sind unmöglich, weil ich nur mit Assistenz verreisen kann und diese organisieren muss. Da habe ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt, und die Resonanz war durchaus positiv.

Ich bin rund um die Uhr auf Assistenz angewiesen. Meine vier Assistenten bringen mich jeden Morgen ins Büro, treffen mich dort tagsüber zu fest vereinbarten Zeiten und holen mich auch wieder ab. Sie leben in meiner Wohnung. Für mich ist das Alltag, ohne sie würde ich kein normales Leben führen können. Ein Pflegeheim kommt definitiv nicht infrage.

In meinem Einstellungsgespräch traf ich vor 17 Jahren auf Entwicklungs- und Abteilungsleiter, die mutig waren, etwas Neues zu wagen. Ich bin in meinem Arbeitsumfeld der einzige Mitarbeiter mit einer offensichtlichen Behinderung.

Warum sollte ich Karriere machen?

Ich empfinde es als zutiefst ungerecht, dass mein Einkommen herangezogen wird, wenn es um die Finanzierung der Assistenz geht. Behinderung ist ein allgemeines Lebensrisiko und kann nicht privatisiert werden. Aber als Mensch mit Behinderung, der gut ausgebildet ist und einen guten Job hat, wirst du bestraft.

Menschen mit Behinderung zahlen wie jeder andere Steuern und Sozialversicherungsabgaben und tragen so zum Gemeinwohl bei. Doch wenn es um Assistenz geht, hält der Staat ein zweites Mal die Hand auf, jedem Leistungsanreiz zum Trotz. Warum sollte ich unter diesen Bedingungen Karriere machen? Warum soll ein Mensch mit Behinderung Vollzeit arbeiten gehen?

Dass neue Bundesteilhabegesetz führt für manche Menschen mit Behinderung zu einer finanziellen Verbesserung. Für Akademiker mit einem hohen Assistenzbedarf aber nicht. Sie werden ab 2020 sogar noch stärker als bisher belastet."

Fabian Spillner, Senior-Softwareentwickler, 33 Jahre

Fabian Spillner ist 33 Jahre alt und gehörlos – so wie auch seine Eltern, seine Großeltern und seine beiden Brüder. Sein Vater ist gelernter Schriftsetzer; seine Mutter arbeitet als Gebärdensprachdozentin.

Spillner wurde beim Staatlichen Bauamt München als Fachinformatiker (Fachrichtung Systemintegration) ausgebildet. Heute arbeitet er als Senior Software Engineer bei einem Ratgeberportal; vorher war er beim gleichen Arbeitgeber in führender Position in einem Projekt beschäftigt. Doch das Projekt wurde aufgelöst und Spillner musste seine Leitungsfunktion abgeben. Dies ist seine Geschichte:

"Es war mein Glück, gehörlose Eltern zu haben. Durch sie habe ich die Deutsche Gebärdensprache als Muttersprache früh gelernt und kann mich gut darin ausdrücken. In meiner Arbeit steht mir dennoch ein guter Dolmetscher für Gebärdensprache und Lautsprache zur Seite, der die Lautsprache in Gebärdensprache übersetzt und umgekehrt. Gerade für die technischen Berufe ist es sehr schwierig, ausgebildete Dolmetscher zu bekommen. Die Technik entwickelt sich sehr rasant, oft entstehen neue Begriffe. 

Auf Barrieren stoße ich bei solchen Dingen: Zum Beispiel sind YouTube-Videos nicht untertitelt. Wie soll ich da die Videoaufnahmen aus Konferenzen oder von Fachvorträgen verstehen? Bei meiner Arbeit habe ich weniger Probleme – dank meines Gebärdensprachdolmetschers. Wenn er nicht da ist und ein Meeting ist angesetzt, dann schreibt ein Kollege für mich mit, und wenn ich etwas sagen möchte, schreibe ich. Das ist natürlich nicht so toll, aber ich bin schon froh, wenigstens etwas mitzubekommen.

Die Lehrer konnten kaum Gebärdensprache

Das Integrationsamt stellt mir ein Budget für Dolmetschereinsätze zur Verfügung. Meine Firma muss das jedes Jahr neu beantragen. Wie hoch das Budget wird, ist von meinem Gehalt, der Begründung des Antrags und der Meinung des Sachbearbeiters abhängig.

Ich habe die Staatliche Realschule für Gehörlose besucht, auf der man nur einen Haupt- oder Realschulabschluss erwerben kann. In der Schule fand kaum Gebärdensprache statt. Die Lehrer konnten meist nur lautsprachbegleitende Gebärden. Das ist ungefähr so, als wolle man Englisch mit deutscher Grammatik sprechen – auf Dauer wirklich anstrengend. Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum Kultusministerien da keine Qualitätsstandards gesetzt haben. Lehrer, die gehörlose Kinder unterrichten, sollten eigentlich die Deutsche Gebärdensprache gut beherrschen.

Heutzutage hat sich die Situation kaum verbessert. Wenn ich das Abitur nachholen wollte, müsste ich für ein paar Jahre nach Essen ziehen; in München könnte ich das Fachabitur machen. In beiden Schulen findet aber im Unterricht nur wenig Gebärdensprache statt.

Beim Bauamt in München habe ich nie das Gefühl bekommen, dass ich als nicht vollwertig betrachtet werde. Für mich war es eine neue Erfahrung, dort mit Hörenden zusammenzuarbeiten – mit ihnen hatte ich vorher ja kaum zu tun gehabt. Kommuniziert haben wir meist schriftlich. Als Programmierer hatte man den Computer oder Laptop ja immer dabei. Die Frage meiner Belastbarkeit wurde mir nie gestellt. 

Gebärdensprache in allen Schulen

Heute würde ich gerne wieder in leitender Funktion tätig sein. Doch die Verantwortlichen haben immer Zweifel oder sind verunsichert ob der Frage, ob ein Gehörloser gut kommunizieren und ein Team führen kann.

Die Inklusion ist aus meiner Sicht reine Illusion. Die Infrastruktur dafür fehlt, die Finanzierung ist ungeklärt, oft muss man alles im Nachhinein klären. Es fehlt eine gesunde Gesetzesgrundlage – und auch die ganze Gesellschaft müsste sich darauf einstellen, denn Inklusion sollte nicht nur von Behinderten gelebt werden, sondern von allen Menschen.

Zum Beispiel sollte in allen Schulen die Deutsche Gebärdensprache als Wahlpflichtfach angeboten werden, so wie in den USA. Dann wäre sie den Leuten nicht so unbekannt. Bis heute muss ich erklären, wie Gehörlose kommunizieren. Und da soll noch Inklusion passieren? Auch die Politik müsste sich ganz für die Inklusion öffnen und mit einem guten Beispiel vorangehen. Das tut sie leider nicht."