Sie haben eine körperliche Behinderung, doch ihr Verstand funktioniert einwandfrei. Aber gerade das scheint die Gesellschaft häufig nicht glauben zu wollen. Denn wenn Menschen mit Behinderung Karriere machen möchten, stoßen sie nicht nur auf bauliche Barrieren in Schulen, Universitäten und in der Software. Häufig stellen Unverständnis und Vorurteile bei Berufsberatern und Arbeitgebern das größte Hindernis dar. "In den Vorstellungsgesprächen geht es zu 80 Prozent um die Behinderung und nicht um die Qualifikation", sagt Peter Sdorra, Richter am Kammergericht zu Berlin und selbst schwerbehindert. Der 57-Jährige weiß: Menschen mit Behinderung sind zu allem im Stande, wenn man sie nur lässt. Mit seinem Verein Führungskräfte mit Behinderung will er zeigen: "Liebe Arbeitgeber, es gibt uns und wir wollen teilhaben. Wir haben einen Anspruch darauf."

Doch das mit dem Zutrauen ist so eine Sache. Obwohl sich die Bundesrepublik bereits im Jahre 2009 verpflichtet hat, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen und Behinderten Teilhabe in allen Bereichen der Gesellschaft zugesichert hat, ist die Realität eine andere. Die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland zieht es vor, statt Behinderte zu beschäftigen, eine Ausgleichsabgabe zu zahlen. Das ist legal. Arbeitgeber mit mindestens 20 Beschäftigten müssen mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Behinderten besetzen. Oder zahlen – zwischen 125 und 320 Euro monatlich. Schon seit vielen Jahren wird die gesetzliche Beschäftigungspflichtquote von fünf Prozent nicht erfüllt. Derzeit liegt sie bei 4,7 Prozent. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (Stand April 2016) mussten von rund 153.000 beschäftigungspflichtigen Arbeitgebern 91.236 Arbeitgeber eine Ausgleichsabgabe zahlen. Nur im öffentlichen Dienst, der die Quote mit 6,7 Prozent überfüllt, sieht es deutlich besser aus.

Der Paradigmenwechsel hat bislang eher auf dem Papier stattgefunden. Deutschland gilt immer noch als rehabilitations- und weniger als partizipationsorientiert. "Leider werden wir auf unsere Defizite reduziert", sagt Peter Sdorra. Manchmal seien das ganz banale Situationen. "Einem Rollstuhlfahrer begegnet man nicht auf Augenhöhe. Die Menschen ohne Behinderungen verhalten sich ungelenk und unsicher", sagt er.

Es mangelt an Vorbildern und Unterstützung. Menschen mit Behinderungen müssen für alles selbst kämpfen. Manche resignieren. Sdorra selbst hatte zwar keine Vorbilder, aber Eltern, die sich für ihn stark machten. Im Grundschulalter wurde seine Sehbehinderung festgestellt. Nach zwölf Operationen und zwei verpassten Schuljahren taten seine Eltern alles, damit er weiterhin eine reguläre Grundschule und später ein normales Gymnasium besuchen konnte. "Ich hatte inzwischen die Brailleschrift erlernt. Ich war fast erblindet." Sdorra erinnert sich: "Meine Eltern wollten verhindern, dass ich später mal Körbe flechte in einer Behindertenwerkstatt." Und so wurde aus dem einst schlechtesten Schüler, der durch Abwesenheit glänzte, der Klassenprimus mit Abiturnote 1,0.

Aus seinem Berufswunsch, Lehrer zu werden, wurde allerdings nichts. Der Berufsberater überzeugte den angehenden Abiturienten davon, sich doch lieber für ein anderes Fach zu entscheiden. Einen Lehrer mit starker Sehbehinderung vor eine Klasse zu stellen – undenkbar. Schließlich studierte Sdorra Jura und trat sein Referendariat in Berlin an. Der promovierte Jurist selbst traf immer wieder auf Menschen, die ihm zur Seite standen, wenn er an sich zweifelte. "Die Kammergerichtspräsidentin versicherte mir: Sollten sie erblinden, bekommen sie einen Vorleser", sagt er über jene Frau, die ihrer Zeit weit voraus war.

Der Berliner Jurist ist die Hauptvertrauensperson der schwerbehinderten Richterinnen und Richter des Landes Berlin. Er möchte Arbeitgeber ermutigen, Menschen mit Behinderung einzustellen: "Wir wollen niemandem zur Last fallen. Außerdem bekommen Unternehmen viele staatliche Hilfen, um einen adäquaten Arbeitsplatz einzurichten."