Dort, wo viel Trubel ist, wo Menschen von Stand zu Stand zu schlendern und durch gebrauchte Sachen stöbern, fühlt Sally Salzmann sich wohl: auf dem Flohmarkt. "Ich habe dort selbst viel gekauft und auch Dinge verkauft. Das habe ich sehr gemocht – auch den Umgang mit den Menschen dort." Nie hätte sie sich aber vorstellen können, dass aus dieser Liebe einmal eine Geschäftsidee erwächst. 

Sally Salzmann ist eigentlich gelernte Grafikdesignerin, lebte in Köln und London und zog dann nach München, arbeitete dort in einem englischen Verlag. "Als meine Tochter geboren wurde, bin ich ein Jahr in Elternzeit gegangen und danach für zwei Jahre Teilzeit in meinen Job zurückgekehrt." Doch mit der Stundenreduzierung änderte sich ihr Berufsleben komplett: "Ich habe mich nur noch geduldet gefühlt, meine Arbeit wurde weniger wertgeschätzt. Gleichzeitig bin ich nur noch zwischen Büro und Kindergarten hin und her gehetzt." Das Familienleben kam viel zu kurz – und die heute 41-Jährige auch.

Salzmann kündigte und machte sich als freie Grafikdesignerin selbstständig. Doch noch immer musste sie jeden Tag in die Redaktion. "Der Stress war zwar etwas weniger geworden, aber zufrieden war ich mit der Vereinbarkeit von meinem Arbeits- und Familienleben noch nicht." Immer häufiger kam der Kölnerin der Gedanke, etwas ganz anderes zu machen. Gern etwas für oder mit Kindern, von denen es in ihrem Viertel viele gab. Vielleicht sogar als Lehrerin arbeiten. Doch studieren wollte Salzmann eigentlich nicht noch einmal. "Die entscheidende Idee kam tatsächlich über Nacht. Ich bin am Morgen aufgewacht und wusste: Ich mache einen Secondhandladen auf."

Zweites Standbein

Sofort begann sie mit der Suche nach einer geeigneten Immobilie. In ihrer Nachbarschaft sollte sie sein und maximal 50 Quadratmeter haben. "Ich wusste, dass es hier viele Kinder gibt, die viel Kleidung brauchen. Auf Kinderflohmärkten ist in München immer die Hölle los, also gab es durchaus Bedarf für meine Geschäftsidee." Salzmann stellte einen Finanzplan auf und beantragte einen Existenzgründerzuschuss. Kurz darauf fand sie Geschäftsräume, die sie strich und einrichtete. Einen Monat später eröffnete sie ihr Engelhaus.

"Ich arbeite jetzt mehr als früher, fühle mich aber viel wohler und vor allem wertgeschätzt. Außerdem arbeite ich in einer tollen Atmosphäre – ganz ohne Stress." Seit drei Jahren betreibt Salzmann ihr Engelhaus und hat mittlerweile viele Stammkunden aus dem Viertel, aber auch aus anderen Teilen Münchens. Manche kommen einfach nur vorbei, um einen Rat zu bekommen. Salzmann hat ein offenes Ohr für alle mütterlichen Probleme.

Einziges Manko ihres neuen Berufslebens: Finanziell läuft es noch nicht wie gewünscht. "Ich bin im Plus und es geht stetig nach oben, aber leben kann ich von den Einkünften aus meinem Laden noch nicht." Daher nutzt sie Leerlaufphasen in ihrem Geschäft für kleinere Grafikprojekte: Visitenkarten, Hochzeitseinladungen, Babykarten. Viele der Aufträge bekommt sie von Kundinnen. "Das ist eine tolle zusätzliche Einnahmequelle und die Arbeit macht auch wieder richtig Spaß. Mit dem Engelhaus habe ich mein Karmakonto wieder gefüllt und wieder mehr Zeit für die Familie. Das macht mich richtig glücklich. "