Was macht eine Lehrerin, die keine passenden Arbeitsblätter für ihre Schüler findet? Mit diesem Problem sah sich Bianca Kaminsky das erste Mal während ihres Referendariats im hessischen Rothwesten konfrontiert. "Das, was es gab, gefiel mir nicht. Es war langweilig und das Layout wenig ansprechend. Das hat mich geärgert", sagt die 40-Jährige. Kaminsky wurde kreativ und gestaltete ihre Unterrichtsmaterialien kurzerhand selbst. Das kam an: "Meinen Schülern gefiel es und auch Kollegen kopierten sich nach kurzer Zeit meine Unterlagen, um sie in ihrem Unterricht einzusetzen."  

Bei eBay stieß sie auf Lehrer, die Materialien erstellten und diese sogar zum Kauf anboten. Da die Resonanz auf ihre eigene Arbeit so positiv war, beschloss Kaminsky, es ihnen gleichzutun und eröffnete einen Onlineshop. "Der Shop lief richtig gut – ich muss sagen, damit hatte ich nicht gerechnet", erzählt die Pädagogin. Besonders gefragt waren Arbeitsblätter für den Religionsunterricht, auch Unterlagen für den Deutsch- und Sachunterricht bot Kaminsky an. "Ich merkte, den Leuten gefällt das, was ich mache. Die kaufen das."

Das spornte die Lehrerin an, die Arbeit für ihren Shop zu intensivieren. Sie entwickelte und illustrierte die Materialien, brannte sie auf CD-ROMs, brachte sie zur Post und schrieb Rechnungen – alles nebenbei. "Anfangs war es ein Taschengeld, dann ein Urlaubsgeld", beschreibt Kaminsky den wachsenden Erfolg. Trotzdem konnte sie sich nicht vorstellen, ihren Beruf als Lehrerin aufzugeben.

Das änderte sich, als sie 2006 mit ihrem Mann nach Bayern zog. "Die Bayern wollten mich nicht als Lehrerin, weil ich die falsche Fächerkombination hatte. Ich hätte noch ein weiteres Hauptfach studieren müssen." Und so musste Kaminsky sich entscheiden: Noch mal zur Uni gehen oder die Selbstständigkeit wagen?

Für ihre Nebentätigkeit hatte sie bereits ein Gewerbe angemeldet, das Feedback von den Kunden war positiv, die Auftragslage gut und die Arbeit machte ihr Spaß – je mehr Kaminsky darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie: Sie wollte sich mit dem Verlag ihrer Arbeitsblätter, der Lernbiene, selbstständig machen.

Strukturen selbst aufbauen

Das sei ein größerer Sprung gewesen, als sie erwartet habe: "Als Lehrerin war ich in einen festen Rahmen eingebettet mit festen Uhrzeiten und Lehrplänen. Als Selbstständige musste ich mir die Strukturen selbst aufbauen. Das war eine sehr herausfordernde Zeit, in der ich sehr viel Mut und Optimismus brauchte", sagt Kaminsky.

Anfangs bestritt sie ihre neue Verlagstätigkeit als Einzelkämpferin: Kaminsky war Autorin, Redakteurin, Korrektorin, Layouterin – ihr Mann Thomas unterstützte sie und übernahm alle notwendigen kaufmännischen Tätigkeiten. Doch das Auftragsvolumen wuchs, und Kaminsky musste Mitarbeiter einstellen. Kundinnen und ehemalige Kolleginnen wurden zu Autorinnen, ihr Ehemann – der im Hauptberuf Vertriebsleiter in einem Textilunternehmen war – entwickelte das Marketing und den Vertrieb. Studenten der Kunsthochschule Halle stießen dazu, um die Materialien zu illustrieren.

Seitdem ist der Verlag stetig gewachsen. Heute haben Kaminsky und ihr Mann, der inzwischen fast Vollzeit für die Lernbiene arbeitet, ein Team von 50 Mitarbeitern, die vor allem freiberuflich für sie tätig sind.

Der Verlag bietet mittlerweile rund 330 Titel aus allen Fachbereichen an. "Das Wichtigste ist für mich, dass die Kinder individuell lernen und sich ernst genommen fühlen", sagt Kaminsky. Den Schritt aus der Festanstellung heraus hat sie nie bereut. Eins ist ihr aber immer noch wichtig: Ihre Entscheidung für den Verlag sei keine gegen den Lehrberuf gewesen, sagt sie.