Zukunftsplanung Schulabgänger neigen zu konservativer Berufswahl

Jugendliche sind in der Krise besonders verunsichert. Experten raten zu Berufen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Benjamin Frank Hilbert ist für sein Alter sehr erwachsen und sehr vernünftig. Das braune Haar des 19-Jährigen ist kurz geschnitten, er trägt einen grünen Pullover und beigefarbene Hosen. Keine Jeans, kein Haargel, kein Cap. Hilbert ist Vorsitzender der Bundesschülerkonferenz und spricht auf dem Eröffnungspodium der Berufsorientierungsmesse "Einstieg Abi" über die Schwierigkeiten seiner Generation bei der Berufswahl. "Die Schüler fordern Sicherheit", sagt er sehr energisch. Die Erwachsenen auf der Bühne nicken. Die Jugendlichen vor der Bühne schweigen. Manche schreiben SMS.

Es ist diese Ambivalenz zwischen Ernsthaftigkeit und Leistungsorientierung, Desinteresse und Überforderung, die auf der größten Berufsorientierungsmesse sofort auffällt. 22.000 Schüler und Abiturienten tummeln sich an diesen zwei Tagen im Berliner Messezentrum und informieren sich an 336 Ständen über Studium und Ausbildung. Manche haben sehr klare Vorstellungen davon, was sie nach der Schule beruflich machen möchten, andere wissen noch gar nichts. Und alle machen sich irgendwie Sorgen.

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Dabei sind sie schon die Elite der Generation PISA, besuchen sie doch alle das Gymnasium oder eine Oberschule. Ihr Ziel ist das Abitur. Aber auch wenn sich die "Einstieg Abi"-Messe an künftige Akademiker und Facharbeiter richtet: Die Schulabgänger haben von der Krise gehört oder sie schon zu spüren bekommen. Wie die 18-jährige Laura aus Berlin, die gerne eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau machen würde und schon über sechzig Bewerbungen geschrieben hat. "Auf einige habe ich nicht einmal eine Absage bekommen. Bei anderen Firmen wurde mir gesagt, dass sie in diesem Jahr wegen der Krise nicht ausbilden können", erzählt die Abiturientin. Jetzt macht sie erst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). "Dadurch gewinne ich Zeit und qualifiziere mich. Im nächsten Jahr hab ich vielleicht mehr Glück", sagt das Mädchen.

Zeit vertrödeln ist das, was junge Menschen vom Übergang zwischen Schule und Beruf nicht tun sollen, geht es nach dem Willen von Wirtschaft und Politik. Die Realität sieht jedoch anders aus: Nach der Schule nimmt sich ein Gros der jungen Erwachsenen ein Jahr zur Orientierung. Das ist nicht immer freiwillig. Meist fehlen die klare Berufsvorstellung, der passende Studienplatz oder schlicht die Lehrstelle. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist mit 11,2 Prozent im europäischen Vergleich mit 19,8 Prozent jedoch relativ gering. Die Betonung liegt auf relativ. Ohne Perspektive zu sein, wer möchte das schon?

Der 17-jährige Hendrik nicht. Der Junge aus Brandenburg hat eine klare Vorstellung vom Karrierebegriff. "Karriere bedeutet für mich, einen festen Job zu haben und in der Hierarchie aufzusteigen. Und ausreichend viel Geld zu verdienen." Leistung bringen, nicht rumhängen, keine Zeit vertrödeln – das ist dem Gymnasiasten wichtig. Eine abgebrochene Ausbildung oder ein abgebrochenes Studium findet er fatal. "Man sollte besser keine Lücken im Lebenslauf haben", sagt er.

Bloß keine Lücken haben, das ist auch seinem Schulfreund Kevin wichtig. "Ich habe Angst davor, viele Absagen zu bekommen und keine Ausbildung oder keinen Studienplatz zu finden. Das sieht im Lebenslauf nicht gut aus", sagt der Schüler. Noch hat der Elftklässler etwas Zeit. Trotzdem möchte er sich so gut wie möglich vorbereiten. In den Ferien hat er bereits zweimal ein Praktikum gemacht. Webdesigner fände er cool, sagt er. Sein Praktikum hat er jedoch bei einer Versicherung und bei einer Bank gemacht. "Die Jobchancen im Web sind schlecht. Ich bin gut in Mathe und Wirtschaft, darum werde ich mich für eine Banklehre entscheiden", erklärt er. Das klingt vernünftig.

MINT heißt das neue Zauberwort – Berufe in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gelten als halbwegs sicher und an vielen der über 300 Ständen auf der Messe raten die Berufsberater den Jugendlichen von Kreativberufen ab und zu MINT-Berufen zu. Das einzige Problem: Es sind die Fächer, die nicht gerade die Topten-Liste der Lieblingsfächer anführen. Aber in der Krise werden auch die ganz Jungen kompromissbereit.

Leser-Kommentare
  1. ... das es trotzdem auch viele männliche Schulabgänger gibt, die ganz genau wissen was sie machen wollen, aber erst ein Jahr den Zivil- oder Wehrdienst ableisten müssen.

    Dank des Abiturs mit 13 Schuljahren und Zivildienst gehen einem so im internationalen Vergleich zwei Jahre verloren.

    Das so viele Leute desorientiert sind kann auch mit dem nur zweiwöchigen Berufspraktiukum zu tun haben.
    Warum nicht einfach die Sommerferien um eine Woche kürzen und ein jährliches einwöchiges Praktikum einführen?

    Nach 3-4 Wochen hat man sich ohnehin entspannt, dannach beginnt man nur damit, den Lernstoff wieder zu vergessen.

  2. Wie hat es früher immer so schön geheißen! Bangemachen gilt nicht. Daß dies die Wirtschaft und die Politik nie interessiert hat sowie auch heute nicht im Geringsten interessiert, zeigt sich wieder einmal sehr eindrucksvoll am in diesem Bericht beschriebenen Angstverhalten der Schüler.

    Da haben diverse Schulabgänger jetzt schon Angst vor Lücken im Lebenslauf, und das, obwohl diese doch noch garnicht einmal angefangen haben richtig zu leben. Ängste, die zumeist von der allgegenwärtigen neoliberalen Propaganda über Politik, Wirtschaft und schließlich auch Beratern und Eltern den Schülern induziert wurden. Ich kann dies recht gut nachempfinden, denn auch ich habe derartige Ängste einmal ausgestanden.

    Der Magie der Angst folgt dann alsbald die Magie der Zauberei. Wie im Bericht bereits gesagt: MINT heißt das neue Zauberwort und wie dereinst im finsteren Mittelalter werden angeblich bei bloßer Befolgung dieser MINT-Doktrin große Teile etwaiger Zukunftsprobleme quasi weggezaubert. Es ist halt wie immer schon in der Geschichte, und da insbesondere in der Geschichte der Propaganda. Ängste werden geschürt und Erlösung wird versprochen. Ob durch pure Wissenschaft, Politik oder Magie ist im Prinzip dann eigentlich egal.

    Ein sehr positiver Aspekt dieses Berichtes ist der, daß in ihm neben dem informativen Charakter zumindest darauf hingewiesen wurde, daß Berufe in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik lediglich als „halbwegs sicher“ gelten.

    Weiter siehe Teil 2.

  3. Was genau „halbwegs sicher“ hier bedeutet kann jeder unter

    http://community.zeit.de/user/dr-jens-romba/beitrag/2009/05/12/trotz-weltwirtschaftskrise-akademiker-fach-und-führungskräfte-

    sowie den dazugehörigen Links Kommentaren und deren Links selber nachlesen. Und siehe da, beim Klicken auf meinen Namen existieren da auch noch andere Kommentare zu ähnlichen Berichten.

    Recht lustig aber ist es sich die Kommentare zu dem von mir oben angegebenen Link ab Kommentar 21 einmal gründlich durchzulesen. Da habe ich unter anderem beschrieben, daß ich nicht, wie ursprünglich geplant, Biologie sondern Chemie studiert habe, weil dort die Berufschancen angeblich ungleich besser waren und arbeitslose Biologen massenweise auf der Straße stehen. Nachdem ich nach Ende meines Studiums der Chemie dann, trotz angeblich guter Berufschancen, arbeitslos auf der Straße stand, wurde mir wiederum vorgeworfen, daß ich doch besser hätte Biologie studieren sollen. Genauso wie mir ebenfalls selbst die Schuld an meiner Situation gegeben wurde, da Anstrengung und Fleiß allein offenbar nicht zählen. Bleibt abzuwarten, was denn später mit den Leuten geschieht, denen (vielleicht verantwortungslose zumindest aber schlichtweg dumme) Berufsberater heute zu den MINT-Berufen raten oder die eine Banklehre Ihrem Lebenstraum vorziehen.

    Weiter siehe Teil 3.

  4. Nach den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte (richtig gelesen, nicht Jahre, sondern Jahrzehnte) werden wahrscheinlich auch viele dieser Leute in Zukunft des Öfteren die Arge besuchen und genau die Zustände erleben, vor denen Sie sich so derart gefürchtet haben. Sei es, daß lediglich zu den MINT-Berufen geraten wird, damit die Arbeitgeber sich aus einem billigen und willigen Potential prekär beschäftigter akademischer Arbeitskräfte die linientreuesten heraussuchen können, sei es daß nach erfolgreich abgeschlossener Banklehre und einem weiteren erfolgreichen Crash wieder einmal Arbeitsplätze verloren gehen.

    Den jungen Leuten kann ich in diesem Zusammenhang nur eines raten: Informiert Euch genau über den Arbeitsmarkt sowie über die Zukunft der von Euch angestrebten Berufe. Denn es ist sicher besser, ein gesichertes Einkommen zu haben, als mittellos einen nicht erfüllbaren Traum zu träumen. Trotzdem sind Träume aber mit das Wichtigste, denn hauptsächlich hieraus erwächst die Motivation für zukünftiges Tun und zukünftigen Erfolg. Bevor Ihr Eure Träume also aufgebt oder zumindest modifiziert und auf Berufe ausweicht, die nicht gerade die Topten-Liste Eurer Lieblingsfächer anführen, laßt Euch zunächst einmal schriftliche, notariell beglaubigte und gerichtlich einklagbare Garantieerklärungen geben. Kann Euch keiner eine solche Garantieerklärung auf einen zukünftig sicheren Job oder gar eine berufliche Karriere geben, so seid nicht zu kompromissbereit.

    Weiter siehe Teil 4.

  5. Sicher weiß ich durch neuere Kontakte mit Leuten aus sogenannten Kreativberufen, daß die Arbeitsverhältnisse oder besser gesagt Zustände hier zu einem großen Teil ziemlich desolat, wenn nicht sogar katastrophal sein sollen, vorausgesetzt, daß man dort überhaupt unterkommt. In den MINT-Berufen, und das weiß ich als promovierter Naturwissenschaftler mittlerweile ganz genau, sieht es aber auch nicht besser aus. Vor allem aber stellt Euch bei all der Propaganda sowie bei all dem Werben einmal die folgende Fragen? Wieviele VIP’s unter den Kreativen gibt es insgesamt in Prozent, rechnet man die Gesamtmasse aller Kreativen ein? Wieviele Banker, die auch in Krisenzeiten den großen Reibach machen gibt es in Prozent, rechnet man die Gesamtmasse aller Arbeitskräfte im Bankwesen ein? Wieviele renommierte Naturwissenschaftler/Ingenieure gibt es in Prozent, rechnet man die Gesamtmasse aller in diesem Bereich Arbeitenden ein? Und bedenkt bei diesen Fragen immer, daß nur die Zukunft der oberen Zehntausend gesichert ist, während der Rest, vielleicht schon prekär beschäftigt, um seinen Arbeitsplatz fürchten muß oder aber nur auf Zeit beschäftigt ist. Wenn Ihr Euch dann abschließend fragt, ob Ihr als Einzelpersonen wirklich mal, egal in welchem gewählten Berufsbereich, zu diesen oberen Zehntausend gehören werdet und Euch diese Frage ehrlich beantwortet, so seid Ihr in Eurer Zukunftsplanung schon einen weiteren Schritt vorwärtsgekommen.

    Dr. Jens Romba

  6. kann man doch ganz leicht schließen...ich empfehle die methode "dreiste lüge". bei mir hat es funktioniert.

    und ausserdem: wessen größte angst die lücke im lebenslauf ist, der sollte mal die lücke in seiner seele schließen.

  7. Die Jugendlichen, welche hier zu Wort kommen, dürften jene sein, die von ihren Kameraden gemobbt und geschnitten werden. Zu recht!
    Langweiler!

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    Ja, entweder das, oder sie existieren gar nicht. Vielleicht die Erfindung eines Journalisten, der mal wieder einen "Bildungsartikel" schreiben musste?

    Ich persönlich wurde in meiner Schulzeit reichlich gemobbt, und muss aus eigener Erfahrung sagen, dass die größten Mobber diejenigen waren, die Sie hier als "Spießer" bezeichnen.

    Diese Mitschüler kamen aus einem gut-bürgerlichen Elternhaus, waren materiell abgesichert und im ihrem sozialen Umfeld gefestigt, d.h. sie waren nicht mit Umzügen, Trennungen/Scheidungen oder Arbeitslosigkeit der Eltern konfrontiert gewesen und stellten keine Autoritätspersonem in Frage.

    Die Leute, die in der Schule einerseits das Etikett "aufmüpfig", "querdenkerisch" und "kreativ" hatten, haben haben mich unterstützt oder sich zumindest mir gegenüber neutral verhalten, genauso diejenigen, die eher technik-affin waren (wobei diese "technik-affinen" auf ihre Art in meiner Erinnerung auch mit Kreativität und gehörigem Improvisationsvermögen ausgestattet waren).

    Es waren die "braven", "angepassten", "vernünftigen", "pragmatischen", "bürgerlichen" Mitschüler, die mich am meisten terrorisierten.

    Ja, entweder das, oder sie existieren gar nicht. Vielleicht die Erfindung eines Journalisten, der mal wieder einen "Bildungsartikel" schreiben musste?

    Ich persönlich wurde in meiner Schulzeit reichlich gemobbt, und muss aus eigener Erfahrung sagen, dass die größten Mobber diejenigen waren, die Sie hier als "Spießer" bezeichnen.

    Diese Mitschüler kamen aus einem gut-bürgerlichen Elternhaus, waren materiell abgesichert und im ihrem sozialen Umfeld gefestigt, d.h. sie waren nicht mit Umzügen, Trennungen/Scheidungen oder Arbeitslosigkeit der Eltern konfrontiert gewesen und stellten keine Autoritätspersonem in Frage.

    Die Leute, die in der Schule einerseits das Etikett "aufmüpfig", "querdenkerisch" und "kreativ" hatten, haben haben mich unterstützt oder sich zumindest mir gegenüber neutral verhalten, genauso diejenigen, die eher technik-affin waren (wobei diese "technik-affinen" auf ihre Art in meiner Erinnerung auch mit Kreativität und gehörigem Improvisationsvermögen ausgestattet waren).

    Es waren die "braven", "angepassten", "vernünftigen", "pragmatischen", "bürgerlichen" Mitschüler, die mich am meisten terrorisierten.

  8. Ja, entweder das, oder sie existieren gar nicht. Vielleicht die Erfindung eines Journalisten, der mal wieder einen "Bildungsartikel" schreiben musste?

    Antwort auf "Spiesser!"
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    Redaktion

    Und es gibt sie doch, die Jugendlichen, die ich für diesen Artikel auf der Messe befragt habe. Mich hat bei der Recherche beeindruckt, wie vernünftig die Abiturienten waren, wie stark diese Jugendlichen den Wunsch nach einem festen Job, der sie ernähren wird, verinnerlicht hatte - und dass sie der Vernunft wegen lieber auf solche Jobs verzichten, die Kreativität versprechen. Die Krise ist bei den Jugendlichen angekommen. Sie erleben, dass ihre Eltern verunsichert sind, dass vielleicht Mutter oder Vater von Kurzarbeit betroffen ist oder war und dass Lehrstellen knapp sind. Das Gefühl, das einem die Welt offensteht, wie es so manch andere Generation kannte, scheinen zumindest einige der Jugendlichen und jungen Erwachsenen von heute nicht zu kennen.

    Tina Groll, ZEIT ONLINE, Redakteurin Karriere

    Redaktion

    Und es gibt sie doch, die Jugendlichen, die ich für diesen Artikel auf der Messe befragt habe. Mich hat bei der Recherche beeindruckt, wie vernünftig die Abiturienten waren, wie stark diese Jugendlichen den Wunsch nach einem festen Job, der sie ernähren wird, verinnerlicht hatte - und dass sie der Vernunft wegen lieber auf solche Jobs verzichten, die Kreativität versprechen. Die Krise ist bei den Jugendlichen angekommen. Sie erleben, dass ihre Eltern verunsichert sind, dass vielleicht Mutter oder Vater von Kurzarbeit betroffen ist oder war und dass Lehrstellen knapp sind. Das Gefühl, das einem die Welt offensteht, wie es so manch andere Generation kannte, scheinen zumindest einige der Jugendlichen und jungen Erwachsenen von heute nicht zu kennen.

    Tina Groll, ZEIT ONLINE, Redakteurin Karriere

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