Zukunftsplanung Schulabgänger neigen zu konservativer BerufswahlSeite 2/2

Die Veranstalter haben sich alle Mühe gegeben, die Messe so bunt und fröhlich wie möglich zu gestalten. Süßer Duft zieht vom Crepes-Stand vor der Bühne herüber. Auf dem Podium wird nun über die Krise gesprochen. Sich für einen Beruf zu entscheiden, sei sowieso schon eine weitreichende Entscheidung, sagt Margit Haupt-Koopmann, vorsitzendes Mitglied der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Umso schwieriger sei die Wahl, wenn Lehrstellen knapp sind und ganze Branchen kollabieren. Sie habe beobachtet, dass die heutigen Schulabgänger so verunsichert seien wie selten eine Generation zuvor. Darum setzen viele junge Menschen auf Sicherheit – und für die sei eine gewissenhafte Planung notwendig.

Viele Schüler wollen einen Beruf ergreifen, der sicher ist und mit dem sie einmal eine Familie ernähren können

Benjamin Frank Hilbert, Vorsitzender der Bundesschülerkonferenz

Das hat auch Benjamin Frank Hilbert bei seinen Altergenossen beobachtet. "Viele Schüler wollen einen Beruf ergreifen, der sicher ist und mit dem sie einmal eine Familie ernähren können. Die Mädchen achten darauf, dass sie ihren späteren Beruf und eine Familie vereinbaren können. Aber auch bei den Jungen ist das ein Thema", sagt er. Hilbert findet es nicht gut, wenn junge Erwachsene sich nicht ausreichend informieren und eine Ausbildung oder ein Studium abbrechen. "Das können wir uns nicht leisten." In die Berufsorientierung müsse mehr Zeit, Geld und Personal gesteckt werden, fordert er. Es müsse mehr Projekte zur Berufswahl an den Schulen geben. Viele Schulabgänger fühlten sich völlig unvorbereitet auf den Eintritt in den Arbeitsmarkt.

Auch Margit Haupt-Koopmann sieht Nachbesserungsbedarf. "Im OECD-Durchschnitt nehmen 56 Prozent der Jugendliche eines Jahrgangs ein Studium auf, in Deutschland sind es nur 36 Prozent. Das ist zu wenig." Jedoch könne es auch nicht die Lösung sein, junge Menschen entgegen ihrer Neigung und Qualifikation auf diesen Weg zu bringen.

"Ein Studium lohnt sich immer. Die Anzahl der hochqualifizierten Arbeitsplätze wird steigen", erklärt Gerd Hanekamp von der Deutschen Telekom Stiftung. Besonders jene in den MINT-Berufen, die bei den Schülern eher unbeliebt sind. Doch eine Antwort auf die Frage, wie Jugendliche positiv für eine entsprechende Berufswahl motiviert werden sollen, bleiben alle Experten auf dem Podium schuldig. Mehr Praxis, mehr Praktika, kreativerer Unterricht vielleicht. Problematisch sei zudem die stereotype Berufwahl der Mädchen, erklärt Marita Ripke von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Hier gibt es nun einen Fraueninformatikstudiengang, der stark gewählt wurde. "Wir fangen bei Null an. Man muss nur Mathe mögen", erklärt sie in Richtung Publikum. Einige Mädchen horchen auf. Vielleicht wäre das ja etwas?

Benjamin Frank Hilbert möchte bald ein Lehramtsstudium in Berlin aufnehmen. Mathematik und Sozialkunde. "Das finde ich interessant und es ist halbwegs sicher", sagt der 19-Jährige. Wo würde denn seine Leidenschaft liegen? Hilbert zuckt mit den Achseln. "Schon da, irgendwie", sagt er. Ach so. Seine Wahl ist vor allem vernünftig.

 
Leser-Kommentare
  1. ... das es trotzdem auch viele männliche Schulabgänger gibt, die ganz genau wissen was sie machen wollen, aber erst ein Jahr den Zivil- oder Wehrdienst ableisten müssen.

    Dank des Abiturs mit 13 Schuljahren und Zivildienst gehen einem so im internationalen Vergleich zwei Jahre verloren.

    Das so viele Leute desorientiert sind kann auch mit dem nur zweiwöchigen Berufspraktiukum zu tun haben.
    Warum nicht einfach die Sommerferien um eine Woche kürzen und ein jährliches einwöchiges Praktikum einführen?

    Nach 3-4 Wochen hat man sich ohnehin entspannt, dannach beginnt man nur damit, den Lernstoff wieder zu vergessen.

  2. Wie hat es früher immer so schön geheißen! Bangemachen gilt nicht. Daß dies die Wirtschaft und die Politik nie interessiert hat sowie auch heute nicht im Geringsten interessiert, zeigt sich wieder einmal sehr eindrucksvoll am in diesem Bericht beschriebenen Angstverhalten der Schüler.

    Da haben diverse Schulabgänger jetzt schon Angst vor Lücken im Lebenslauf, und das, obwohl diese doch noch garnicht einmal angefangen haben richtig zu leben. Ängste, die zumeist von der allgegenwärtigen neoliberalen Propaganda über Politik, Wirtschaft und schließlich auch Beratern und Eltern den Schülern induziert wurden. Ich kann dies recht gut nachempfinden, denn auch ich habe derartige Ängste einmal ausgestanden.

    Der Magie der Angst folgt dann alsbald die Magie der Zauberei. Wie im Bericht bereits gesagt: MINT heißt das neue Zauberwort und wie dereinst im finsteren Mittelalter werden angeblich bei bloßer Befolgung dieser MINT-Doktrin große Teile etwaiger Zukunftsprobleme quasi weggezaubert. Es ist halt wie immer schon in der Geschichte, und da insbesondere in der Geschichte der Propaganda. Ängste werden geschürt und Erlösung wird versprochen. Ob durch pure Wissenschaft, Politik oder Magie ist im Prinzip dann eigentlich egal.

    Ein sehr positiver Aspekt dieses Berichtes ist der, daß in ihm neben dem informativen Charakter zumindest darauf hingewiesen wurde, daß Berufe in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik lediglich als „halbwegs sicher“ gelten.

    Weiter siehe Teil 2.

  3. Was genau „halbwegs sicher“ hier bedeutet kann jeder unter

    http://community.zeit.de/user/dr-jens-romba/beitrag/2009/05/12/trotz-weltwirtschaftskrise-akademiker-fach-und-führungskräfte-

    sowie den dazugehörigen Links Kommentaren und deren Links selber nachlesen. Und siehe da, beim Klicken auf meinen Namen existieren da auch noch andere Kommentare zu ähnlichen Berichten.

    Recht lustig aber ist es sich die Kommentare zu dem von mir oben angegebenen Link ab Kommentar 21 einmal gründlich durchzulesen. Da habe ich unter anderem beschrieben, daß ich nicht, wie ursprünglich geplant, Biologie sondern Chemie studiert habe, weil dort die Berufschancen angeblich ungleich besser waren und arbeitslose Biologen massenweise auf der Straße stehen. Nachdem ich nach Ende meines Studiums der Chemie dann, trotz angeblich guter Berufschancen, arbeitslos auf der Straße stand, wurde mir wiederum vorgeworfen, daß ich doch besser hätte Biologie studieren sollen. Genauso wie mir ebenfalls selbst die Schuld an meiner Situation gegeben wurde, da Anstrengung und Fleiß allein offenbar nicht zählen. Bleibt abzuwarten, was denn später mit den Leuten geschieht, denen (vielleicht verantwortungslose zumindest aber schlichtweg dumme) Berufsberater heute zu den MINT-Berufen raten oder die eine Banklehre Ihrem Lebenstraum vorziehen.

    Weiter siehe Teil 3.

  4. Nach den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte (richtig gelesen, nicht Jahre, sondern Jahrzehnte) werden wahrscheinlich auch viele dieser Leute in Zukunft des Öfteren die Arge besuchen und genau die Zustände erleben, vor denen Sie sich so derart gefürchtet haben. Sei es, daß lediglich zu den MINT-Berufen geraten wird, damit die Arbeitgeber sich aus einem billigen und willigen Potential prekär beschäftigter akademischer Arbeitskräfte die linientreuesten heraussuchen können, sei es daß nach erfolgreich abgeschlossener Banklehre und einem weiteren erfolgreichen Crash wieder einmal Arbeitsplätze verloren gehen.

    Den jungen Leuten kann ich in diesem Zusammenhang nur eines raten: Informiert Euch genau über den Arbeitsmarkt sowie über die Zukunft der von Euch angestrebten Berufe. Denn es ist sicher besser, ein gesichertes Einkommen zu haben, als mittellos einen nicht erfüllbaren Traum zu träumen. Trotzdem sind Träume aber mit das Wichtigste, denn hauptsächlich hieraus erwächst die Motivation für zukünftiges Tun und zukünftigen Erfolg. Bevor Ihr Eure Träume also aufgebt oder zumindest modifiziert und auf Berufe ausweicht, die nicht gerade die Topten-Liste Eurer Lieblingsfächer anführen, laßt Euch zunächst einmal schriftliche, notariell beglaubigte und gerichtlich einklagbare Garantieerklärungen geben. Kann Euch keiner eine solche Garantieerklärung auf einen zukünftig sicheren Job oder gar eine berufliche Karriere geben, so seid nicht zu kompromissbereit.

    Weiter siehe Teil 4.

  5. Sicher weiß ich durch neuere Kontakte mit Leuten aus sogenannten Kreativberufen, daß die Arbeitsverhältnisse oder besser gesagt Zustände hier zu einem großen Teil ziemlich desolat, wenn nicht sogar katastrophal sein sollen, vorausgesetzt, daß man dort überhaupt unterkommt. In den MINT-Berufen, und das weiß ich als promovierter Naturwissenschaftler mittlerweile ganz genau, sieht es aber auch nicht besser aus. Vor allem aber stellt Euch bei all der Propaganda sowie bei all dem Werben einmal die folgende Fragen? Wieviele VIP’s unter den Kreativen gibt es insgesamt in Prozent, rechnet man die Gesamtmasse aller Kreativen ein? Wieviele Banker, die auch in Krisenzeiten den großen Reibach machen gibt es in Prozent, rechnet man die Gesamtmasse aller Arbeitskräfte im Bankwesen ein? Wieviele renommierte Naturwissenschaftler/Ingenieure gibt es in Prozent, rechnet man die Gesamtmasse aller in diesem Bereich Arbeitenden ein? Und bedenkt bei diesen Fragen immer, daß nur die Zukunft der oberen Zehntausend gesichert ist, während der Rest, vielleicht schon prekär beschäftigt, um seinen Arbeitsplatz fürchten muß oder aber nur auf Zeit beschäftigt ist. Wenn Ihr Euch dann abschließend fragt, ob Ihr als Einzelpersonen wirklich mal, egal in welchem gewählten Berufsbereich, zu diesen oberen Zehntausend gehören werdet und Euch diese Frage ehrlich beantwortet, so seid Ihr in Eurer Zukunftsplanung schon einen weiteren Schritt vorwärtsgekommen.

    Dr. Jens Romba

  6. kann man doch ganz leicht schließen...ich empfehle die methode "dreiste lüge". bei mir hat es funktioniert.

    und ausserdem: wessen größte angst die lücke im lebenslauf ist, der sollte mal die lücke in seiner seele schließen.

  7. Die Jugendlichen, welche hier zu Wort kommen, dürften jene sein, die von ihren Kameraden gemobbt und geschnitten werden. Zu recht!
    Langweiler!

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    Ja, entweder das, oder sie existieren gar nicht. Vielleicht die Erfindung eines Journalisten, der mal wieder einen "Bildungsartikel" schreiben musste?

    Ich persönlich wurde in meiner Schulzeit reichlich gemobbt, und muss aus eigener Erfahrung sagen, dass die größten Mobber diejenigen waren, die Sie hier als "Spießer" bezeichnen.

    Diese Mitschüler kamen aus einem gut-bürgerlichen Elternhaus, waren materiell abgesichert und im ihrem sozialen Umfeld gefestigt, d.h. sie waren nicht mit Umzügen, Trennungen/Scheidungen oder Arbeitslosigkeit der Eltern konfrontiert gewesen und stellten keine Autoritätspersonem in Frage.

    Die Leute, die in der Schule einerseits das Etikett "aufmüpfig", "querdenkerisch" und "kreativ" hatten, haben haben mich unterstützt oder sich zumindest mir gegenüber neutral verhalten, genauso diejenigen, die eher technik-affin waren (wobei diese "technik-affinen" auf ihre Art in meiner Erinnerung auch mit Kreativität und gehörigem Improvisationsvermögen ausgestattet waren).

    Es waren die "braven", "angepassten", "vernünftigen", "pragmatischen", "bürgerlichen" Mitschüler, die mich am meisten terrorisierten.

    Ja, entweder das, oder sie existieren gar nicht. Vielleicht die Erfindung eines Journalisten, der mal wieder einen "Bildungsartikel" schreiben musste?

    Ich persönlich wurde in meiner Schulzeit reichlich gemobbt, und muss aus eigener Erfahrung sagen, dass die größten Mobber diejenigen waren, die Sie hier als "Spießer" bezeichnen.

    Diese Mitschüler kamen aus einem gut-bürgerlichen Elternhaus, waren materiell abgesichert und im ihrem sozialen Umfeld gefestigt, d.h. sie waren nicht mit Umzügen, Trennungen/Scheidungen oder Arbeitslosigkeit der Eltern konfrontiert gewesen und stellten keine Autoritätspersonem in Frage.

    Die Leute, die in der Schule einerseits das Etikett "aufmüpfig", "querdenkerisch" und "kreativ" hatten, haben haben mich unterstützt oder sich zumindest mir gegenüber neutral verhalten, genauso diejenigen, die eher technik-affin waren (wobei diese "technik-affinen" auf ihre Art in meiner Erinnerung auch mit Kreativität und gehörigem Improvisationsvermögen ausgestattet waren).

    Es waren die "braven", "angepassten", "vernünftigen", "pragmatischen", "bürgerlichen" Mitschüler, die mich am meisten terrorisierten.

  8. Ja, entweder das, oder sie existieren gar nicht. Vielleicht die Erfindung eines Journalisten, der mal wieder einen "Bildungsartikel" schreiben musste?

    Antwort auf "Spiesser!"
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    Redaktion

    Und es gibt sie doch, die Jugendlichen, die ich für diesen Artikel auf der Messe befragt habe. Mich hat bei der Recherche beeindruckt, wie vernünftig die Abiturienten waren, wie stark diese Jugendlichen den Wunsch nach einem festen Job, der sie ernähren wird, verinnerlicht hatte - und dass sie der Vernunft wegen lieber auf solche Jobs verzichten, die Kreativität versprechen. Die Krise ist bei den Jugendlichen angekommen. Sie erleben, dass ihre Eltern verunsichert sind, dass vielleicht Mutter oder Vater von Kurzarbeit betroffen ist oder war und dass Lehrstellen knapp sind. Das Gefühl, das einem die Welt offensteht, wie es so manch andere Generation kannte, scheinen zumindest einige der Jugendlichen und jungen Erwachsenen von heute nicht zu kennen.

    Tina Groll, ZEIT ONLINE, Redakteurin Karriere

    Redaktion

    Und es gibt sie doch, die Jugendlichen, die ich für diesen Artikel auf der Messe befragt habe. Mich hat bei der Recherche beeindruckt, wie vernünftig die Abiturienten waren, wie stark diese Jugendlichen den Wunsch nach einem festen Job, der sie ernähren wird, verinnerlicht hatte - und dass sie der Vernunft wegen lieber auf solche Jobs verzichten, die Kreativität versprechen. Die Krise ist bei den Jugendlichen angekommen. Sie erleben, dass ihre Eltern verunsichert sind, dass vielleicht Mutter oder Vater von Kurzarbeit betroffen ist oder war und dass Lehrstellen knapp sind. Das Gefühl, das einem die Welt offensteht, wie es so manch andere Generation kannte, scheinen zumindest einige der Jugendlichen und jungen Erwachsenen von heute nicht zu kennen.

    Tina Groll, ZEIT ONLINE, Redakteurin Karriere

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