Janina Michel zählt die Monate bis zur Arbeitslosigkeit: Es sind noch dreieinhalb. Am 1. April wird die 25-Jährige ihr Volontariat bei einer Tageszeitung in Norddeutschland beenden. Dass sie arbeitslos wird und keine neue Stelle findet, erscheint ihr sehr wahrscheinlich, denn übernommen wird die Germanistin nicht. Selbst die Chancen, als freie Mitarbeiterin weiterhin für ihre Zeitung zu schreiben, sind sehr klein. "Davon leben könnte ich sowieso nicht, das Zeilengeld ist viel zu gering. Aber ich hab es ja schon zum Ausbildungsbeginn gewusst. So viel wie jetzt werde ich so schnell wohl nicht mehr verdienen", sagt die junge Frau. So viel wie jetzt, das sind knapp 1000 Euro brutto im Monat. Deutlich unter Tarif und weit entfernt von einem akademischen Gehalt, das ihre Eltern bei ihrem Berufseinstieg auf Anhieb verdienten.

Wie der jungen Frau geht es Hunderttausenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Sie sind die Leidtragenden der Krise. Binnen eines Jahres ist die Jugendarbeitslosigkeit hierzulande um zwölf Prozent gestiegen; dabei lag ihre Quote mit knapp neun Prozent schon vor der Krise zwei Prozentpunkte über der Gesamtquote. Auch in anderen Mitgliedsstaaten der EU sind die Arbeitsmarktchancen für Jugendliche und junge Menschen schlecht. Spanien führt die Statistik mit einer Arbeitslosenquote von fast 40 Prozent unter den bis zu 25-Jährigen an.

Auch wer wie Janina Michel über 25 Jahre alt ist, einen hohen Bildungsabschluss und eine Ausbildung beendet hat, findet nur schwer eine Existenz sichernde, unbefristete Beschäftigung. Prekäre Beschäftigung ist vor allem eins: jung. Studien der Agentur für Arbeit und des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zufolge hatte schon 2008 mehr als die Hälfte aller jungen Erwachsenen bis 30 Jahre nur einen befristeten Arbeitsvertrag, in der Altersgruppe ab 30 ist es jeder Dritte. Die prekäre Beschäftigung wird den Prognosen der DGB-Arbeitsmarktexperten zufolge weiter zunehmen. Im kommenden Jahr wird nur jeder dritte Auszubildende von seinem Betrieb übernommen – ein Drittel dieser "Glücklichen" bekommt einen Jahresvertrag, ein Fünftel darf sechs weitere Monate im Betrieb weiterarbeiten.

"Ich wäre ja schon froh, wenn ich einen befristeten Vertrag kriegen würde", sagt Janina Michel. Sie hat neben ihrer Ausbildung einen Schein zur Fitnesstrainerin gemacht. Weil ihr Einkommen schon heute trotz Vollzeitstelle nicht zum Leben reicht. Ab Frühjahr wird der Job als Trainerin wohl vorerst ihr Haupterwerb werden. "High educated Fitnesstrainerin", nennt die junge Frau diese Alternative. Sie ist froh, dieses zweite Standbein zu haben.

Fast erscheint es zynisch, dass Arbeitsmarktexperten über Fachkräftemangel klagen. Allein die Suche nach einem Ausbildungsplatz dauert immer länger, der Übergang von der Ausbildung oder dem Studium in den Job zieht sich hin und gelingt immer schwerer. Das betrifft auch vermehrt sehr gut ausgebildete junge Menschen. Jeder dritte Hochschulabsolvent hält sich mit einem oder mehreren prekären Jobs über Wasser: Praktikum, Halbjahresvertrag, Freiberuflichkeit am Existenzminimum, Multijobbing. Zählt man diejenigen hinzu, die sich nach dem Studium arbeitslos melden, ist es fast die Hälfte aller Absolventen. Manche promovieren – aus Mangel an einer Alternative.

Die 28-jährige Linda Schumann aus Hamburg ist so ein Fall. Seit ihrem Abschluss in Politikwissenschaften vor fast zwei Jahren hat sie den Berufseinstieg mit Hospitationen und Projektarbeit bei politischen Stiftungen, NGOs und in den Medien versucht. Am liebsten würde sie in der politischen Bildung arbeiten. Jobs sind hier Mangelware. Eine Stelle als Referentin bei einem Abgeordneten wäre eine Alternative für sie. "Aber das haben sich im Superwahljahr 2009 offenbar alle Politikwissenschaftler auf Jobsuche gedacht", sagt sie. Ihre Bewerbungen blieben erfolglos. Jetzt sucht sie eine Doktorandenstelle. Und dann? "Eine Laufbahn an der Hochschule vielleicht. Wenn es da Arbeit gibt", sagt Linda Schumann. Ob die Promotion der Weg zu einem Job sein wird, daran zweifelt die Politikwissenschaftlerin jedoch. "Manchmal habe ich Angst, dass ich mich mit einer Promotion auf dem Arbeitsmarkt ganz ins Abseits schieße", sagt sie.

Die Sorge ist nicht unberechtigt. Einer DGB-Studie über die Arbeitsmarktchancen junger Erwachsener zufolge befinden sich 25 Prozent der beruflich qualifizierten Berufseinsteiger in einer Art Übergangsendlosschleife: Nach einer Weiterqualifizierung wechseln sie in befristete Jobs, Leiharbeit, Praktika, unfreiwillige Teilzeitarbeit oder Freiberuflichkeit, dann in die Arbeitslosigkeit, bevor alles wieder von vorn beginnt. Zur Planungsunsicherheit kommen mangelnde Entwicklungschancen und niedrige Einkommen: Die Hälfte der jungen Arbeitnehmer bis 30 Jahren verdient bis zu 1500 Euro brutto – in Vollzeitbeschäftigung.