"Herr Müller hat stets zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet" – Sprachliebhabern wird sofort aufgefallen sein, dass der harmlose Satz falsch ist. Ein Adjektiv wie "voll" kann nicht gesteigert werden. Genauso wie "ganz" oder "rund". Aber nicht nur wegen der falschen Verwendung des Adjektivs wird um diesen Satz vor deutschen Arbeitsgerichten gestritten. Hinter vielen solchen Formulierungen in Arbeitszeugnissen verbergen sich manchmal Andeutungen.

Selbstverständlich stellt sich das Problem mit "vollst" nur, wenn es um eine sehr gute Beurteilung geht. War die Leistung nur gut oder nur befriedigend, so lauten die Formulierungen "stets zu unserer vollen Zufriedenheit" oder "zu unserer vollen Zufriedenheit".

Die falsche Sprache bietet dabei ein prima Einfallstor für Klagen auf andere, für den betroffenen Arbeitnehmer bessere Formulierungen in den Zeugnissen. Denn grundsätzlich haben Mitarbeiter, deren Leistung nie beanstandet wurde, Anspruch auf eine gute Bewertung ihrer Leistung. Bei einer unterdurchschnittlichen Beurteilung muss der Arbeitgeber beweisen, dass der Arbeitnehmer Fehler gemacht hat und dass er den Arbeitnehmer wegen dieser Fehler ermahnt oder abgemahnt hat. Ein Vorgesetzter, der die Leistungen des Arbeitnehmers vorher lange Zeit nicht beanstandet hat, kann bei der Zeugnisausstellung nicht argumentieren, der Arbeitnehmer habe die Anforderungen des Arbeitsplatzes nicht erfüllt. Ein Arbeitnehmer dagegen, der eine sehr gute Bewertung fordert, kann sich vor Gericht nicht mit dem Argument begnügen, er sei nie kritisiert worden. Er muss mehr als eine nur beanstandungsfreie Arbeit geleistet haben und beweisen, dass er überdurchschnittliche Leistungen erbracht hat.

Aber auch für sehr gute Leistungen kann der Verfasser des Zeugnisses im Rahmen seiner Formulierungssouveränität eine sprachlich korrekte Form wählen. "Die Leistungen von Herrn Müller waren stets sehr gut." Verwendet der Aussteller die klassische Formel, so muss er "vollst" verwenden, da er sonst seinen Sprachpurismus auf Kosten des Arbeitnehmers betreibt.

Wer nur eine "gute" statt eine "sehr gute" Beurteilung bekommen hat und vor Gericht zieht, kann alternative Forderungen erstreiten – zum Beispiel: "Mit den Leistungen von Herrn Müller waren wir stets äußerst / höchst / außerordentlich zufrieden". Die Alternativvorschläge sollten sprachlich korrekt sein, denn manche Arbeitsrichter lehnen die falsche Formel nach wie vor ab, so dass der Prozess deswegen verloren gehen kann.

Es gibt aber auch andere Aussagen, die volle Aufmerksamkeit verdienen. Die Zeugnisliteratur spricht von der Briefträgerthese. Ebenso wie Briefträger, die wegen des Briefgeheimnisses nicht den Inhalt der Briefe, die sie zustellen, kennen, kennen viele Arbeitnehmer auch nicht die eigentliche Botschaft ihres Zeugnisses. Ein einfaches Beispiel: Die Aussage "Wir bestätigen, dass Herr Müller die Aufgaben, die wir ihm übertrugen, stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt hat" drückt keine sehr gute Bewertung aus. Die Einleitung des Satzes verdeutlicht vielmehr, dass die sehr gute Beurteilung nur auf Drängen des Arbeitnehmers erfolgt ist. Der Relativsatz soll außerdem ausdrücken, dass der Arbeitnehmer keine Eigeninitiative entwickelte, sondern nur das tat, was ihm ausdrücklich aufgetragen wurde.

Für eine sehr gute Beurteilung ist erforderlich, dass im Zeugnis differenziert auf die Arbeitsmotivation, die Fähigkeiten, das Fachwissen, die Weiterbildung, den Arbeitsstil und insbesondere auf Erfolge eingegangen wird. Besser als die Zufriedenheitsformel und eine Überhäufung des Zeugnisses mit anderen Superlativen wirken konkrete Erfolgsbeispiele, etwa dass der Mitarbeiter wichtige Kunden gewonnen, Kosten gesenkt, Abläufe beschleunigt, Verbesserungsvorschläge gemacht oder entscheidend zum Erfolg von Projekten beigetragen hat.

Am Ende ist das Arbeitszeugnis für den nächsten Arbeitgeber sowieso nur ein Indiz: Zumeist machen die Zeugnisaussteller Zugeständnisse, um Auseinandersetzungen und Klagen von vornherein auszuschließen. In den allermeisten Fällen wird auch schlicht nach dem Gebot gehandelt: Arbeitnehmer haben ein Recht auf ein gutes Zeugnis. Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Die Arbeitszeugnisse haben einen niedrigen Wahrheitsgrad und geringen Informationswert. Allenfalls der Gesamteindruck von Zeugnis und Bewerber zeigt, ob der Kandidat geeignet ist.

(Erschienen auf Karriere.de)