Auf dem Platz vor dem Hauptgebäude der Uni Köln fährt eine weiße Stretchlimousine vor. Die Studenten verdrehen die Köpfe, der Verkäufer im Imbisswagen lugt über die Theke. Ein Mann im schwarzen Anzug steigt langsam aus und wartet. Zum weißen Hemd trägt er weiße Handschuhe und eine weiße Maske. Drei Studenten gehen auf den Mann zu, sprechen eine Art Code. Er nickt. Sie steigen ein.

Die drei Studenten sind Teil eines Spiels. Und das Spiel wiederum ist Teil des Recruitingprogramms einer großen Unternehmensberatung, die auf diese Weise neues Personal finden möchte. Das Spiel wird Alternate Reality Game (ARG) genannt. Es ist eine Art Rätselspaß, verpackt in einer interaktiven Geschichte, bei der die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verwischen. Und die Beratungsfirma macht bereits zum zweiten Mal davon Gebrauch. So möchte sich das Unternehmen im Hochschulmarketing von seinen Konkurrenten absetzen. "Beratung wird manchmal zu Unrecht als konservativ wahrgenommen", sagt Kathrin Pommer, Personalerin bei der Firma. "Wir wollen die Studenten überraschen und in ungewöhnlicher Weise auf uns aufmerksam machen."

In der Regel müssen die Spieler innerhalb einer festen Zeitspanne gemeinsam Aufgaben lösen, um eine drohende Katastrophe zu verhindern. Die Storyline wird über möglichst viele verschiedene Wege transportiert: die Post, E-Mail, Internet-Foren, Blogs, fiktive Homepages, Anrufe oder echte Charaktere und Ereignisse. Im Netz, häufig über sogenannte InGame-Foren, bekommen die Spieler wichtige Informationen, tauschen sich gegenseitig aus, analysieren und dokumentieren den Spielverlauf.

Die Initiatoren eines ARGs können Privatpersonen oder auch Unternehmen sein. Firmen nutzen ARGs als ergänzendes Kommunikationsinstrument, als virales Marketing. Viral, weil sich die Botschaft wie ein ansteckender Virus verbreiten soll. Zum Einsatz kommen häufig Clips in Internet-Videoportalen wie YouTube oder Beiträge in Foren und Blogs. "Mit normaler Werbung wird die Wahrnehmungsschwelle der Menschen aufgrund der enormen Reizüberflutung kaum noch erreicht. Deswegen werden moderne Konzepte immer wichtiger", sagt Gerald Uhlich. Der ehemalige Vorstand des Berliner Zoos verhalf einst Eisbär Knut mit viralen Kampagnen zu weltweiter, teils auch umstrittener, Popularität.

Ein ARG weckt im Idealfall die Neugierde und den Spieltrieb. Das Produkt oder die Marke bleibt vorerst verschleiert und wird indirekt über die Geschichte und die Spieler ins Gespräch gebracht.

Das ist im Einerlei der scheinbar exklusiven Recruiting-Workshops, mit denen die Top-Strategen immer öfter locken, auch nötig. "Mittlerweile war jeder von uns mal in Kitzbühl, hat Case-Studies bearbeitet, Vorträge gehört und gut gegessen", sagt Kathrin Rieger, BWL-Studentin an der Uni Köln und Spielerin des Rollenspiels der Beraterfirma. "Die wenigsten wissen danach, was die eine von der anderen Beratung unterscheidet."