ArbeitsrechtArbeitgeber dürfen nicht nur nach jungen Mitarbeitern suchen

Firmen, die allein junge Bewerber wünschen, verstoßen gegen das Gesetz. Abgelehnte Ältere haben ein Recht auf Entschädigung, urteilte das Bundesarbeitsgericht.

Zu alt für den Job? Abgelehnte Bewerber können auf Entschädigung klagen

Zu alt für den Job? Abgelehnte Bewerber können auf Entschädigung klagen

"Junge(r) engagierte(r) Volljuristin/Volljuristen": Diesen Posten hatte eine juristische Fachzeitschrift zu vergeben und schaltete eine entsprechende Stellenanzeige. Angesprochen fühlte sich auch ein 49-Jähriger. Doch er wurde abgelehnt und der Posten stattdessen mit einer 33-jährigen Mitbewerberin besetzt. Mit dieser Absage wollte sich der Mann aber nicht zufrieden geben. Er klagte vor dem Bundesarbeitsgericht (BAG) auf Entschädigung – und bekam nun Recht.

Die Richter sahen in der Formulierung der Anzeige ein Indiz dafür, dass das Alter eine entscheidende Rolle spielte. Stellen seien aber "altersneutral" auszuschreiben und Arbeitgeber dürften nicht nach "jungen" Mitarbeitern suchen. Ansonsten liege ein Verstoß gegen das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz vor und die abgelehnten älteren Bewerber haben gute Chancen auf eine Entschädigung.

Anzeige

Diese erkannte das Gericht in Erfurt auch dem Juristen zu, allerdings lediglich in Höhe eines Monatsgehalts. Ursprünglich gefordert hatte der Mann eine Entschädigung von 25.000 Euro plus Schadensersatz in Höhe eines Jahresgehaltes. Dies hielt das BAG aber für überzogen. Verlangen könnten dies abgelehnte Bewerber nur dann, wenn sie umgekehrt nachweisen, dass sie bei diskriminierungsfreier Auswahl die Stelle bekommen hätten.

Nach weiteren Urteilen können sich Bewerber nur auf Diskriminierung berufen, wenn sie über die geforderten Qualifikationen verfügen und wenn ihre Bewerbung zum Zeitpunkt der Stellenbesetzung überhaupt schon vorlag.

Unter anderem wies das BAG die Klage einer Muslimin ab, die sich für ein Integrationsprojekt beim evangelischen Diakonischen Werk in Hamburg beworben hatte. In ihrer Stellenausschreibung hatte die Diakonie ein abgeschlossenes Studium aus dem Sozialbereich verlangt, die muslimische Bewerberin war aber Reisekauffrau. Sie sei daher diskriminierungsfrei abgelehnt worden, urteilte das BAG. Damit unterblieb das im Bereich der Kirchen erhoffte Grundsatzurteil zu der Frage, inwieweit das Diskriminierungsverbot aus Glaubensgründen auch bei den Kirchen selbst gilt.

 
Leserkommentare
  1. "Stellen seien aber "altersneutral" auszuschreiben und Arbeitgeber dürften nicht nach "jungen" Mitarbeitern suchen. Ansonsten liege ein Verstoß gegen das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz vor..."

    Das hört sich ja ganz ermutigend an. Aber müsste es nicht auch in der Konsequenz bedeuten, dass niemand mehr bei der Bewerbung sein Geburtsdatum angeben und sein Bild beilegen müsste?

    Denn was nützt dieses Urteil, wenn Firmen das "jung" in der Anzeige von nun ab einfach weglassen, intern aber doch Bewerber nach den Geburtsdaten aussieben und trotzdem bevorzugt junge Mitarbeiter einstellen?

    • macey
    • 19.08.2010 um 20:22 Uhr

    Der Arbeitsmarkt (ca 10 Millionen Arbeitssuchende!) sieht zur Zeit so katastrophal aus, dass sich auf fast jede ausgeschriebene Stelle dutzende, häufig sogar hunderte von Bewerbern melden. Dies ist der eigentliche Grund für die geringen Chancen von Älteren auf eine neue Stelle! Warum sollen Firmen ausgerechnet die Ältesten einstellen, wenn sie so viele jüngere Bewerber mit gleichen Qualifikationen haben?

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    Warum sollten sie nicht? Bei gleicher Qualifikation haben ältere Arbeitnehmer den Vorteil der größeren Lebens- und ggf. Berufserfahrung. Es gibt eigentlich kaum gute Gründe, jüngere Arbeitnehmer per se zu bevorzugen. Oder? Wenn ja, welche denn?

    Wie kommen Sie auf die Zahl 10 Millionen? Und man merkt, dass Sie einfach nur mal so Vorurteile in den Raum werfen. Zwischen einem Dutzend und hunderten von Bewerbern ist eine große Spanne. Nämlich mindestens 88...

    Aber egal. Der Arbeitsmarkt hat sich schon längst gewandelt und man kann nicht mehr pauschal sagen, dass Arbeitgeber ausschließlich junges Personal suchen. Eine Bekannte von mir hat Personalverantwortung und wenn sie eine Stelle ausschreibt, ist die Zahl der Bewerber seit Jahren kontinuierlich gesunken und das, obwohl es sich dabei um einen für Hamburg durchaus attraktiven Arbeitgeber handelt. Zweitens ist das Durchschnittsalter der Bewerber kontinuirlich gestiegen. Selbst wenn sie wollte, sie bekommt kaum noch Bewerber unter vierzig. Und das ist ein Trend, der sich in Zukunft eher versärken als abschwächen wird. Die Firma, in der ich arbeite, achtet in erster Linie auf Qualifikation, weniger auf Alter. Wir haben einen guten Mix aus jungen und älteren Kräften und das spiegelt sich auch bei den Einstellungen wieder. Ich denke, die meisten Arbeitgeber sind inzwischen soweit zu erkennen, dass ein gesunder Altersmix viel mehr bringt als das bloße Schielen auf das Alter. Ich habe diese Zeiten mitgemacht, wo man auf jung, dynamisch und billig geachtet hat. Gebracht hat es nichts. Inzwischen zählen andere Faktoren und die demographische Entwicklung wird diesen Trend beschleunigen.

    Ich bin Mitte vierzig und die Zeit spricht für uns, nicht gegen uns. Das war einmal.

    Warum sollten sie nicht? Bei gleicher Qualifikation haben ältere Arbeitnehmer den Vorteil der größeren Lebens- und ggf. Berufserfahrung. Es gibt eigentlich kaum gute Gründe, jüngere Arbeitnehmer per se zu bevorzugen. Oder? Wenn ja, welche denn?

    Wie kommen Sie auf die Zahl 10 Millionen? Und man merkt, dass Sie einfach nur mal so Vorurteile in den Raum werfen. Zwischen einem Dutzend und hunderten von Bewerbern ist eine große Spanne. Nämlich mindestens 88...

    Aber egal. Der Arbeitsmarkt hat sich schon längst gewandelt und man kann nicht mehr pauschal sagen, dass Arbeitgeber ausschließlich junges Personal suchen. Eine Bekannte von mir hat Personalverantwortung und wenn sie eine Stelle ausschreibt, ist die Zahl der Bewerber seit Jahren kontinuierlich gesunken und das, obwohl es sich dabei um einen für Hamburg durchaus attraktiven Arbeitgeber handelt. Zweitens ist das Durchschnittsalter der Bewerber kontinuirlich gestiegen. Selbst wenn sie wollte, sie bekommt kaum noch Bewerber unter vierzig. Und das ist ein Trend, der sich in Zukunft eher versärken als abschwächen wird. Die Firma, in der ich arbeite, achtet in erster Linie auf Qualifikation, weniger auf Alter. Wir haben einen guten Mix aus jungen und älteren Kräften und das spiegelt sich auch bei den Einstellungen wieder. Ich denke, die meisten Arbeitgeber sind inzwischen soweit zu erkennen, dass ein gesunder Altersmix viel mehr bringt als das bloße Schielen auf das Alter. Ich habe diese Zeiten mitgemacht, wo man auf jung, dynamisch und billig geachtet hat. Gebracht hat es nichts. Inzwischen zählen andere Faktoren und die demographische Entwicklung wird diesen Trend beschleunigen.

    Ich bin Mitte vierzig und die Zeit spricht für uns, nicht gegen uns. Das war einmal.

  2. Warum sollten sie nicht? Bei gleicher Qualifikation haben ältere Arbeitnehmer den Vorteil der größeren Lebens- und ggf. Berufserfahrung. Es gibt eigentlich kaum gute Gründe, jüngere Arbeitnehmer per se zu bevorzugen. Oder? Wenn ja, welche denn?

    Antwort auf "Viel zu viele Bewerber"
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    • lepkeb
    • 19.08.2010 um 20:57 Uhr

    die sind billiger zu haben und stellen im Allgemeinen keine Konkurrenz für den Vorgesetzten dar.

    Auch werden die jüngeren lieber eingestellt, weil sie länger zu verbrauchen sind. Ihr MHD ist um ein paar Monate länger, als das der älteren. Sind in der Zeit das produktive Kanonenfutter, verdienen nur die Hälfte und hinterlassen keine allzu große Lücken, weil sie nachwachsen. Bei ihrem Ausscheiden sind sie allerdings auch zu nichts weiter mehr zu gebrauchen als zur Therapie. Nach der Therapie bilden sie dann den Grundstock der Kanonenfutterreste. Welchen Wert haben Reste?

    • lepkeb
    • 19.08.2010 um 20:57 Uhr

    die sind billiger zu haben und stellen im Allgemeinen keine Konkurrenz für den Vorgesetzten dar.

    Auch werden die jüngeren lieber eingestellt, weil sie länger zu verbrauchen sind. Ihr MHD ist um ein paar Monate länger, als das der älteren. Sind in der Zeit das produktive Kanonenfutter, verdienen nur die Hälfte und hinterlassen keine allzu große Lücken, weil sie nachwachsen. Bei ihrem Ausscheiden sind sie allerdings auch zu nichts weiter mehr zu gebrauchen als zur Therapie. Nach der Therapie bilden sie dann den Grundstock der Kanonenfutterreste. Welchen Wert haben Reste?

    • lepkeb
    • 19.08.2010 um 20:57 Uhr

    die sind billiger zu haben und stellen im Allgemeinen keine Konkurrenz für den Vorgesetzten dar.

  3. Auch werden die jüngeren lieber eingestellt, weil sie länger zu verbrauchen sind. Ihr MHD ist um ein paar Monate länger, als das der älteren. Sind in der Zeit das produktive Kanonenfutter, verdienen nur die Hälfte und hinterlassen keine allzu große Lücken, weil sie nachwachsen. Bei ihrem Ausscheiden sind sie allerdings auch zu nichts weiter mehr zu gebrauchen als zur Therapie. Nach der Therapie bilden sie dann den Grundstock der Kanonenfutterreste. Welchen Wert haben Reste?

  4. Der Grundgedanke des Antidiskriminierungsgesetzes ist offenbar, daß Betriebe beim Einstellen von Mitarbeitern primär dunklen Vorurteilen nachhängen. Richtig ist vielmehr, daß das einzige (sinnvollerweise) zählende Einstellungskriterium der konkrete Nutzen ist, den der neue Mitarbeiter dem Betrieb bringt. Es wäre geradezu idiotisch, einen intelligenten/motivierten/qualifizierten Bewerber abzulehnen, nur weil er/sie schwarz/Türke/Frau/behindert/älter/schwul ist. Ansonsten kann man in der Regel den Begriff "Vorurteil" getrost durch "Erfahrung" ersetzen....

  5. Meine konkreten Erfahrungen (Arztpraxis) mit den vom AGG privilegierten Gruppen waren folgende:
    schwarz: hat sich bisher keine beworben.
    Türkin: bisher nur gute Erfahrungen.
    Frau: gibt in diesen Beruf keine Männer - es bleibt einem nichts anderes übrig. Echt toll, wenn eine gerade mühsam eingearbeitete Mitarbeiterin mal eben 3 Jahre wegen Erziehungsurlaub ausfällt.
    behindert: bisher keine Bewerbungen.
    älter: kam bisher zweimal vor, weigern sich in der Regel, Neues zu lernen, häufige Bagatellkrankschreibungen, hetzen Kolleginnen auf, wenn die Mittagspause mal fünf Minuten später anfängt, "Erfahrung" hauptsächlich darin, sich Arbeit vom Hals zu halten, ohne daß es sofort auffällt.
    lesbisch: ist mir wurscht, war bisher wohl nicht der Fall.
    Das ist natürlich keine aussagekräftige Statistik, aber vielleicht haben andere ähnliche Erfahrungen.

  6. Letztlich sorgt das doch bloss dafür, dass Stellenausschreibungen in Zukunft zwar "diskriminierungsfrei" formuliert werden, an der Einstellungspraxis hingegen wird sich gar nix ändern. Die alten/behinderten/muslimischen/männlichen/hässlichen Bewerber werden dann halt spätestens nach dem Vorstellungsgespräch mit irgend einer vorgeschobenen Begründung ausgesiebt. Zu beweisen dass in Wirklich das Alter oder was auch immer der Grund war, dürfte fast nie möglich sein.

    Letztlich wird es also nur noch mehr dafür sorgen, dass sich Leute unnötig auf Stellen bewerben und sich unnötig Hoffnungen machen, weil man ihnen nicht sagen darf dass sie eh keine Chance haben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
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