Personalsuche mit dem Netz"Unternehmen und Bewerber funken aneinander vorbei"

Firmen und Bewerber nutzen Soziale Netzwerke zur Stellensuche. Warum sie sich trotzdem nicht treffen, erklärt Thorsten Petry, Professor für Personalmanagement, im Interview. von 

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei einer Präsentation

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei einer Präsentation: Viele Unternehmen nutzen soziale Netzwerke nun auch, um neue Talente zu finden  |  © Justin Sullivan/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Petry, Sie haben in einer Studie untersucht, wie Unternehmen und Jobsuchende soziale Medien nutzen . Was ist dabei herausgekommen?

Thorsten Petry: Unter anderem, dass die Firmen und die Kandidaten im Netz unterschiedliche Kanäle nutzen – und zum Teil aneinander vorbei funken. Die Unternehmen nutzen soziale Medien heute öfter als früher. 71 Prozent der von uns befragten Unternehmen machen davon bereits Gebrauch. Bei den Bewerbern sind es sogar 98 Prozent. Die Zahlen dürften etwas zu hoch liegen, weil wir die Fragen im Internet gestellt haben, und dementsprechend netzaffine Firmen und Kandidaten teilgenommen haben dürften. Trotzdem sind die Daten aussagekräftig. Derzeit scheint ein Hauptproblem darin zu liegen, dass die Unternehmen vor allem Facebook, Xing und Twitter nutzen , die Kandidaten hingegen Twitter eher vernachlässigen und Facebook überwiegend privat nutzen . Die wollen dort nicht von Firmen kontaktiert werden, sondern mit ihren Freunden Privates teilen.

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ZEIT ONLINE: Das heißt im Umkehrschluss, die Firmen haben die falsche Strategie, wenn sie nach Talenten suchen?

Petry: Die sozialen Medien sind noch eine Spielwiese – für die Unternehmen und die Kandidaten. Es fehlt bislang meist noch an ausgefeilten und bewährten Strategien.

ZEIT ONLINE: Welche Ziele verfolgen die Unternehmen in den sozialen Netzwerken?

Petry: Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Ziele. Im Fokus unserer Untersuchung standen die Ziele im Bereich Personalsuche: Die Unternehmen wollen ihre Bekanntheit steigern und sich als Arbeitgebermarke positionieren, um interessante Mitarbeiter zu finden. Wenn Unternehmen dafür soziale Medien benutzen, bezeichnet man das als Social Employer Branding beziehungsweise Social Media Recruiting . Dabei werden neue Talente über soziale Kontakte – beispielsweise von den eigenen Mitarbeitern – gewonnen. Allerdings nutzen die Unternehmen das Potenzial, das in den Netzwerken der eigenen Mitarbeiter schlummert, noch viel zu wenig.

ZEIT ONLINE: Wollen die Mitarbeiter das denn? Immerhin geht es hierbei auch um ihre privaten Kontakte.

Thorsten Petry
Thorsten Petry

Thorsten Petry ist Professor für Organisation und Personalmanagement an der Wiesbaden Business School. Mit der Karriere-Plattform Talential hat er eine Studie zur Nutzung von Social Media im und Online-Recruiting durchgeführt.

Petry: Es ist doch schon jetzt üblich, neues Personal über eigene Mitarbeiter zu finden. Das Internet ist nur ein neuer Kanal. Fast jeder kennt doch die Situation, dass man eher interessiert ist, wenn ein guter Freund von einer attraktiven Stelle in seiner Firma berichtet, als wenn der Headhunter anruft oder das Unternehmen eine Anzeige in einer Zeitung schaltet. Insbesondere gefragte High Potentials nehmen diese doch gar nicht wahr.

Für kleine und mittlere Unternehmen liegt hier eine Chance. Sie leiden oft darunter, nicht bekannt genug zu sein. Das lässt sich auch durch eine Facebook-Seite nicht einfach ändern. Die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden, der zum Unternehmen und zur Region passt, dürfte dagegen hoch sein, wenn man über die eigenen Mitarbeiter sucht oder suchen lässt. Natürlich funktioniert so ein Recruiting nur, wenn die eigenen Mitarbeiter aktiv und freiwillig auf offene Stellen in ihren Profilen hinweisen.

Leserkommentare
  1. Eine von IntraWorlds veröffentlichte Studie zum Thema Talent Management über das Social Web besagt, dass lediglich 23% der Studierenden und Young Professionals dazu bereit sind, ihre Profile in sozialen Netzwerken für Personalverantwortliche freizuschalten. Das gilt insbesondere für die Netzwerke, die primär privat genutzt werden (Facebook, studiVZ). Erste Unternehmen bauen daher für den bereits bekannten Talent-Pool (ehemalige Praktikanten, Workshop-Teilnehmer, etc.) exklusive Talent Comnmunities auf, die nur für ihre Top-Talente zugänglich sind. Die angesprochene Studie kann kostenlos unter www.intraworlds.de/trm-st... angefordert werden.

  2. Wenn man so einen fast einjährigen Bewerbungsmarathon hinter sich hat, sieht man erst, wie unprofessional und arrogant Deutsche Unternehmen arbeiten - nicht nur bei der Nutzung von Online-Medien.

    - Die ständigen hinterhältigen Fangfragen im Vorstellungsgespräch, die mit der eigentlichen Tätigkeit überhaupt nichts zu tun haben (eher Indikator für charakterliche Verkommenheit).
    - Keine Nachricht nach einem Vorstellungsgespräch oder teilweise erst nach vielen Monaten
    - Stellenanzeigen werden geschaltet, um zu zeigen, dass es der Firma angeblich gut geht, aber es besteht kein wirklicher Wille zur Einstellung
    - Aus einer gewissen Nervosität beim Vorstellungsgespräch wird gleich auf Ungeeignetheit geschlossen.
    - Vorsicht auch bei Stellen, die über Headhunter besetzt werden - in diesen Fällen hatte ich es mit den unsympatischsten Personen bei insgesamt immerhin ca. 20 Vorstellungsgesprächen zu tun.
    - Bewerbungsmarathon; z.B. >300 km Anreise für ein erstes 'Kennenlernen' - den Aufwand hätte man sich auch gleich sparen können.
    ...

    Wie auch immer, das Verhalten Deutscher Unternehmen beim Bewerbungsverfahren ist einfach abschreckend. Am Ende bin ich dann in der Schweiz gelandet und drehe den Herren Personalern und Managern in Deutschland nun eine lange Nase (Fachkräftemangel? - hahaha!)

  3. Neue Kanäle schön und gut - Xing und LinkedIn reichen mir persönlich als Jobbörse vollkommen aus.

    Die Unternehmen könnten problemlos an anderer Stelle optimieren- z.B. kenne ich kaum jemanden, der die Schnepfen aus der HR Abteilung ernst nimmt. Was hier teilweise gespielt wird ist manchmal ohne Worte.

    Die Amerikaner sind uns da teilweise voraus, besonders im IT Bereich. Falls hier irgendwelche Personaler mitlesen, folgender Link sei hier wärmstens empfohlen:

    http://www.joelonsoftware...

    Eine Leserempfehlung
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    Xing und LinkedIn sollten reichen. Schließlich sind sie als Business Networks konzipiert und etabliert. Wer sich mit seinen Einträgen hier bei Unternehmen bekannt machen möchte, sollte allerdings darauf achten, dass die Angaben auf der eigenen Profilseite stets aktuell und möglichst vollständig sind. Wer einen anderen Job sucht, kann dies über einen Eintrag, der das Wörtchen "Herausforderung" beinhaltet in der Rubrik "Suche" mitteilen.

    Wichtig: Beachten Sie die Privacy-Einstellungen. Wer angesprochen werden möchte, sollte die Einstellung so vornehmen, dass er/sie auch angesprochen werden kann. Wer nicht möchte, dass alle seine Kontakte sehen, dass er/sie eine neue Herausforderung sucht, sollte sicherstellen, dass diese Angaben nicht an das gesamte Netzwerk weitergegeben werden (sofern man die aktuelle Anstellung nicht gefährden will). Wer sich nicht sicher ist, ob er/sie alles richtig macht, sollte sich Hilfe suchen.

  4. Wenn Unternehmen bei Facebook nach geeigneten Bewerbern suchen, dann aber lauter privates vom letzten Sufgelage finden. Andererseits finde ich es eine Zumutung jetzt gedrängt zu werden, sich ein Profil bei Facebook, Twitter oder Youtube/Google anzulegen, wo doch bekannt ist, dass man es dort mit dem Datenschutz nicht so genau nimmt. Jemanden dort anzutreffen wäre für mich eher ein Grund von ihm Abstand zu nehmen, da er solche Praktiken ja offensichtlich billig. Auch nett die eigenen Mitarbeiter dafür zu missbrauchen nach geeigneten Personal zu suchen. Wenn das denn wenigstens auch mal belohnt werden würde. Denn man bekommt in aller Regel zu wenig dafür wenn überhaupt. Heutzutage werden auch alle immer fauler.

  5. Es gibt doch seit längerer Zeit spezielle Stellenbörsen wie monster, stepstone, die Jobbörse der Agentur für Arbeit, der Zeit und viele andere, teilweise berufs- oder branchenspezifisch! Soziale Netzwerke sind m.E. ja nicht primär auf die Stellenvermittlung ausgelegt. Kein Wunder, dass das nicht so toll passt. Da hätte wenigstens ein Vergleich zwischen sozialen Netzwerken und Stellenbörsen stattfinden müssen oder eine Begründung, warum soziale Netzwerke zur Stellenvermittlung geeignet wären. Stellenbörsen lassen dem Bewerber meistens die Anonymität, soziale Netzwerke nicht.

  6. Xing und LinkedIn sollten reichen. Schließlich sind sie als Business Networks konzipiert und etabliert. Wer sich mit seinen Einträgen hier bei Unternehmen bekannt machen möchte, sollte allerdings darauf achten, dass die Angaben auf der eigenen Profilseite stets aktuell und möglichst vollständig sind. Wer einen anderen Job sucht, kann dies über einen Eintrag, der das Wörtchen "Herausforderung" beinhaltet in der Rubrik "Suche" mitteilen.

    Wichtig: Beachten Sie die Privacy-Einstellungen. Wer angesprochen werden möchte, sollte die Einstellung so vornehmen, dass er/sie auch angesprochen werden kann. Wer nicht möchte, dass alle seine Kontakte sehen, dass er/sie eine neue Herausforderung sucht, sollte sicherstellen, dass diese Angaben nicht an das gesamte Netzwerk weitergegeben werden (sofern man die aktuelle Anstellung nicht gefährden will). Wer sich nicht sicher ist, ob er/sie alles richtig macht, sollte sich Hilfe suchen.

  7. Eine typische Stellenanzeige (gerade bei Jobpilot gefunden) ...
    http://www.jobpilot.de/ge... 06:03:00&Logo=0&brd=1,6934,5808&col=dtl&nokw=1&q=six sigma&indid=1,2,3,4,6,7,8,9,10,11,12,13,14,15,17,18,19,20,21,22,23,24,26,27,28,29,30,31,32,33,34,37,38,39,42,43,44,45,46,47,48,50,74,75,76,77,78,79,80,81,82,83,84,85&cy=de&tm=28d&pp=50
    ... sucht nicht einfach einen Ingenieur, nein, sondern der muss haben ...
    fachspezifische Zusatzausbildung in Q-Technik
    Mechanik - besondere Tools: APQP, FMEA, 8-D-Report, SPC, Lean Kaizen, Six Sigma ...
    Software - besondere Tools: Automotive Spice, V-Modell
    Erfahrung mit System- und Prozessaudits, DGQ-Scheine vorteilhaft
    ... und natürlich: MS-Office!
    .
    Es fehlt noch, dass sie sagen, der Ingenieur muss wissen, was ein Schraubenzieher ist!

    Eine Leserempfehlung
  8. Noch zu K7: Das Problem ist, dass fast alle diese Tools an keiner Hochschule gelehrt werden! Da kommt also so ein Hochschul-Absolvent in den Arbeitsmarkt, und dann stellt er fest: Ich hab ja gar keine Berufsausbildung!

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  • Schlagworte Medien | Soziale Netzwerke | Arbeitnehmer | Internet | Personal | Twitter
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