Stellenanzeigen hängen an einer Pinnwand © Chris Hondros/Getty Images

Über mangelnde Qualifikation müsste sich Danail Obreschkow eigentlich keine Sorgen machen. Der 30-Jährige hat in der Schweiz Physik studiert, in Oxford promoviert und war dort anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Dann wollte er raus aus der Lehre und rein in die Praxis. Vor allem in Jobportalen und auf Unternehmens-Homepages suchte er nach einer Stelle in der industriellen Forschung. Die gestellten Anforderungen machten ihn stutzig: "Viele Anzeigen waren so getextet, als würde das Unternehmen ausschließlich Nobelpreisträger einstellen. Ich hatte häufig den Eindruck, die Ansprüche der Firmen seien übertrieben formuliert und können von keinem mir bekannten Menschen erfüllt werden." Obreschkow hat mit seiner Vermutung Recht: Viele Unternehmen formulieren in ihren Stellenanzeigen bewusst extrem hohe Anforderungen.

Allein in Deutschland gehen bei der MTU Aero Engines in München jährlich rund 10.000 Bewerbungen ein, weltweit sind es doppelt so viele. "Etwa zwei Drittel aller Bewerbungen erfüllen nicht einmal annähernd unser gefordertes Qualifikationsniveau und werden deshalb gleich aussortiert", sagt Personalchef Hans-Peter Kleitsch. Die MTU entwickelt, fertigt und repariert Flugzeugtriebwerke und Industriegasturbinen. In Deutschland beschäftigt das Unternehmen rund 6500 Mitarbeiter. "Unsere Qualitätsanforderungen in den Anzeigen sind deshalb so hoch, weil wir nicht noch mehr unnötige Post bekommen möchten."

Auf eine detailgetreue Darstellung der Aufgabe in Stellenanzeigen kommt es Kleitsch nicht in erster Linie an. "Wir suchen vor allem Ingenieure mit bestimmten fachlichen Qualifikationen, die aus den Unterlagen hervorgehen müssen." Mangelnde Kenntnisse in einer geforderten Disziplin seien ein eindeutiger Ausschlussgrund. Anders sieht es bei den Soft Skills aus. "Teamfähigkeit und Kollegialität kann man nicht mit Zertifikaten belegen, das testen wir im Vorstellungsgespräch." Eingeladen werden bei der MTU die Kandidaten, die mehr als 75 Prozent der erwarteten Anforderungen erfüllt haben.

"Man darf die Worte einer Anzeige nicht auf die Goldwaage legen, weil viele Stellenanzeigen unpräzise und häufig überzogen formuliert sind", sagt Michael Eiberger. Er ist Geschäftsführer von Personal-Total in der Niederlassung Stuttgart. Die Personalberatung sucht im Auftrag von Unternehmen Fach- und Führungskräfte, dazu gehört auch das Texten von Anzeigen. Die Inhalte der Ausschreibungen orientierten sich an dem Wunschbild der Firmen, sagt Eiberger. Dass ein Verkäufer kommunikativ sein muss und ein Konstrukteur präzise, sind für ihn Selbstverständlichkeiten und daher unnötige Floskeln. Häufig erlebt Eiberger auch, dass "der Neue ein optimiertes Spiegelbild des Alten sein soll, also dessen Stärken aber nicht dessen Schwächen haben sollte". Der Fall tritt dann ein, wenn ein Nachfolger gesucht wird, weil jemand die Firma verlässt. Weil es aber Kandidaten mit solchem Profil nicht gibt, ziehen solche Anzeigen auch nur ganz wenig Bewerbungen nach sich. Auch Eiberger geht von einer guten Chance auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch aus, wenn zwei Drittel der Anforderungen erfüllt sind.

Mit einer Stellenanzeige sei es wie mit dem Arbeitszeugnis : Man könne kaum in wenigen Sätzen zusammenfassen , was ein Mitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren gemacht hat oder machen soll. "Daher werden in den Anzeigen Dinge nur angetippt und der Leser soll mit seiner Fantasie daraus seine eigenen Schlüsse ziehen", sagt Thomas Rübel, Geschäftsführer vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader in Berlin. Stellenanzeigen hätten eine eigene Sprache wie Arbeitszeugnisse, für viele ist das unverständliches Personaler-Latein. Die Mitarbeiter von Hesse/Schrader beraten in den Themen Bewerbung, Beruf und Karriere. Daher weiß Rübel auch um die Bedeutung von Hard und Soft Skills. "Worte wie 'Sie sollten ...', 'das müssen Sie mitbringen', oder '... wenn Sie folgende Voraussetzungen erfüllen', sind Soll-Kriterien, anhand derer ein Bewerber in den engeren Kreis aufgenommen wird." Weiche Faktoren kennzeichnen Worte wie 'wünschenswert' und 'wenn sie außerdem mitbringen ...'. Dafür gibt es Bonuspunkte.

Rübel ist überzeugt davon, dass man von der Qualität einer Stellenanzeige auf die Qualität des Unternehmens schließen kann. Besonders aufschlussreich sind für ihn Anzeigen auf der Unternehmenwebsite. Diese Ausschreibungen kostet die Unternehmen nichts und sie können mehr Platz für Inhalte nutzen. "Ob sich das Unternehmen Mühe gegeben hat, erkennt der Leser daran, dass in der Anzeige die Bedeutung des ausgeschriebenen Jobs für das Unternehmen erklärt wird. Auch, wie der interne Zusammenhang mit anderen Abteilungen ist, welche Sozialleistungen das Unternehmen bietet und ob es beispielsweise aktiven Umweltschutz betreibt." Was genau zu tun ist und wie der Arbeitsalltag aussieht, das stehe nur ganz selten in den Anzeigen. Weil Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinander liegen, erleben viele einen Berufsschock in der Praxis.

Der ist bei Obreschkow ausgeblieben, denn "die Anzeige war präzise formuliert und letztendlich deckungsgleich mit dem, was ich zu tun habe". Der Physiker betreibt seit Jahresbeginn industrielle Forschung bei TWT in Neuhausen bei Stuttgart.