ZeugnisspracheDie geheimen Codes in Arbeitszeugnissen

Weil negative Formulierungen im Arbeitszeugnis verboten sind, werden Arbeitgeber erfinderisch. Welche Formulierung was bedeutet, erklären wir in einer Übersicht. von 

Arbeitszeugnisse müssen wohlwollend formuliert sein . Damit dennoch klar wird, dass der Mitarbeiter nicht der eifrigste war, haben sich in der Zeugnissprache geheime Codes etabliert. Die sind zwar unzulässig, aber nur die wenigsten Arbeitnehmer kennen sie auch und können sich so gegen die Formulierungen wehren. ZEIT ONLINE zeigt die gängigsten Sätze und ihre Bedeutung in einer Übersicht.

Faulheit und Inkompetenz:

"Er machte sich mit großem Eifer an die ihm übertragenen Aufgaben" bedeutet nicht etwa großes Engagement, sondern dass sich der Mitarbeiter verzettelt und nicht ergebnisorientiert gearbeitet hat.

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"Er zeigte Verständnis für seine Arbeit" drückt aus, dass der Arbeitnehmer zwar wusste, was er zu tun hatte, es aber nicht tat.

Auf Faulheit deutet folgender Wortlaut hin: "Er verstand es, alle Aufgaben mit Erfolg zu delegieren". 

Arbeitseinsatz

Die Arbeitsbereitschaft wird in der Regel wie folgt bewertet:

Note 1:  Er/Sie zeigte stets ein sehr hohes Maß an Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft.
Note 2:  Er/Sie zeigte stets eine hohe Leistungsbereitschaft und Pflichtauffassung.
Note 3:  Er/Sie zeigte Einsatzbereitschaft.
Note 4Er/Sie zeigte auch Einsatzbereitschaft.

Kompetenz

Die Kompetenz beurteilen Arbeitgeber so:

Note 1: Er/Sie verfügt über ein sehr gutes analytisch-konzeptionelles und zugleich pragmatisches Urteils- und Denkvermögen.
Note 2: Er/Sie verfügt über ein gutes analytisch-konzeptionelles und zugleich pragmatisches Urteils- und Denkvermögen.
Note 3: Er/Sie bewies Belastbarkeit und Flexibilität.
Note 4: Er/Sie verfügte über eine ausreichende Arbeitsbefähigung.

Fachwissen

Das Fachwissen bewertet der Zeugnisschreiber so:

Note 1: Aufgrund seines umfangreichen und besonders fundierten Fachwissens erzielte er/sie immer weit überdurchschnittliche Erfolge.
Note 2: Er/Sie wendete ihre guten Fachkenntnisse laufend mit großem Erfolg im Arbeitsgebiet an.
Note 3: Er/Sie besitzt ein solides Fachwissen in seinem Fachgebiet.
Note 4: Er/Sie besitzt das erforderliche Fachwissen.
Note 5: Er/Sie zeigte bei der Beschäftigung mit den ihm übertragenen Aufgaben das notwendige Fachwissen, das er wiederholt erfolgversprechend einsetzten.

Leistungen

Die Leistungen werden gemeinhin so bewertet:

Note 1: Seine/Ihre Leistungen fanden stets unsere vollste Zufriedenheit.
Note 2: Seine/Ihre Leistungen fanden stets unsere volle Zufriedenheit.
Note 3: Seine/Ihre Leistungen fanden unsere volle Zufriedenheit.
Note 4: Seine/Ihre Leistungen fanden unsere Zufriedenheit.
Note 5: Aufgaben, die ihm/ihr übertragen wurden, erledigte er in der Regel zu unserer Zufriedenheit.

Schlussformel

Bedauern und Zukunftswünsche lassen sich so übersetzen:

Note 1: Wir bedauern sein/ihr Ausscheiden sehr, danken ihm/ihr  für stets sehr gute Leistungen und wünschen ihm/ihr auf dem weiteren Berufs- und Lebensweg alles Gute und weiterhin viel Erfolg.
Note 2: Wir bedauern sein/ihr Ausscheiden, danken ihm/ihr für die stets guten Leistungen und wünschen ihm/ihr auf dem weiteren Berufs- und Lebensweg alles Gute und weiterhin Erfolg.
Note 3: Wir bedauern sein/ihr Ausscheiden, danken ihm/ihr für die guten Leistungen und wünschen ihm/ihr auf dem weiteren Berufs- und Lebensweg alles Gute und Erfolg
Note 4: Wir bedanken uns für seine/ihre Mitarbeit und wünschen ihm/ihr für die Zukunft alles Gute.
Note 5: Wir wünschen ihm/ihr alles nur erdenklich Gute, insbesondere auch Erfolg bei den weiteren Bemühungen.

Auch wer "mit Interesse bei der Sache " war oder "Gelegenheit hatte, die ihm übertragenen Aufgaben zu erledigen", war meist faul.

Inkompetenz wird so beschrieben: "Wegen seiner Pünktlichkeit war er stets ein gutes Beispiel" oder "Wir bestätigen gerne, dass er mit Fleiß, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit an seine Aufgaben herangegangen ist", gerne auch "Er war Neuem gegenüber aufgeschlossen".

Gewerkschaftliches Engagement:

"Er zeigte stets Engagement für Arbeitnehmerinteressen außerhalb der Firma" drückt aus, dass der Mitarbeiter an Streiks teilgenommen hat.

"Er trat engagiert für die Interessen der Kollegen ein" bringt zum Ausdruck, dass der Arbeitnehmer Mitglied des Betriebsrat war.

"Er trat sowohl innerhalb als auch außerhalb unseres Unternehmens engagiert für die Interessen der Arbeitnehmer ein" heißt, dass dieser Mitarbeiter gewerkschaftlich aktiv war.

Leserkommentare
  1. Aus welchem Grund schreibt jemand ein schlechtes Arbeitszeugnis? Ausser Rache!

    Als Unternehmer schreibe ich doch dem schlechten Lehrling ein gutes Zeugnis, damit er bei der Konkurrenz unterkommt und dort den Betrieb verbockt.

    Echt herzig wie immer der Unternehmer als Gutmensch hingestellt wird der über das Leben anderer wohlwollend bestimmt..

    Eine Leserempfehlung
    • 2eco
    • 27. Januar 2011 18:28 Uhr

    Das schlimme an diesen verschlüsselten Heroglyphen-Sätzen ist, dass sie kaum einer versteht.

    Das heißt sie werden nur von erfahrenen Personalern verstanden.
    In kleinen und mittelständischen Unternehmen schreibt aber auch häufiger mal der Chef, der sich nicht 10 Stunden am Tag mit Personaler-Deutsch beschäftigt, ein Arbeitszeugnis.

    So kann es durchaus vorkommen, dass der Chef eigentlich ein gutes Arbeitszeugnis schreiben möchte, jedoch die Sätze unbewusst falsch codiert oder wichtige Sätze, die nicht fehlen dürfen, vergisst.

    Am besten die Arbeitszeugnisse werden demnächst nur noch in arabischer Spiegelschrift verfasst.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kenne keinen Chef der solche Codes kennt. Dieses Drumherum-Reden ist ein Bsp für die oberfächliche Lächel-gesellschaft in der auch Kunden Könige sind, Lehrer nicht mehr tadeln dürfen und freundlich-charmante Herren an mein Erspartes wollen. Schöne kapitalistische Leistungsgesellschaft!

  2. Ich kenne keinen Chef der solche Codes kennt. Dieses Drumherum-Reden ist ein Bsp für die oberfächliche Lächel-gesellschaft in der auch Kunden Könige sind, Lehrer nicht mehr tadeln dürfen und freundlich-charmante Herren an mein Erspartes wollen. Schöne kapitalistische Leistungsgesellschaft!

    Antwort auf "Schlechte Bewertungen"
    • abnormi
    • 27. Januar 2011 18:43 Uhr

    ... wollte nur Gutes und wundert sich dass nur Schlechtes dabei herauskommt. Was soll dieses Verbot von "schlechten" Arbeitszeugnissen? Schlechte Arbeitszeugnisse gibt es immer noch. Nur diesmal in verschluesselter Form. Die Folge: der Arbeitnehmer - wenn er denn die Sprach der Personalabteilung sprich - kann sich nicht mehr ueber ein schlechtes Arbeitszeugnis beschweren oder gar dagegn klagen - denn alle Arbeitszeugnisse sind ja jetzt "wohlwollend". Tja... Wie immer gute Arbeit, Gesetzgeber.

    Wie war das noch:
    https://www.titanic-magaz... BonnrettetPK.jpg

  3. Menschen müssen in einer Geheimsprache kommunizieren, weil es ihnen verboten ist, die Wahrheit zu sagen. Dort, woher ich komme, nennt man einen solchen Staat eine Diktatur.

    Eine Leserempfehlung
  4. auch einfach den Personalern NOCHMAL ihre VERANTWORTUNG (der wohl (zu) viele nicht gerecht geworden sind, ohne Grund wurden diese Gesetze wohl nicht erlassen.) ERINNERN.

  5. Ich frage mich allerdings auch, ob eine Beurteilung nicht auch einen SINN und ZWECK haben sollte: zum Beispiel, dem Mitarbeiter gegebenenfalls Verbesserungspotentiale aufzuzeigen? Einem Unternehmen, für das der Beurteilte sich bewirbt, Informationen an die Hand zu geben, ob Eignung für die Anstellung besteht?
    Wenn eine Beurteilung zwar wohlwollend, aber deswegen unwahr wird, ist sie überflüssig. Dann sollte es ein paar Standardtexte im Internet geben, unter denen der beurteilende Chef den wählt, dessen Ausdrucksweise seinem persönlichen Stil entspricht (Thriller, Historischer Roman, Schnulze oder so). Die Texte könnten ja vorher auf "Wohlwollenheit" und Inhaltsleere gerichtsfest geprüft sein. Das strengt auch viel weniger an!

  6. Ich glaube die Zeugnissprache ist nur dazu da um zu testen ob die Beteiligten (Fremd- wie Muttersprachler) die unendlichen Feinheiten und Spitzfindigkeiten in der Deutschen Sprache beherrschen.

    Damit wird dann automatisch "Deutsch: verhandlungssicher" bescheinigt - ganz ohne Sprachtest ;-)

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    Verstehen Sie Akademisch?

    Philosophische Texte sind oft besonders unverständlich. Hier ein Beispiel: "Das mit seiner Umgebung konfrontierte gesellschaftliche Subjekt verhält sich jeweils zu den vergangenen Produktionsprozessen insgesamt so wie jenes mit seinem Nicht-Ich konfrontierte Ich zum Akt des in sich zurückgekehrten Handelns, welches als das absolute Ich durch Entgegensetzung eines Nicht-Ichs als Ich produziert."
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