LebenslaufBewerber aus dem Mutantenstadl

Die Lebensläufe von Berufseinsteigern werden immer geschliffener und perfekter. Doch Unternehmen brauchen echte Persönlichkeiten, um innovativ zu sein. von Jochen Mai

Junger Mann: Aufnahme aus dem Jahr 1955

Junger Mann: Aufnahme aus dem Jahr 1955  |  © Chaloner Woods/Getty Images

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dann, ein paar Tage später, schuf er den Menschen. Er schuf ihn als Mann und als Frau und darüber hinaus höchst individuell. Das war ein kreativer Kraftakt. Wir versuchen heute das Gegenteil. Unsere Lebensläufe gleichen sich immer mehr an. Die Leute wollen alles sofort und auch alles richtig machen, möglichst früh. Heraus kommt das: Studium an einer Spitzenuniversität, natürlich in Rekordzeit, zig Praktika, davon einige im Ausland, zwei Fremdsprachen fließend, mobil, strahlend gebleachtes Lächeln, modischer Kurzhaarschnitt (auch die Frauen!), Partner – aber ungebunden.

Solche Nachwuchskräfte wollen meist hoch hinaus, haben ihre Laufbahn optimiert, den Lebenslauf genauso sorgfältig geplant und abgearbeitet wie die Radtour durchs australische Outback gleich nach der Uni. Das alles ist nicht verwerflich, sondern vorausschauend, umsichtig und klug. Aber das reicht nicht. Es fehlt noch die Persönlichkeit.

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Jochen Mai
Jochen Mai

Jochen Mai studierte Wirtschaft, arbeitete als Wirtschaftsjournalist und Social-Media-Manager. Heute ist er Berater und lebt von seinem Blog Karrierebibel.

Den wenigsten Berufseinsteigern fehlt es heute an aktuellem Wissen oder Praxisbezug. Die Universitäten haben schon vor Jahren auf die Wünsche der Wirtschaft reagiert und bieten entsprechende Kurse an: Fallstudien, Pflichtpraktika, Etikettekurse zieren die Studienpläne. Darauf konzentrieren sich die Unternehmen dann bei der Bewerberauslese. Beschäftigt oder befördert werden so zwar analytisch brillante, kühl kalkulierende Köpfe – nicht selten aber auch berechnende Opportunisten, denen der soziale Abgleich fehlt. Intelligenzbestien im Wortsinn. Wohin das führen kann, haben zahlreiche Managerskandale und auch einige jüngere Politikerskandale gezeigt. Bilanzmanipulation, Insidermissbrauch, Plagiate und Raffgier füllten die Schlagzeilen. Was wiederum den Volksglauben vom hässlichen Kapitalismus befördert.

Zum Glück gibt es auch die Gegenbewegung: Unternehmen, die nach vielfältigen Charakteren statt nach Inselbegabung suchen. Das macht den Ausleseprozess zwar nicht leichter, aber Sinn. Akademische Intelligenz korreliert nicht zwingend mit Kreativität und sozialem Geschick. Auf letztere kommt es aber in immer schnelleren, globaleren Märkten an. Wer an der Uni brilliert, kann im Markt trotzdem versagen, wenn er neuen Trends mit 0815-Methoden begegnet.

Der Keim der Innovation steckt eben oft im Unkonventionellen . Gute Ideen entstehen, weil jemand quer denkt, rumspinnt, fantasiert oder träumt. Dieses Verhalten ist dem Karrieristen fremd. Er hat gelernt, seine Ziele geradlinig zu verfolgen, mit dem Kopf durch die Wand. Oft sucht er dabei aber nicht das Wohl des Unternehmens, sondern sein eigenes. Das macht ihn zudem illoyal. Je höher aber ein Mitarbeiter aufsteigt, desto mehr ist er Visitenkarte des Unternehmens. Läuft das Geschäft glänzend, sind vielleicht Glänzer an der Spitze gar nicht so verkehrt. Wenn es aber darum geht, Solidität und Substanz zu demonstrieren, muss sich das auch in der Persönlichkeit des Managers spiegeln. In jemandem der qua Argument überzeugt und nicht qua Ellbogen.

Umgekehrt kann es natürlich auch von Charakter zeugen, ein Unternehmen zu verlassen, mit dessen Kultur und Wert man sich nicht länger identifizieren kann. Das ist riskant, wird aber immer häufiger anerkannt. Die Zuschnitte neuerer Auswahlverfahren jedenfalls zeigen, dass die Charakterfrage künftig den Ausschlag geben könnte.

Was Unternehmen erfolgreich macht, sind eben nicht hochbezahlte Arbeitstiere und im Windkanal optimierte Mutanten, sondern Menschen, die nicht nur mit dem Verstand führen, sondern auch mit Empathie, die Vorbild sind, Werte leben, die verlässlich und offen für Neues bleiben.

Ein Kochrezept für die perfekte Karriere gibt es nun mal nicht. Heute noch weniger als früher. Seine Zukunftspläne nach wenigen Standards auszurichten wäre also mehr als töricht. Unkreativ wäre es freilich dazu. Tun Sie sich selbst also einen Gefallen und arbeiten Sie vor allem an Ihrer Persönlichkeit, an Reife und erhalten Sie sich Ihre Vielfalt. Je früher, desto besser.

Erschienen in der WirtschaftsWoche

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Leserkommentare
  1. Danke für den Artikel. Ich kann ihnen nur zustimmen. Karriere bedeutet für mich persönlich eben nicht nur das eigene Wohl im Beruf im Auge zu haben, sondern im beruflichen Umfeld - und das betrifft eben auch soziale Aspekte, kreatives Denken und mehr - klug zu handeln. Das sind Sachen, die man nicht zwangsläufig an der Uni lernt, zumindest nicht, wenn man nur stromlinienförmig durch alle Vorlesungen und Seminare schwimmt, ohne mal über den sprichwörtlichen Tellerrand hinauszuschauen. Ich bitte dies nicht mit geringer Zielstrebigkeit zu verwechseln; aber es kann von Vorteil gewesen sein, auch mal in einer anderen Vorlesung als denen der eigenen Fachrichtung gesessen zu haben. Mal in einem (Uni-)Sportkurs etwas mitorganisiert zu haben. Auf einem Auslandssemester andere Nationalitäten kennengelernt zu haben und auch die Umstände unter denen sie zu Hause leben. Und all dies eben nicht nur mit dem Hintergrund, es sich auf die Schultern tackern zu wollen, wie einen neu erworbenen Orden, sondern weil man selber daran interessiert ist. SO entwickeln sich meiner Meinung nach Persönlichkeiten im universitären Umfeld besser. Eine Garantie für Karriere gibt es (dann) allerdings nunmal nicht.

    Wo sind Männer wie Warren Buffet geblieben; Menschen, die ihren Vorteil im Kapitalismus mit einem Maximum an Demut und sozialer Verwantwortung tragen?

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    • Dirac
    • 30. März 2011 7:40 Uhr

    Oder geht es hier vielmehr um perfektionistische BWL- bzw. Wirtschaftsstudenten?

    Gute Ideen entstehen, weil jemand quer denkt, rumspinnt, fantasiert oder träumt. Dieses Verhalten ist dem Karrieristen fremd.

    Das mag vielleicht für ein striktes BWL-Studium stimmen, trifft jedoch bei weitem nicht auf alle (eher noch: die meisten) Studiengänge zu.

    Akademische Intelligenz korreliert nicht zwingend mit Kreativität und sozialem Geschick. Auf letztere kommt es aber in immer schnelleren, globaleren Märkten an. Wer an der Uni brilliert, kann im Markt trotzdem versagen, wenn er neuen Trends mit 0815-Methoden begegnet.

    Siehe oben. Das ist eher ein Defizit des Wirtschaftsstudiums, weil man weniger allgemein gültige analytische Fähigkeiten entwickelt, sondern bitte immer schon "praxisbezogen" studiert.
    Das heißt: Themen wie z.B. Logistik an Hand eines spezifischen Unternehmens zu unterrichten, statt allgemeine Gedankengänge und Theorien zu lehren. Wie sollte da auch der Absolvent ohne Praktikum in seinem Unternehmen sowas anwenden, wo das ja "ganz anders und ungewohnt" abläuft? Auf Fortschritte einstellen geht schlecht, wenn man dann nicht mal die Grundlagen beherrscht. Wo soll da die Kreativität herkommen?
    Es tut mir ja schon fast für die BWL-Studenten Leid, aber ich kenne die Problemstellungen, Vorlesungsthemen und Hausaufgaben von denen sehr gut.
    Mathe auf Schulniveau, stattdessen lieber mehr "Presentations" und stures Auswendiglernen.

    2 Leserempfehlungen
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    • kc822
    • 30. März 2011 8:00 Uhr

    Man möchte sich nur mal den Allianz Chef anschauen...Zehn Jahre Philosophie studiert und heute Chef des größten Versicherers...

    Ich weiß zwar nicht wieso Sie so guten Einblick in die mathematischen Aufgabenstellungen in Wirtschaftsstudiengängen haben, aber entweder haben Sie Mathematikunterricht jenseits von gut und böse erlebt oder es muss sich innerhalb der letzten 4 Jahre so dermaßen verschlechtert haben, dass ihre Aussage leider doch zutrifft.

    Ich habe sowohl in Braunschweig an der TU als auch an der Uni Hamburg Mathevorlesungen für Wirtschaftswissenschaftler besucht. Diese hatten bis auf die ersten 3 Vorlesungswochen mit meinem Mathe-Leistungskurs auf annähernd bayrischem Schulniveau überhaupt nichts gemein.

    Abseits davon halte ich die Bologna-Reform für den größten Murks der je verzapft wurde. Man kann nur hoffen, dass die Reformen tatsächlich Früchte tragen. Ein Auslandsstudium ist ja bei den verschulten Studienplänen kaum noch möglich. Und Zeit über den Tellerrand zu blicken bleibt den Studenten leider nur noch selten.

    Wo genau liegt das Problem bei den verschulten Studiengängen und Auslandsaufenthalt? Dann gehen sie halt ins Ausland, machen ihr Auslandssemester und fangen dann da an, wo sie aufgehört haben.

    Der Wunsch ist ja der, dass man einen Auslandsaufenthalt machen kann UND keinen zeitlichen Nachteil gegenüber den anderen Studenten hat. Das ist aber unsinnig. Mal abgesehen davon sollte durch die Modularisierung ein Auslandsaufenthalt eher erleichtert werden ... ah ich vergaß die deutschen Professoren: "Was?! Nur 65% Überschneidung mit dem Stoff, den wir hier in dieser Vorlesung lehren?!?!? Nein, das kann ich ihnen nicht anerkennen"

    Das Problem vieler BWLler ist, dass sie glauben, mit einem dort mit einfachsten Methoden erworbenen Abschluss das ganz große Geld zu machen. Und die großen Unternehmensberater bestätigen sie dann auch noch - scheinbar - in ihrer Ansicht. Als "beratender" Jungschnösel kann man den dicken Max markieren, man kann gegenüber anderen - scheinbar nicht der "Elite" angehörenden Unternehmenschefs so richtig sein eigene Macht vorführen: etwa mit der kurzen Anmerkung an einen kritischen Chef eines mittelständischen Unternehmens, was denn seine Hausbank dazu sage, wenn er weiter so 'unmodernes' Verhalten an den Tag läge...

    Bei vielen Absolventen der Betriebswirtschaft - dies gilt nicht für alle - handelt es sich meiner Erfahrung nach mehr um Egoisten, die sich allein um sich selbst drehen und die mit seriöser Beratungstätigkeit nichts zu tun haben.

    • kc822
    • 30. März 2011 8:00 Uhr

    Man möchte sich nur mal den Allianz Chef anschauen...Zehn Jahre Philosophie studiert und heute Chef des größten Versicherers...

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  2. kann man doch "Charakter" nirgends "lernen", was oftmals das Einzige ist, was diese gut können.

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  3. Der Querdenker verhält sich zum Querulanten wie der Freiheitskämpfer zum Terroristen: Es ist hauptsächlich eine euphemistische Selbstbetitelung und immer eine Frage des Standpunktes.

    Die Quedenker die ich kennen gelernt habe, haben vor allem eine Menge Wind gemacht und ihre Ideen nicht selbst durchgesetzt, mit dem Argument "Die Niederungen der Ausführung sind nicht mein Metier - "geht nicht" will ich nicht hören, ihr wollt alle nur nicht wirklich!"

    Am Ende waren es dann ältere Vorschläge die schon lange in der Firma kusierten die umgesetzt wurden und die als Verdienst des Querdenkers angepriesen wurde.

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    die Ideen, die gerade in Mode kommen, besonders überzeugend vertreten.

  4. 6. So so

    Ich weiß zwar nicht wieso Sie so guten Einblick in die mathematischen Aufgabenstellungen in Wirtschaftsstudiengängen haben, aber entweder haben Sie Mathematikunterricht jenseits von gut und böse erlebt oder es muss sich innerhalb der letzten 4 Jahre so dermaßen verschlechtert haben, dass ihre Aussage leider doch zutrifft.

    Ich habe sowohl in Braunschweig an der TU als auch an der Uni Hamburg Mathevorlesungen für Wirtschaftswissenschaftler besucht. Diese hatten bis auf die ersten 3 Vorlesungswochen mit meinem Mathe-Leistungskurs auf annähernd bayrischem Schulniveau überhaupt nichts gemein.

    Abseits davon halte ich die Bologna-Reform für den größten Murks der je verzapft wurde. Man kann nur hoffen, dass die Reformen tatsächlich Früchte tragen. Ein Auslandsstudium ist ja bei den verschulten Studienplänen kaum noch möglich. Und Zeit über den Tellerrand zu blicken bleibt den Studenten leider nur noch selten.

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    • Dirac
    • 30. März 2011 8:57 Uhr

    Natürlich habe ich damit leicht übertrieben. Den kleinen Einblick habe ich, weil einige Freunde von mir wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge studieren (BWL, Wirtschaftsinformatik auch an unterschiedl. Unis) und ich denen hier und da helfe.
    Dabei sehe ich auch das Niveau bzw. den Stoff der Mathe-Vorlesungen.
    Für mich wäre Mathematik eine wichtige Grundlage sämtlicher wirtschaftl. Vorlesungen, ist sie aber anscheinend nicht.
    Meine Mathevorlesungen aus dem ersten Semester haben jedenfalls den gleichen Stoff abgedeckt wie die Mathevorlesungen der ersten 4 Wirtschafts-Semester. Mathematik mit etwas Anspruch ist jedenfalls nicht dabei gewesen, sondern die Art, bei der man mit "Schablone-Anlegen" locker bestehen kann. Nachdenken bzw. die Mathematik interpretieren/verstehen war jedenfalls nicht dabei, "Anwendung reicht ja" - leider ohne zu wissen warum.
    Etwas erschreckend, dass diese Leute wohl später mal meine Vorgesetzten/Abteilungsleiter sein werden.

  5. das findet man heute in vielen Betrieben. Insofern war Guttenberg nur der öffentliche Ausdruck einer Generation. Schuld ist aber natürlich nicht diese generation, sondern jene, die sie dahin getrieben haben.
    Wer zu hause auf Händen getragen wurden, geradezu vergöttert verliert den Bezug zur Realität, in der Schule im Schmusekurs zum Abitur gelangt und sich anschließend an einer Uni wiederfindet, wo er zwar fachspezifisch unglaublich viel lernen muss, aber total vergessen wird, was es heißt universitär zu lernen und zu leben, der holt sich in der Gesellschaft Blessuren, siehe Guttenberg.
    Ist es nicht die Politik und die hinter diesen Stehenden, die nur einen angepaßten, nicht quer denkenden Wähler wünschen. Hat man nicht die gesellschaftlichen Werte durch obskure Werte (siehe RTL) ersetzt.
    Man muss sich nicht wundern, es handelt sich um ein Prinzip.

    9 Leserempfehlungen
    • Dirac
    • 30. März 2011 8:57 Uhr

    Natürlich habe ich damit leicht übertrieben. Den kleinen Einblick habe ich, weil einige Freunde von mir wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge studieren (BWL, Wirtschaftsinformatik auch an unterschiedl. Unis) und ich denen hier und da helfe.
    Dabei sehe ich auch das Niveau bzw. den Stoff der Mathe-Vorlesungen.
    Für mich wäre Mathematik eine wichtige Grundlage sämtlicher wirtschaftl. Vorlesungen, ist sie aber anscheinend nicht.
    Meine Mathevorlesungen aus dem ersten Semester haben jedenfalls den gleichen Stoff abgedeckt wie die Mathevorlesungen der ersten 4 Wirtschafts-Semester. Mathematik mit etwas Anspruch ist jedenfalls nicht dabei gewesen, sondern die Art, bei der man mit "Schablone-Anlegen" locker bestehen kann. Nachdenken bzw. die Mathematik interpretieren/verstehen war jedenfalls nicht dabei, "Anwendung reicht ja" - leider ohne zu wissen warum.
    Etwas erschreckend, dass diese Leute wohl später mal meine Vorgesetzten/Abteilungsleiter sein werden.

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    Antwort auf "So so"
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    • karbol
    • 30. März 2011 10:26 Uhr

    Ich bin zu alt, um noch den Einblick in heute vermitteltes Schulwissen zu haben, aber gab es nicht mal eine Zeit, da konnte man das Abitur auch mit ausschließlichen Prüfungen in Singen, Nadelarbeit und Steptanz erwerben? Wenn es denn wirklich so war, konnte man natürlich auch keine Kompetenz in Mathematik erwarten.

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  • Schlagworte Lebenslauf | Innovation | Kochrezept | Outback | Plagiat | Radtour
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