Junger Mann: Aufnahme aus dem Jahr 1955 © Chaloner Woods/Getty Images

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dann, ein paar Tage später, schuf er den Menschen. Er schuf ihn als Mann und als Frau und darüber hinaus höchst individuell. Das war ein kreativer Kraftakt. Wir versuchen heute das Gegenteil. Unsere Lebensläufe gleichen sich immer mehr an. Die Leute wollen alles sofort und auch alles richtig machen, möglichst früh. Heraus kommt das: Studium an einer Spitzenuniversität, natürlich in Rekordzeit, zig Praktika, davon einige im Ausland, zwei Fremdsprachen fließend, mobil, strahlend gebleachtes Lächeln, modischer Kurzhaarschnitt (auch die Frauen!), Partner – aber ungebunden.

Solche Nachwuchskräfte wollen meist hoch hinaus, haben ihre Laufbahn optimiert, den Lebenslauf genauso sorgfältig geplant und abgearbeitet wie die Radtour durchs australische Outback gleich nach der Uni. Das alles ist nicht verwerflich, sondern vorausschauend, umsichtig und klug. Aber das reicht nicht. Es fehlt noch die Persönlichkeit.

Den wenigsten Berufseinsteigern fehlt es heute an aktuellem Wissen oder Praxisbezug. Die Universitäten haben schon vor Jahren auf die Wünsche der Wirtschaft reagiert und bieten entsprechende Kurse an: Fallstudien, Pflichtpraktika, Etikettekurse zieren die Studienpläne. Darauf konzentrieren sich die Unternehmen dann bei der Bewerberauslese. Beschäftigt oder befördert werden so zwar analytisch brillante, kühl kalkulierende Köpfe – nicht selten aber auch berechnende Opportunisten, denen der soziale Abgleich fehlt. Intelligenzbestien im Wortsinn. Wohin das führen kann, haben zahlreiche Managerskandale und auch einige jüngere Politikerskandale gezeigt. Bilanzmanipulation, Insidermissbrauch, Plagiate und Raffgier füllten die Schlagzeilen. Was wiederum den Volksglauben vom hässlichen Kapitalismus befördert.

Zum Glück gibt es auch die Gegenbewegung: Unternehmen, die nach vielfältigen Charakteren statt nach Inselbegabung suchen. Das macht den Ausleseprozess zwar nicht leichter, aber Sinn. Akademische Intelligenz korreliert nicht zwingend mit Kreativität und sozialem Geschick. Auf letztere kommt es aber in immer schnelleren, globaleren Märkten an. Wer an der Uni brilliert, kann im Markt trotzdem versagen, wenn er neuen Trends mit 0815-Methoden begegnet.

Der Keim der Innovation steckt eben oft im Unkonventionellen . Gute Ideen entstehen, weil jemand quer denkt, rumspinnt, fantasiert oder träumt. Dieses Verhalten ist dem Karrieristen fremd. Er hat gelernt, seine Ziele geradlinig zu verfolgen, mit dem Kopf durch die Wand. Oft sucht er dabei aber nicht das Wohl des Unternehmens, sondern sein eigenes. Das macht ihn zudem illoyal. Je höher aber ein Mitarbeiter aufsteigt, desto mehr ist er Visitenkarte des Unternehmens. Läuft das Geschäft glänzend, sind vielleicht Glänzer an der Spitze gar nicht so verkehrt. Wenn es aber darum geht, Solidität und Substanz zu demonstrieren, muss sich das auch in der Persönlichkeit des Managers spiegeln. In jemandem der qua Argument überzeugt und nicht qua Ellbogen.

Umgekehrt kann es natürlich auch von Charakter zeugen, ein Unternehmen zu verlassen, mit dessen Kultur und Wert man sich nicht länger identifizieren kann. Das ist riskant, wird aber immer häufiger anerkannt. Die Zuschnitte neuerer Auswahlverfahren jedenfalls zeigen, dass die Charakterfrage künftig den Ausschlag geben könnte.

Was Unternehmen erfolgreich macht, sind eben nicht hochbezahlte Arbeitstiere und im Windkanal optimierte Mutanten, sondern Menschen, die nicht nur mit dem Verstand führen, sondern auch mit Empathie, die Vorbild sind, Werte leben, die verlässlich und offen für Neues bleiben.

Ein Kochrezept für die perfekte Karriere gibt es nun mal nicht. Heute noch weniger als früher. Seine Zukunftspläne nach wenigen Standards auszurichten wäre also mehr als töricht. Unkreativ wäre es freilich dazu. Tun Sie sich selbst also einen Gefallen und arbeiten Sie vor allem an Ihrer Persönlichkeit, an Reife und erhalten Sie sich Ihre Vielfalt. Je früher, desto besser.

Erschienen in der WirtschaftsWoche