PersonalsucheMittelständler verschlafen soziale Netzwerke als Stellenmarkt

Große Konzerne nutzen soziale Netzwerke, um qualifizierte Fachkräfte zu finden. Diesen Weg zur Personalsuche könnte auch der Mittelstand gehen, doch er zögert. von Klaus Schepers

Ein Mann sendet einen Tweet mit seinem Mobiltelefon

Ein Mann sendet einen Tweet mit seinem Mobiltelefon  |  © Scott Halleran/Getty Images

Wer mit Callcenter-Aktivitäten sein Geld verdient, hat nicht automatisch dicke Bewerbungsstapel auf dem Tisch. Dalibor Gavric, Personalreferent bei SNT Deutschland, kennt die Mühe, über klassische Kanäle gute Leute für Telefon-Aufgaben zu gewinnen, etwa in Greifswald, Chemnitz oder Neubrandenburg. Die Personalabteilung reagierte im Jahr 2010 und verpasste SNT einen Auftritt in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Xing und dem Portal Kununu, wo Mitarbeiter ihren Arbeitgeber bewerten.

Der Vorteil: Firmen starten den Dialog mit Bewerbern, polieren das Image und dürfen hoffen, dass sich Stellenofferten im Kreis der virtuellen Freunde nach dem Schneeballprinzip verteilen.

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"Das Web 2.0 ist der Stellenmarkt der Zukunft", sagt August-Wilhelm Scheer, Präsident des IT-Verbands Bitkom. "Die Unternehmen müssen dort präsent sein, wo sich die Menschen beruflich und privat vernetzen und Informationen sammeln." Immerhin 29 Prozent der Firmen bieten nach einer aktuellen Bitkom-Erhebung Stellen auch in sozialen Netzwerken an – Tendenz steigend.

Eine andere Studie zeigt jedoch: Der Mittelstand nutzt diesen Weg eher zögerlich. Nach einer Umfrage der Personalberatung Von Rundstedt HR Partners nutzen nur 19 Prozent der Firmen mit 100 bis 500 Mitarbeitern soziale Netzwerke, viel seltener als kleinere oder große Unternehmen. "Beim Thema Social-Media wartet der Mittelstand zunächst ab. Viele fragen noch, was das eigentlich bringt", sagt Marc Tenbieg, Beiratsvorsitzender im Deutschen Mittelstands-Bund. Dabei sind Experten wie Sophia von Rundstedt sicher: "Um im Kampf um Talente gegenüber großen Unternehmen zu bestehen, muss der Mittelstand Employer-Branding auf Konzernniveau betreiben."

Theoretisch ist es für Mittelständler einfach, bei Facebook und anderen sozialen Medien auf Augenhöhe mit Konzernen zu konkurrieren. "Die Einstiegskosten sind relativ gering, ein Firmenprofil oder ein Twitteraccount sind schnell erstellt", sagt der Hamburger Personalberater Jan Kirchner, der sich auf Online-Rekrutierung spezialisiert hat. "Social-Media bietet eine große Chance, die eigene Nische darzustellen." Wer aber allzu oberflächlich werblich daherkommt, unaktuell oder wenig kreativ, verliere rasch an Glaubwürdigkeit. Kirchner rät, Inhalte zu liefern, die sich von der bloßen Unternehmensbotschaft abheben und relevanten Zusatznutzen bieten. Der Schlüssellochblick ins Unternehmen – Horrorvorstellung vieler Chefs alter Schule – muss ein Stück weit erlaubt sein.

Berichte aus den Abteilungen, Pinnwandfragen an den Bereichsleiter oder Fotos von After-Work-Partys? Man muss sich klar darüber sein, welche Zielgruppen angesprochen werden. Aufpassen müssen gerade Firmen, die verbrauchernah produzieren, es drohen Interessenkonflikte. Für sie ist ratsam, explizit eine Karriereseite zu gründen.

Damit hat auch der Münchener Automobilzulieferer In-Tech gute Erfahrungen gemacht. Binnen eines halben Jahres kamen gut 1250 Fans zusammen, mehr als bei manchem Dax-Konzern. Die Karriereseite samt Jobbörse zahlt sich aus: Bis zu 14 Prozent der Bewerber erreichen In-Tech nach Firmenangaben über Facebook, das Durchschnittsalter der webaffinen Belegschaft liege bei 30 Jahren. "Ziel ist vor allem, unsere Markenbekanntheit zu steigern", sagt Personalleiterin Christine Oertel. "Wir werden 2011 mindestens 40 neue Arbeitsplätze für Ingenieure und Techniker schaffen", meldete man per Facebook zu Beginn des Jahres. Nachrichten wie diese wären früher an vielen Young-Potentials vorbei gegangen, weil sie dazu die Website der Firma hätten aufsuchen müssen. Jetzt erscheint die Nachricht direkt in ihrem Profil – vorausgesetzt, sie sind Fan der Karriereseite von In-Tech.

Erschienen im Handelsblatt

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Leserkommentare
  1. warum "soziale" Netzwerke bei der Arbeitskräftesuche so "geeignet" sein sollen?

    Außer man "giert" nach den gerade angesagten Studiengängen und "labert" dann die Damen und Herren auf StudiVz von wegen "komm zu uns" / "mach dein praktikum bei uns" / "mach bei uns den Werksstudenten und verdiene gutes Geld" an?

    Ansonsten - wenn ich mir die Profile meiner Bekannten anschaue - sehe ich höchstens den Bereich und vielleicht noch die Firma, was da zu einem Suchen und Finden führen soll...

    Oder ich bin einfach zu skeptisch / habe die "falschen" Bekannten. ;)

  2. Callcenter sind meist knallharte Lohntreiber, da nützt ein bißchen Twitterschminke und Facebook-Geposte auch nichts.
    Transparente, faire Lohnstrukturen würden da schon eher helfen.

    Im Web zählt Authentizität - und da frage ich mich wirklich, wie die zustande kommen soll, ohne damit unweigerlich Dinge an die Öffentlichkeit zu tragen, die da einfach nicht hin gehören.

    Aber ich frage mich wirklich, welche wirklich qualifizierten Kräfte darauf fliegen sollen.
    Wenn mein Arbeitgeber so vorgehen würde, hätte das zwar durchschlagenden Erfolg - aber nur als unternehmensinterner Witz.
    Na, die entsprechenden Berater wollen ja auch Geld verdienen.

  3. Nicht nur die Unternehmen können in sozialen Netzwerken gucken, die Kunden auch!

    Und mal angenommen, man möchte zu Bank X, wo Norbert Netzwerk die Kundenberatung macht. Den googelt man vor dem Termin und sieht ihn dann in "Gruppen" wie "Saufen nonstop" oder seinen Speckbauch oben ohne auf der letzten Grillparty.

    Dann gibt es da noch Bank Y, wo Larry Langweilig arbeitet. Den googeln sie ebenfalls, sie finden aber nüscht. Sie gehen natürlich zu Bank Y, denn jemand, über den man nichts weiß wirkt im Zweifel seriöser, als jemand, über den man Dinge erfahren kann, die man vielleicht niemals wissen wollte.

    Ich bin so ehrlich, einem Unternehmen, dessen Mitarbeiter ihr Privatleben öffentlich machen, traue ich keinen seriösen Umgang mit den Kunden zu, geschweige denn, dass Interna auch intern bleiben, jedenfalls nicht auf Dauer.

    Tja, die "Netzwerke" taugen nichts, wenn sie öffentlich werden. Sowas funktioniert nur, wenn es im Verborgenen stattfindet. Attentate werden ja auch nicht vorab getwittert, insofern sollte man auch seine "Karriereplanung" nicht öffentlich veranstalten.

  4. Gute Leute kennen gute Leute.

    Das ist doch mit dem Schneeballprinzip gemeint. Gerade die mittelständischen Unternehmen haben das Problem der geringen Bekanntheit. Im sozialen Netzwerk sind die Unternehmen doch ohnehin schon zu finden. Ein Mitarbeiter gibt an, dass er bei Firma X arbeitet und berichtet im Web täglich von seiner Arbeit. Einen Großteil seiner Facebook-Freunde hat er an der Uni kennengelernt. Diese haben also ähnliche Qualifikationen und sind möglicherweise auf Jobsuche. Und genau dort wo sie sich mit ehemaligen Kommilitonen über die Jobsuche austauschen, kann man sie als Unternehmen auch gleich auffangen und mit einer ansprechenden Facebook-Seite neugierig machen.

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